Den kleinen Bruder Paul geschliffen, Studentenleben mit Riyad Mahrez, in Uerdingen durchgefallen: Das ist Mathias Pogba

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Mathias Pogba, der Bruder von Weltmeister Paul, absolvierte ein Probetraining beim KFC Uerdingen, fiel durch. Goal stellt den Stürmer vor.

MATHIAS POGBA IM PORTRÄT

Die Unordnung in der beschaulichen Wohnung, irgendwo in einer Kleinstadt im Nordwesten Frankreichs, ist enorm. Überall liegen alte Fast-Food-Verpackungen herum, hier und da finden sich ein paar alte Pommes wieder, die in den letzten Tagen versehentlich auf dem Boden gelandet sind. Mathias Pogba ist es leid.

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"Ich kam mit ihm zunächst nicht klar, weil er so unordentlich war. Ich musste ihn zähmen, ihm die Realität aufzeigen. Nach zwei oder drei Monaten ging es dann", sagte er mal über seinen einstigen Mitbewohner. Der hieß damals, vor knapp zehn Jahren, Riyad Mahrez. Und ist heute bekanntlich einer der größten Stars der Premier League, wechselte vor der neuen Saison für knapp 68 Millionen Euro von Leicester zu Meister Manchester City.

Mathias Pogba hat es aus Quimper, einem französischen Amateurklub, bei dem er und Mahrez in der Saison 2009/10 als Jungspunde ihren Weg nach ganz oben initiieren wollten und zusammen wohnten, nicht annähernd so weit gebracht. Seit einem Jahr ist der 27-jährige Stürmer vereinslos, absolvierte zuletzt ein Probetraining beim KFC Uerdingen. Überzeugen konnte er beim deutschen Drittligisten jedoch nicht, wurde nicht verpflichtet. "Er ist aktuell noch nicht in einem guten körperlichen Zustand. Er hat noch zu viele Kilos auf den Hüften. Mathias hätte der Mannschaft nicht weiterhelfen können", begründete Uerdingens Trainer Stefan Krämer.

Mathias Pogba: Geboren in Guinea, groß geworden in den Vororten von Paris

Doch was steckt eigentlich hinter dem älteren Bruder von Weltmeister und United-Superstar Paul? Goal stellt Euch Mathias Pogba mal etwas genauer vor.

Anders als der gut zweieinhalb Jahre jüngere Paul, der bereits in Frankreich zur Welt kam, wurde Mathias Pogba noch in der Heimat seiner Eltern, in Guineas Hauptstadt Conakry geboren. Früh kam er mit der Familie aber in die Grande Nation, in den Großraum Paris.

In den östlichen Vororten der französischen Hauptstadt wuchs er auf, machte sich gemeinsam mit Zwillingsbruder Florentin schnell einen Namen auf den Bolzplätzen und Käfigen in und um Paris. "Da lernten wir, uns durchzusetzen - und Paul als der Jüngste wollte so sein wie wir", erinnerte sich Mathias im Interview mit dem Guardian. "Er war viel zu gut für die Jungs im gleichen Alter wie er, also sagten wir: 'Komm' und spiel mit uns, dein Spiel wird sich schneller entwickeln und du wirst stärker.' Schaut Ihn Euch heute an, es hat funktioniert."

Mathias Pogba Crewe 2013Mathias Pogba im Jahr 2013 im Trikot von Crewe Alexandra

Mathias und Florentin fingen zusammen beim Vorortklub US Roissy-en-Brie an, wurden mit 16 Jahren vom spanischen Erstligisten Celta Vigo entdeckt, zum Probetraining eingeladen und schließlich in Celtas Nachwuchsakademie aufgenommen. "Mental war es sehr hart", gibt er zu. "Ein anderes Land, man lässt Familie und Freunde zurück, spricht die Sprache nicht. Und wir waren noch so jung. Alleine hätte ich das wohl nie machen können, schon zu zweit war es hart genug."

Zwei Jahre lang blieben die Pogba-Zwillinge in Vigo, ehe sie nach Frankreich zurückkehrten. Und während Paul seinerzeit gerade vom AC Le Havre in die Akademie von Manchester United wechselte und Florentin beim damaligen französischen Zweitligisten CS Sedan unterkam, versuchte Mathias vergeblich, sich in Deutschland beim 1. FC Kaiserslautern zu empfehlen.

Mathias Pogba und seine WG mit Riyad Mahrez: "Es gab immer Burger und Pommes"

Statt zum FCK ging es für ihn 2009 zu eben jenem Quimper FC, damals in Frankreichs vierter Liga angesiedelt. Gerade 19 Jahre alt geworden, bewohnte Pogba mit Mahrez eine kleine Bude im 60.000-Einwohnerort, sie lebten alles andere als professionell. "Wir hatten eine sehr schlechte Ernährung. Sehr, sehr schlecht", erzählte er der Daily Mail. "Es gab immer Burger und Pommes, wir lebten ein echtes Studentenleben. Zwei Jungs, die nicht kochen konnten, ständig Fast Food aßen und draußen herumhingen."

Ein Jahr blieb Pogba bei Quimper - und es lief überhaupt nicht gut, ständig warfen ihn Verletzungen zurück. "Diese Zeit hätte beinahe meine Profikarriere ruiniert, ehe sie überhaupt begonnen hatte", gesteht er. Mathias bricht die Zelte im Nordwesten Frankreichs im Jahr 2010 daher wieder ab, wechselt wie der kleine Bruder Paul nach England. Nicht zum großen United, sondern zum AFC Wrexham in die fünfte Liga.

Wieder hatte er einen später berühmten WG-Kollegen, bezog gemeinsam mit Paul eine Wohnung in Manchester. "Ein guter Mitbewohner, keine Probleme", sagt Mathias mit einem Augenzwinkern. Auch sportlich läuft es auf der Insel besser für ihn. Er hat zwei gute Spielzeiten bei Wrexham, in der Saison 2011/12 gelingen ihm elf Ligatore. Crewe Alexandra, damals gerade frisch in die dritte Liga aufgestiegen, bietet ihm einen Vertrag an. Und Pogba sagt zu.

"Ich hatte keine Ahnung, dass sie gerade in die dritte Liga aufgestiegen waren", gab er zu. "Ich hörte Crewe und wusste sofort, dass der Klub dafür bekannt ist, junge Spieler gut entwickeln zu können. Dass sie dritte Liga spielten, machte das Ganze dann noch besser."

Der physisch geprägte Spielstil in England kam dem wuchtigen Mathias Pogba, ein klassischer Neuner, entgegen. "In England entdeckte ich meinen Fußball. Meinen Spielstil. Ich kann nicht sagen, es ist mein Zuhause, weil ich mich fühle, als hätte ich schon überall gelebt. Aber es war der Fußball, der am besten zu mir passt", erklärte er mal. Während seiner Zeit in Crewe debütierte Pogba auch für Guineas Nationalelf, für die er seit der Premiere gegen den Senegal im Februar 2013 aber insgesamt lediglich fünfmal aufgelaufen ist, das bisher letzte Mal im Juni 2017 gegen Algerien.

Mathias Pogba und seine Odysse: Italien, England, Schottland, Niederlande

Obwohl es in Crewe so gut lief, verließ er den Klub nach zwei Jahren und 17 Drittligatoren wieder, ging nach Italien zum Zweitligisten Pescara. Eine fatale Entscheidung, wie sich herausstellen sollte. Der Trainer hatte ihn offenbar gar nicht gewollt, sprach erst gar nicht mit ihm und machte ihm dann klar, dass er nicht auf seinen Spielstil stehe. Nach nur einem halben Jahr und vier erfolglosen Kurzeinsätzen in der Serie B verließ Pogba Pescara schon wieder.

Ein Wechsel nach Den Haag zerschlug sich, obwohl sich in einem Voting 80 Prozent der Fans des niederländischen Klubs für eine Verpflichtung Pogbas aussprachen, nachdem jener in einem Testspiel überzeugt hatte. Stattdessen ging er zurück nach England, machte 17 Spiele (zwei Tore) für den Drittligisten Crawley Town, ehe er die Saison 2015/16 mit überschaubarem Erfolg beim schottischen Erstligisten Partick Thistle verbrachte.

Im Sommer 2016 wechselte Pogba schließlich zum niederländischen Erstligisten Sparta Rotterdam. Wenn er spielte, tat er das ordentlich, erzielte in 14 Eredivisie-Einsätzen immerhin vier Tore, darunter der Siegtreffer im Derby gegen Feyenoord im März 2017. Doch Stammspieler wurde er bei Sparta nie, vor rund einem Jahr wurde der Vertrag dann in gegenseitigem Einvernehmen aufgelöst.

Seither ist Mathias Pogba vereinslos, tauchte nur noch an der Seite von Bruder Paul, zuletzt etwa bei der WM-Sause in Russland, in der Fußballwelt auf. Er hielt sich fit, so gut es ging. Für Uerdingen reichte es aber offenbar nicht. Schade irgendwie. Ein Pogba in der 3. Liga hätte durchaus Charme gehabt.

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