EXKLUSIV
Es war Ende der 1990er Jahre, als die Newell's Old Boys, der Traditionsklub aus Rosario, ein wahres Sammelbecken vielversprechender Talenten waren. Zwei davon stachen unter den vielen begabten Jungs noch einmal hervor: Leandro Depetris, Jahrgang 1988. Und ein gewisser Lionel Messi, 1987 geboren.
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Viele derer, die sich Woche für Woche die Spiele der Nachwuchsteams der Newell's anschauten, waren damals der Meinung: Der Jüngere der Beiden, dieser Depetris, würde später der noch bessere Spieler, der noch größere Star werden. Denn Leandro war zwar immer der Kleinste auf dem Platz, es fehlte ihm an Statur und Physis. Aber mit dem Ball am Fuß war er einfach unschlagbar - und scheinbar zu einer Weltkarriere auserkoren.
So sahen zumindest die Erwartungen aus. Mit einem wundervollen linken Fuß gesegnet, ließ Depetris nicht selten drei oder vier Gegenspieler auf einmal stehen. Das war sein Spiel. Und alles wirkte seinerzeit, mit zehn, elf oder zwölf Jahren, so kinderleicht. Als hätte er Flügel an seinen Beinen.
Nicht nur Freunde und Familie kamen, um den kleinen Leandro spielen zu sehen. Schnell hatte sich herumgesprochen, welch grandioses Juwel da bei den Newell's aufzaubert. Fußballbegeisterte aus der Region kamen zu den normalerweise spärlich besuchten Jugendspielen, Trainer, Späher, Geschäftsleute. Die staubigen Plätze Rosarios waren häufig prallgefüllt mit Schaulustigen.
Die Parallelen zu Messi waren auf den ersten Blick ersichtlich. Beide Linksfüßer, sehr schmächtig, technisch herausragend, ihr Spielstil ähnelte sich. Depetris, obwohl rund sechs Monate jünger, schien dabei einen Schritt weiter. Nun, etwa 20 Jahre später, ist Messi seit geraumer Zeit der beste Spieler der Welt. Und Depetris? Der muss versuchen, sich mit Fußball finanziell über Wasser zu halten, spielt seit kurzem für No-Name-Klub Trebolense in der argentinischen Provinz Sante Fe.
Depetris glänzte bei Milan
29 ist Depetris mittlerweile, ist der einizige Akteur im Kader von Trebolense, der ausschließlich vom Fußball leben kann. Vor knapp 20 Jahren begeisterte er als Knirps noch beim großen AC Mailand, sollte dort irgendwann durchstarten, Millionen verdienen. Im Alter von elf bis 14 Jahren reiste er mehrmals pro Jahr für 20 Tage nach Mailand. Er trainierte mit den Nachwuchsmannschaften der Rossoneri, spielte in Freundschaftsspielen mit.
"Mein erstes Spiel im San Siro war ein Sichtungsspiel für Milan gegen Juventus. Es waren 70.000 Zuschauer da", erzählt Depetris im exklusiven Gespräch mit Goal. "Ich war großartig. Mit Elf war ich am Ball deutlich schneller als die meisten meiner Gegenspieler. Sie konnten einfach nicht folgen."
Milan zahlte Depetris und dessen Familie die Reisen aus Argentinien nach Italien, versorgte sie mit allem, was sie brauchten. Man hatte eine mündliche Vereinbarung darüber. Mit 14 wurde es dann ernst, sollte er schließlich einen Vertrag unterschreiben. Doch alles lief schief.
Sein Vater verlangte von Milan ein wenig mehr als nur Essen und eine Unterkunft - und der Deal scheiterte. "Wir haben alles falsch gemacht", sagt Depetris reumütig. "Die Entscheidungen, die mein Vater getroffen hat, waren falsch. In solch einem jungen Alter überhaupt nach Italien zu gehen, war schlecht", gesteht er sich ein.
Schon mit 14, bevor sie richtig begonnen hatte, erfuhr Depetris' Laufbahn also ihren ersten und letztlich entscheidenden Knick. Er ging zurück in die argentinische Heimat, schloss sich River Plate an. Doch statt dort weiter so zu dominieren, wie es früher war, stockte seine Entwicklung.
Auch mit 14 wollte er seine Gegenspieler noch genau so vorführen, wie er es mit Elf getan hatte. Aber es glückte ihm schlichtweg nicht mehr. Sein Körper begann, sich zu verändern, Schnelligkeit und Explosivität gingen verloren, die anderen holten derweil auf. Eigentlich wollte er mit 15 schon für die Profis in der ersten Liga spielen. Weil er das nicht schaffte, stellte sich Frustration ein. Die Fallhöhe hatte ihn eingeholt.
Depetris: "Mit elf Jahren war ich berühmter als Messi"
"Mit elf Jahren war ich berühmter als Messi, 2.000 Menschen kamen, um mir zuzuschauen. Als Zwölfjähriger wollten die Leute Fotos mit mir machen, ich konnte mich draußen nicht in Ruhe bewegen", blickt er zurück. Er habe den enormen Druck stets gespürt, psychologische Hilfe hätte er damals bitter nötig gehabt.
Die Vergleiche zu Messi lassen ihn bis heute nicht los. "Wir haben damals im Training gegeneinander gespielt", erinnert sich Depetris. "Mit Newell's haben wir mit dem 88er und dem 87er Jahrgang eine Tour durch Peru gemacht. Messi konnte nicht, also spielte ich sowohl in meinem Team als auch bei den Älteren. Meistens war ich gegen die Älteren sogar noch besser."
Als Teenager bei River Plate nutzten ihm die Lorbeeren, einst für besser als Messi gehalten worden zu sein, jedoch herzlich wenig. Irgendwann durfte er sogar nicht mehr auf der 10 spielen, weil Diego Buonanotte, der später unter anderem für Rivers Profis und Malaga gespielt hat, dort stärker eingestuft wurde.
Ein Spiel für die erste Mannschaft von River Plate absolvierte Depetris nie. Immerhin kam er für Brescia mal zu 31 Einsätzen in der italienischen Serie B. Das war aber schon das Höchste der Gefühle, zudem stand er unter anderem bei Independiente und einigen kleineren Klubs aus Italien unter Vertrag.
Heute vergeht kein Tag, an dem er nicht darüber nachdenkt, was hätte werden können. Statt in den großen Arenen dieser Welt läuft er auf den Äckern des argentinischen Hinterlandes auf. Spaß mache ihm der Fußball natürlich weiterhin, betont Depetris. Aber: "Als Erstliga-Profi spielst du Fußball, trainierst drei Stunden täglich und bekommst viel Geld dafür. Aber auf meinem Level ist das anders. Auch ich trainiere zwar drei Stunden täglich - aber in der ersten Liga würde ich dafür eben das 50-Fache verdienen. Und ohnehin muss ich beten, um überhaupt bezahlt zu werden ..."
