"Das Wunder von Bordeaux", titelte die kroatische Zeitung Jutarnij list am Tag nach Kroatiens 2:1-Triumph über Spanien. Das gesamte Land sei in Trance, das Match gegen den amtierenden Europameister eines für die Geschichtsbücher. Die Elf von Trainer Ante Cacic hat die vielleicht am besten besetzte Gruppe der EM als Erster abgeschlossen - und entfacht damit Euphorie.
Eine Situation, die man in Kroatien kennt. Wie bei der EM 2008 etwa, als man - damals schon angeführt vom jungen Luka Modric - ebenfalls Gruppenerster wurde, dabei Deutschland hinter sich ließ. Da im Viertelfinale gegen die Türkei Schluss war, fand die Aufbruchstimmung aber ein jähes Ende.
Anders war das 1998, bei der WM in Frankreich, als das seinerzeit noch von Kriegs-Nachwehen gebeutelte, junge eigenständige Land seinen bis heute größten Erfolg feierte, im Viertelfinale Deutschland ausschaltete und am Ende Dritter wurde. Davor Suker hieß damals der Superstar, hinzu kamen weitere starke Einzelspieler wie Robert Jarni, Zvonimir Boban oder Goran Vlaovic.
Bestes Team seit 1998?
Zu jedem großen Turnier, für das sich Kroatien seither qualifizierte, wurden die Erinnerungen daran wieder hervor gekramt. Gute Individualisten hatte man eigentlich immer - allein der Teamgeist blieb oft auf der Strecke. Diesmal, 18 Jahre später, wieder in Frankreich, scheint es aber so weit zu sein, endlich die neue, ersehnte großartige Geschichte schreiben zu können. "Jeder in Kroatien ist der Meinung, dass die aktuelle Mannschaft die beste seit 1998 ist", sagte Ex-Nationalstürmer Ivica Olic bereits vor dem EM-Auftakt.
Die starke Vorrunde mit den Siegen über die Türkei und Spanien hat die Begeisterung zusätzlich geschürt. "Es ist nicht schwer, die Leute hier mit Fußball in Euphorie zu versetzen", betont Ante Buskulic, Chefredakteur von Goal Kroatien. Beinahe ungläubig habe man die Leistungen der Nationalelf bestaunt. "Wir können uns einfach nicht erklären, wie dieses Team, das unter Cacic' Vorgängern Igor Stimac und Niko Kovac teilweise so schlecht gespielt hat, plötzlich so glänzt", führt Buskulic aus.
Tatsächlich verlief die Qualifikation, nachdem man bei der WM 2014 unglücklich schon in der Vorrunde ausschied, schleppend. Erst am letzten Spieltag sicherte ein knappes 1:0 auf Malta den zweiten Gruppenplatz und damit das direkte EM-Ticket. Verwunderlich, ob der Stärke des Kaders - und inzwischen längst abgehakt.
Perisic überragt, die Breite beeindruckt
Ein Ivan Perisic wächst bei der EURO bisher schier über sich hinaus, die Breite des Spielerreservoirs beeindruckt. So konnte Cacic gegen Spanien mit Mario Mandzukic, Luka Modric und Marcelo Brozovic gleich drei Schlüsselspieler schonen, dennoch lieferte die Mannschaft eine astreine Vorstellung ab. Weil Akteure wie Marko Pjaca oder Nikola Kalinic in die Bresche sprangen, Ivan Rakitic im Mittelfeld die Chefrolle übernahm und Perisic vorne die entscheidenden Impulse setzte.

Cacic hat es geschafft, eine echte Mannschaft zu formen, in der sich jeder für den anderen aufopfert. So wie 1998. Anerkennung erhält der Coach dafür aber kaum. "Er ist der Trainer, der im Vergleich zu seinen Vorgängern die geringste Wertschätzung genießt. Die Menschen hier mögen ihn nicht, denken, er sei nicht qualifiziert genug für den Job", erklärt Buskulic. "Alle Anerkennung der Fans gilt den Spielern."
Sorgen diese weiterhin derart für Furore, dürfte Cacic das alles herzlich egal sein. Selbstbewusst gehen die Kroaten die K.o.-Phase an, müssen sich nach dem Triumph über den Titelverteidiger mit der Rolle eines Mitfavoriten anfreunden. "Wenn wir so spielen, können wir jede Mannschaft schlagen. Wer Spanien besiegt, kann weit kommen", kündigte Pjaca auch vollmundig an.
Machbarer Weg ins Halbfinale
Die Konstellation für die K.o.-Phase spricht tatsächlich dafür, dass die Kroaten noch lange in Frankreich weilen werden. Durch den Gruppensieg hat man die leichtere Hälfte des Turnierbaums erwischt, im Achtelfinale wartet ein Gruppendritter, im Viertelfinale geht es mit Polen oder der Schweiz gegen einen schlagbaren Kontrahenten. Und sollte Kroatien das Halbfinale erreichen, warten selbst da mit - vermutlich - Wales, Portugal oder Belgien ebenfalls Mannschaften, die nicht übermächtig sind.
Teams wie Deutschland, Frankreich, Spanien, Italien oder England ginge man bestenfalls bis zum Endspiel aus dem Weg. "Wir werden jetzt Schritt für Schritt unsere Aufgaben abarbeiten", blickt Cacic dem weiteren EM-Verlauf relativ nüchtern entgegen. Sollte der Durchmarsch gelingen, vielleicht sogar noch weiter als 1998, würde die kroatische Presse sicherlich euphorischer titeln. "Das Wunder von Paris" klänge ja auch nicht schlecht.
