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Huddersfield-Neuzugang Abdelhamid Sabiri: Ghetto-Kid, Instinktfußballer, Spätzünder

15:55 MESZ 01.09.17
GFX Abdelhami Sabiri
Abdelhamid Sabiris Weg in die Premier League war alles andere als gewöhnlich. Goal hat mit dem Entdecker des 20-jährigen Marokkaners gesprochen.

"Ich bin einer, der sofort auffällt. Mit meiner Art Fußball zu spielen. Das habe ich auf der Straße gelernt", sagt Abdelhamid Sabiri über sich. Der 20-Jährige, der kürzlich unter kontroversen Umständen vom 1. FC Nürnberg zu Huddersfield Town wechselte, hat es geschafft. Aus dem Ghetto in die Premier League.

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Doch was ist dieser Sabiri, der wegen besagtem Transfer in die Schlagzeilen geriet, für ein Typ? "Wie die Frankfurter Jungs halt so sind", sagt Vincenzo Di Maio mit leisem, verschmitztem Lachen im Gespräch mit Goal. "Man muss sich zu wehren wissen. Und das bringen die oft besser auf den Platz als andere, sind richtig heiß", fügt er an. Di Maio hat Sabiri noch in guter Erinnerung, holte den Marokkaner Anfang 2014 in die U19 der TuS Koblenz, ist so etwas wie dessen Entdecker.

Die TuS ist damals wie heute Regionalligist. Ungewöhnlich also, dass Sabiri, nun, da er künftig in der gleichen Liga wie Eden Hazard, Paul Pogba oder Dele Alli spielen wird, vor rund dreieinhalb Jahren noch nach Koblenz wechselte. "Mich hat gewundert, dass ihn niemand auf dem Schirm hatte, dass er im ersten A-Jugendjahr noch in der Gruppenliga gespielt hat", sagt Di Maio. 

Im marokkanischen Goulmima geboren, kommt Sabiri als Dreijähriger mit seiner Familie nach Deutschland. "Nicht in der schönsten Ecke" wuchs er auf, sagt Sabiri gegenüber Bild. Der Frankfurter Berg, ein berüchtigter Stadtteil der Main-Metropole, wo Kriminalität, Drogen und Ausweglosigkeit regieren, ist als Kind und Jugendlicher seine Heimat. "Das hat mich geprägt. Ich wollte da raus, wollte, dass meine Träume wahr werden."

Sabiri hat Talent, kickt von morgens bis abends auf der Straße. "Mit meinem Bruder, mit seinen Freunden, mit Älteren", erzählt er. Sein großes Vorbild ist Zinedine Zidane, auf Beton spielt er seinen Gegnern reihenweise Knoten in die Beine. Doch keinem der Späher der großen Klubs aus der Umgebung, ob nun Eintracht Frankfurt, FSV, Kickers Offenbach oder Mainz 05, fällt er auf. Stattdessen spielt er zunächst bei der TSG Frankfurter Berg, wechselt in der C-Jugend zu Rot-Weiß Frankfurt, später zum FV Bad Vilbel.

Sabiri: Entdeckt in der Brennpunkt-Akadamie

Als er 17 ist, wird schließlich Di Maio, damals für die U19 der TuS Koblenz verantwortlich, auf Sabiri aufmerksam. Zufällig. "Ein Bekannter von mir hat eine Akademie in Frankfurt für Jungs aus sozialen Brennpunkten. Ihn habe ich kontaktiert, weil unser Kader ziemlich dünn besetzt war und wir dringend Spieler gesucht haben", erinnert sich Di Maio. Er fährt zu einem Wintercamp der Akadamie, Sabiri sticht ihm ins Auge. "Ihn und einen anderen Jungen wollten wir haben, die beiden waren sofort Feuer und Flamme und wollten den Schritt wagen, wollten raus aus ihrem kleinen Verein."

Sabiri zog in das 125 Kilometer entfernte Koblenz, weg von Familie und Freunden. Da die TuS kein Internat hat, wohnt er in einem WG-Zimmer, ist plötzlich weitgehend auf sich alleine gestellt. Und trotzdem sofort akklimatisiert.

"Sein Tempo mit Ball am Fuß war schon immer beeindruckend", schwärmt Di Maio. Er betreute ihn zwar nur während der Vorbereitung auf die Rückrunde, weil er kurz vor Beginn der zweiten Saisonhälfte von Koblenz entlassen wurde, ist aber dennoch überzeugt von Sabiris Qualitäten: "Er ist ein absoluter Straßenkicker, technisch sehr stark. Durch seine Straßenfußballermentalität hat er intuitiv viel richtig gemacht, vor allem offensiv." 

In Koblenz, wo er nicht U19-Bundesliga, sondern lediglich in der zweitklassigen A-Jugend-Regionalliga spielt, startet Sabiri auf Anhieb durch. Schon damals kommt er am liebsten auf der Spielmacherposition zum Einsatz, kann aber auch die offensiven Flügel besetzen. "Sein erstes Spiel für Koblenz habe ich mir angeschaut. Da hat er in einem Derby als Joker gleich ein Seitfallziehertor gemacht", erinnert sich Di Maio. Ein halbes Jahr später steht Darmstadt 98 auf der Matte, verpflichtet den Teenager im Sommer 2014 für die U19.

Auch bei den Lilien überzeugt Sabiri, führt die A-Jugend der Hessen zum Aufstieg in die U19-Bundesliga. Für den Sprung in Darmstadts Profi-Kader reicht es aber nicht, stattdessen wechselt Sabiri 2015 zu den Sportfreunden Siegen in die Oberliga Westfalen. Fünfte Liga. Nur gut zwei Jahre, bevor er plötzlich in der Premier League angekommen ist.

"Ich hätte niemals gedacht, dass er so weit kommt. Wir reden ja nicht von irgendwas, sondern von der Premier League", staunt sein ehemaliger Jugendcoach Di Maio. Ein kometenhafter Aufstieg in Rekordzeit, der zu Sabiri passt. "Ich musste im Leben immer mehr riskieren, um am Ende zumindest dasselbe zu bekommen wie die anderen", betont der Offensivspieler.

Eine Einstellung, die ihm in Siegen, in seinem ersten Seniorenjahr, gut zu Gesicht steht. 18 Tore gelingen dem damals zu Saisonbeginn noch 18-jährigen Sabiri in 30 Oberligaspielen. Er schießt Siegen zur Meisterschaft, zum Aufstieg in die Regionalliga. Und ist endgültig im Fokus der Profiklubs angekommen. Die Angebote flattern plötzlich zuhauf ins Haus, selbst Borussia Dortmund ist im Sommer 2016 interessiert, wie Sabri in einem Interview mit Almarssad verriet.

Ein Transfer zum BVB kommt letztlich jedoch nicht zustande, Sabiri entscheidet sich für Nürnberg. Über die U23 empfiehlt er sich für die erste Mannschaft, ein halbes Jahr nach seiner Ankunft beim Club debütiert er in der 2. Liga. Gleich in seinem zweiten Einsatz schnürt er gegen Heidenheim einen Doppelpack, zeigt seine großartigen Fähigkeiten im Dribbling, hebelt mit seinem herausragenden ersten Kontakt mal um mal die gegnerischen Abwehrreihen aus.

Eine Meniskusverletzung bremst Sabiri zwischenzeitlich zwar aus. Doch er kämpft sich zurück, erzielte in seinen neun bisherigen Zweitliga-Einsätzen fünf Tore. Eigentlich doch die perfekte Grundlage, um sich kommende Saison in Nürnberg zu etablieren, könnte man meinen. Doch Sabiri wäre nicht Sabiri, wenn er den vorgeschriebenen Weg wählen würde.

Sabiri? "Bei uns hat er sich weitgehend gut benommen"

Als Huddersfield anklopft, will er unbedingt in die Premier League, forciert seinen Wechsel mit allen Mitteln, legt sich mit der Vereinsführung an. Die Ex-Teamkollegen beim FCN um Kevin Möhwald, dem Sabiri zuletzt im Training eine Kopfnuss verpasste, äußern schließlich öffentlich ihre Erleichterung über Sabiris Abgang. Und in der Presse hat er den Stempel Problem-Profi weg.

"Bei uns hat er sich weitgehend gut benommen", sagt Di Maio über Sabiris Zeit im Koblenzer Nachwuchs. "Ich denke, für das Theater ist er auch nicht alleine verantwortlich. Da gibt es Leute, die solche Dinge im Hintergrund forcieren - und er ist wahrscheinlich eben einfach zu beeinflussen."

Es ist dieser jugendliche Leichtsinn, der Sabiri auf dem Platz so stark macht. Abseits des Rasens könnte er ihm jedoch zum Verhängnis werden. Besonders nun, im Haifischbecken Premier League. Da ihm auch kleinste Eitelkeiten nicht mehr verziehen werden, da er mit gerade einmal 20 den Verlockungen des großen Geldes ausgesetzt ist. 

"Der Sprung ist natürlich gewaltig. Und auf einmal verdient er wahrscheinlich so viel Geld, wie er es sich bisher wohl gar nicht vorstellen konnte", weiß auch Entdecker Di Maio. Hinzu kommt die Frage, ob Sabiri trotz all seines Potenzials, seiner technischen Ausgereiftheit, seiner angeborenen Torgefahr, nach gerade einmal neun Spielen im Profibereich schon bereit ist für die vielleicht beste Liga der Welt.

"Vor einigen Jahren hätte man ihm auch nicht zugetraut, 2. Liga zu spielen. Huddersfield wird schon eine Idee dahinter haben, sonst hätte man ihn nicht geholt", wirft Di Maio ein. David Wagner, der deutsche Trainer des englischen Aufsteigers, umriss genau diese Idee zuletzt auf einer Pressekonferenz. "Weil er ein paar Fähigkeiten hat, die man nicht lernen kann", erklärte Wagner die Verpflichtung Sabiris. Zudem sei er "von Natur aus eine Nummer 10", ein Spielertyp, den man bis dato lediglch in Chelsea-Leihgabe Kasey Palmer im Kader hatte. Tom Ince sei mehr Flügelspieler, Aaron Mooy eher Achter.

Die Chancen auf Einsätze sind also da. Und an mangelnder Courage, sich in den Vordergrund zu spielen, wird es nicht scheitern. Denn Sabiri ist einer, der auffällt. Von Natur aus. Und einer, der es vorerst geschafft hat. Vom Ghetto-Kid und Spätzünder zum Premier-League-Profi.