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HSV-Youngster Bakery Jatta: Das Wunder von Hamburg


HINTERGRUND

Diese Geschichte klingt fast zu märchenhaft, um wahr zu sein: 2015 flüchtet der noch minderjährige Bakery Jatta aus Gambia, ohne Begleitung der Eltern, aber mit großem Fußballtalent im Gepäck, quer durch die Sahara und über das Mittelmeer bis nach Deutschland. Die für uns unvorstellbaren Qualen, die Jatta auf seiner Flucht durchleben muss, sind aber nicht umsonst gewesen.

In Deutschland findet er nicht nur eine sichere neue Heimat, sondern auch die richtigen Förderer, die schnell auf seine Begabung aufmerksam werden. Und tatsächlich: In Bremen, der Stadt, in der für Jatta alles anfing, ist sein größter Traum in Erfüllung gegangen. HSV-Trainer Markus Gisdol machte ihn im Nordderby zum Bundesligaspieler.

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Begonnen hat Jattas Fußballgeschichte mit einem Anruf beim Spielerberater Efe Aktas. Ein Betreuer aus der Bremer Akademie "Lothar Kannenberg", in der Jatta Mitte 2015 aufgenommen wurde, meldet sich bei ihm, um von seinem unglaublichen Talent zu berichten. Aktas macht sich vor Ort ein Bild und ist sofort überzeugt: Spieler wie Jatta gibt es nicht so häufig auf dieser Welt. Das Besondere an seiner Begabung ist, dass er das Fußballspielen nicht wie alle anderen seiner Altersklasse in einer richtigen Mannschaft oder einem Nachwuchsleistungszentrum lernte, sondern auf der Straße.

Damit stellt er vieles, was wissenschaftlich über die Entwicklung eines Spielers zum Profi bekannt ist, auf den Kopf. Selbst für einen Fünftligisten, bei dem er mittrainieren darf, ist er zu gut. Deshalb geht Aktas direkt den Weg nach ganz oben. Erst bekommt er ein Probetraining bei Werder Bremen, das Jatta umgehend einen Vorvertrag anbieten, später beim Hamburger SV.

Labbadia überzeugte ihn vom Wechsel zum HSV

Trotz einiger lukrativer Angebote, auch der FC Schalke soll mitgeboten haben, entscheidet sich Jatta jedoch für einen Wechsel zu den Rothosen. Der Hauptgrund dafür ist der inzwischen entlassene Bruno Labbadia, der, ohne ihn vorher beim Training gesehen zu haben, sofort in sein Büro bittet, seine Geschichte hören will und sich nicht nur für den Fußballer Jatta interessiert, sondern auch für den Menschen.

Nach einem zweitägigen Probetraining ist Labbadia menschlich und auch sportlich von dem Gambier überzeugt. Am 13. Juni 2016, also am Tag seines 18. Geburtstages, unterschreibt Jatta beim Bundesligisten schließlich einen Vertrag über drei Jahre.

Bakery Jatta Hamburger SV HSV Training 29062016Getty Images

Dass sich seine Entdecker in ihm nicht geirrt haben, beweist er auf Anhieb bei der U21 in der Regionalliga. Weil er bereits vor seinem Start beim HSV mit täglichem Training an seiner körperlichen Form und seinen Deutschkenntnissen arbeitet, fällt ihm die Integration leicht. In seinem ersten Spiel gegen den BSV Rehden erzielt er beide Tore, in 15 weiteren Einsätzen folgen noch 14 Treffer und drei Vorlagen. Dennoch scheint der Weg zu den Profis zunächst versperrt zu sein - Markus Gisdols Team sammelt in der Rückrunde fleißig Punkte. Einen Grund für Veränderungen in der Startformation gibt es nicht.

Bis ausgerechnet im Nordderby gegen Werder Bremen zumindest ein Kaderplatz frei wird und Gisdol den Mut aufbringt, Jatta einzuwechseln. Auch bei den Profis gelingt dem pfeilschnellen Flügelstürmer, der aufgrund seiner unorthodoxen Bewegungsabläufe so manchen Verteidiger vor Probleme stellen wird, sofort ein Tor - allerdings nur aus einer Abseitsposition.

Jatta will im Sommer nicht weg

Eine Woche nach dem Derby folgt für Jatta der zweite Einsatz in der Bundesliga. Die Statistik gegen Darmstadt liest sich gut: Neun gewonnene Zweikämpfe in 30 Minuten, 26 Ballkontakte, acht von elf angekommenen Pässen und eine herausgespielte Torchance. In einem schwachen Auftritt des HSV, der in einer 1:2-Heimniederlage endete, war Jatta der einzige Lichtblick. "Es ist der Beginn meines großen Traums. Ich hoffe, es geht jetzt so für mich weiter", strahlte er.

Zumindest bis zum Saisonende darf Jatta auf weitere Einsätze hoffen. Aber was kommt danach? Fakt ist, dass der HSV eine Ausleihe in die zweite oder dritte Liga in Erwägung zieht. Zumal es bei einer erneuten, von Investor Klaus-Michael Kühne finanzierten Transferoffensive im Sommer eng werden könnte mit einem dauerhaften Platz im Profikader.

"Stand heute gibt es keine Notwendigkeit für Gespräche über eine Ausleihe", sagt sein Berater Aktas auf Goal-Anfrage. Klingt nicht so, als wollen er und sein Schützling im Sommer wieder einen Schritt zurück machen. Warum auch? Jatta hat gezeigt, dass er mithalten kann. Das Wunder von Hamburg - es ist wahr geworden.

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