HINTERGRUND
Toni Kroos, Marc-Andre ter Stegen, Mario Götze oder auch Kai Havertz - sie alle haben etwas gemeinsam. Sie alle legten beziehungsweise legen immer noch eine steile Karriere hin, avancierten zu Leistungsträgern in ihren Klubs und in der Nationalmannschaft. Doch sie teilen sich noch eine weitere Gemeinsamkeit: Alle vier wurden mit der Fritz-Walter-Medaille in Gold für den besten Nachwuchsspieler in den Altersklassen U17 bis U19 ausgezeichnet.
Seit 2005 werden mit dem Preis besondere Leistungen der Talente geehrt. Für viele von ihnen der Anfang einer vielversprechenden Laufbahn. Jedoch nicht für alle - das musste auch Florian Müller einst erfahren. Bei der Wahl verwies der allererste Gewinner der U19-Goldmedaille sogar einen gewissen Manuel Neuer auf den zweiten Rang. Dank starker Leistungen sowohl bei Union Berlin als auch in der Juniorennationalmannschaft an der Seite von Neuer, Boateng und Co. standen ihm alle Türen offen. "Die Liste der Klubs war lang", blickte Müller vor einigen Jahren im Gespräch mit der Welt auf die Vielzahl der Interessenten zurück.
Den Zuschlag erhielt im Sommer 2005 jedoch niemand geringeres als der große FC Bayern München. Auch, weil der Mittelfeldspieler selbst Anhänger des Rekordmeisters war. Müller wurde eine große Karriere vorausgesagt - doch sie schlug nicht den gleichen Weg ein, wie die vieler seiner Nachfolger.
Florian Müller beim FC Bayern: Schule im Kopf, Hermann Gerland vor der Brust
Dabei hätten die Voraussetzungen in München eigentlich kaum besser sein können. Trotz des Abstiegs aus der Regionalliga hatte er bei Union in der Saison 2004/05 zu den Lichtblicken gezählt, sich schon als 17-Jähriger in der ersten Mannschaft etabliert. Und mit dem damaligen U23-Trainer der Bayern, Hermann Gerland, stand Müller ein wahrlicher Experte in Sachen Talentförderung zur Seite. Allerdings zeigte sich schnell, dass die Ansprüche an der Säbener Straße andere waren als zuvor bei Union.
Der gebürtige Eisenhüttenstädter wollte unbedingt sein Abitur machen, das war ihm "immer wichtig". Jedoch ging dies "dann nicht mehr luftig-locker von der Hand wie in Berlin." Bei Gerland traf er zusätzlich auf Unverständnis. "Er ist nicht gerade der sanfteste und geduldigste unter den Trainern", erinnerte sich Müller. Der "Tiger" konnte nicht verstehen, weshalb der talentierte Youngster so viel Wert auf die Schule legte.
Anfangs noch gesetzt, war die vielversprechende sportliche Perspektive folglich dahin. Für die Zweitvertretung der Bayern bestritt Müller in zwei Jahren 29 Plichtspiele. Für ein Engagement bei den Profis reichte es nicht, während Teamkollegen wie Mats Hummels oder Sandro Wagner sich später zu gestandenen Bundesligaspielern entwickeln sollten.
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Müller: Sprung ins Profigeschäft, zwei Kreuzbandrisse und über 600 Tage Pause
Ein Neuanfang sollte her. Diesen erhoffte er sich 2007 beim 1. FC Magdeburg. Dort stand er in allen 38 Spielen der Regionalliga Nord auf dem Platz. Dank konstant starker Leistungen spielte er sich wieder in den Vordergrund und weckte in der Folge das Interesse von Alemannia Aachen. Nach nur einer Saison in Magdeburg schloss sich Müller dem damaligen Zweitligisten an und schaffte dann doch das, was ihm lange Zeit vorausgesagt worden war - den Sprung in den Profifußball.
Die Freude und die Perspektive sollten jedoch nicht von allzu langer Dauer sein. Im Oktober 2009, am zehnten Spieltag seiner zweiten Saison in Aachen, zog sich der zehnfache U19-Nationalspieler ausgerechnet gegen seinen Jugendklub Union bereits in der neunten Spielminute einen Kreuzbandriss zu und fiel 206 Tage aus. Müller kämpfte sich zurück, ehe nur knapp ein Jahr später eine erneute Schockdiagnose folgte: Der zweite Kreuzbandriss. Diesmal waren es über 430 Tage, die Müller insgesamt außer Gefecht war.
imago images / EibnerQuelle: imago images / EibnerTrotz des erneuten Rückschlags gab Müller nicht auf, doch Komplikationen während der Reha und ein immer wieder anschwellendes Knie zwangen ihn zum Stillstand, sodass er im Juli 2013 mit gerade einmal 26 Jahren seine aktive Karriere endgültig beendete.
Mittlerweile widmet sich der heute 33-Jährige anderen Dingen, studiert seit 2015 Betriebswirtschaftslehre in Berlin. Das einst größte Talent des Landes musste den geebneten Weg gezwungenermaßen abbrechen. Unterdessen feierte Manuel Neuer im Sommer seine achte deutsche Meisterschaft in Folge, Toni Kroos krönte sich mit Real Madrid zum spanischen Meister und Kai Havertz spielt womöglich bald beim FC Chelsea ...


