FC Bayern siegt bei Videobeweis-Chaos: Viele Neuerungen – und doch bleibt alles beim Alten

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Der FC Bayern gewinnt zum Bundesliga-Auftakt gegen Hoffenheim. Am Ende gerät das Sportliche aber in den Hintergrund - dank des Videobeweises.


HINTERGRUND

Zwei Stunden waren bereits ins Land gegangen, nachdem Schiedsrichter Bastian Dankert die Bundesliga-Auftaktbegegnung zwischen dem FC Bayern München und der TSG 1899 Hoffenheim für beendet erklärt hatte. Dennoch tummelten sich – trotz fortgeschrittener Uhrzeit - zahlreiche Fans beider Lager am U-Bahnhof Fröttmaning, ebenjener Haltestelle, die in Sichtweite zur Allianz Arena liegt.

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Viele von ihnen diskutierten angeregt über das zuvor Geschehene. "Dieser Videobeweis macht alles kaputt", wetterte ein Mittfünfziger mit blau-weißem Filzhut und brandneuem Bayern-Trikot. Er erntete zustimmendes Kopfnicken von seinem Gegenüber, einem Hoffenheim-Anhänger. Einigkeit herrschte. Eine Einigkeit, die schon während der Partie zutage trat, als ein wechselseitiges "Scheiß DFB" zwischen Heim- und Auswärtsfans durchs Rund schallte.

Was war geschehen? Der VAR, der eigentlich als Hilfsmittel für die Unparteiischen dienen, den Fußball fairer gestalten soll, hatte einmal mehr, gleich zigfach für Verwirrung und anschließende Empörung gesorgt. "Tooooor für den FC Bayern München", brüllte Stadionsprecher Stephan Lehmann aus voller Kehle ins ausverkaufte Stadion. Lichtershow, Seven-Nations-Army-Bassline, die den Zuschauer traditionell zum "oh-oh-oh-oh-oh-ooooh-oh" animiert, "mit der Nummer zehn: Arjeeeen Robben." Ball zum Anstoßpunkt, 2:1 für die Hausherren.

FC Bayern TSG 1899 HoffenheimSchiedsrichter Bastian Dankert lässt den Elfmeter wiederholen

Mitnichten. Robben war bei einem Elfmeter von Robert Lewandowski, übrigens höchstumstritten, aber ohne Begutachtung seitens Dankert, zu früh in den Strafraum gelaufen und hatte den von Oliver Baumann parierten Ball lässig eingeschoben. Nach minutenlangem Warten wurde der Strafstoß korrekterweise wiederholt, diesmal behielt der Pole die Nerven. Jetzt aber wirklich: Lehmann-Aufschrei, Lichtershow, Seven Nations Army, Anstoß Hoffenheim.

Nur wenige Minuten das gleiche Prozedere: Jubelnde Bayern auf Rasen und Rängen, weil Thomas Müller einen Schuss vom kurz zuvor eingewechselten Neuzugang Leon Goretzka unhaltbar abgefälscht hatte. Wieder machte Dankert die fast schon legendäre Geste, zeichnete einen unsichtbaren Bildschirm in den Nieselregen. Müller hatte die Kugel offenbar mit der Hand ins Tor bugsiert, so stand es zumindest auf der Anzeigetafel. Eine innovative Neuerung, die es in der letzten Saison noch nicht gab und in der neuen Spielzeit endlich für Aufklärung sorgen soll. Jeder soll ja schließlich nachvollziehen können, warum der Schiri einen Treffer zurücknimmt, gelten lässt oder die Rote Karte zückt. Also: Torhymne wieder abgedreht, Ernüchterung.

VAR: Leon Goretzka kritisiert Handhabung, Müller bleibt diplomatisch

"Ich glaube, dass immer noch nicht klar ist, wann der Videoassistent eingreifen soll und wann nicht", erklärte Beinah-Torschütze Goretzka nach dem Spiel in der Mixed-Zone, sichtlich angefressen. "Ich bin der Meinung, dass er eingreifen soll, wenn eine klare Fehlentscheidung getroffen wird. Bei meinem Tor konnte ich da keine glasklare Fehlentscheidung erkennen." Thomas Müller sagte: "Grundsätzlich ist es wichtig, dass die richtigen Entscheidungen getroffen werden. Heute waren einige knifflige Entscheidungen dabei. Da kann man über viele Situationen diskutieren." Damit zählte der Nationalspieler, der normalerweise um keine schnippische Antwort verlegen ist, noch zu den wohlwollendsten Stimmen.

Anders als Hoffenheim-Trainer Julian Nagelsmann, der seine Mannschaft aufgrund des bereits erwähnten fragwürdigen Elfmeters benachteiligt sah: "Ich weiß nicht, wo die Videoassistenten in Köln da gerade waren, anscheinend waren sie nicht am Platz. Warum das Zustandekommen des Elfmeters nicht kontrolliert wird, ist mir ein Rätsel. Fußball ist ein Kontaktsport. Wenn dem Stürmer zwar der Weg geblockt wird, es aber keinen Kontakt gibt, dann ist es kein Foul. Das ist grenzwertig", so der 31-Jährige, ehe 1899-Boss Alexander Rosen im Spielertunnel nachlegte: "Man muss diese Szene überprüfen. Dass diese Szene die Entscheidung bringt, hat dieses Spiel nicht verdient."

FC Bayern 1899 Hoffenheim 24082018Erfolgreicher Auftakt: Der FC Bayern startet mit einem Sieg in die neue Saison 

Dabei sollten sich doch dank der Veränderungen, die nicht nur die Zuschauer-Information, sondern auch kalibrierte Abseitslinien, die den Referees bislang nicht zur Verfügung gestanden hatten, die Debatten in Richtung des Sportlichen verlagern. "Wenn man in die Nähe der hundertprozentigen Gerechtigkeit kommen will, braucht man eine Technisierung. Ich bin gespannt, wie es in der Umsetzung funktioniert", hatte Ex-Schiedsrichter Markus Merk noch jüngst gegenüber der dpa proklamiert, in dem Wissen, dass bei der Weltmeisterschaft in Russland, wo der VAR ebenfalls eingesetzt wurde, alles reibungslos funktioniert hatte.

Bundesliga 1018/19: Es bleibt alles beim Alten

Offensichtlich scheint diese Tatsache nicht auf Deutschlands Beletage abzufärben, vielmehr drehte sich im Nachgang des ersten Spiels der neuen Saison alles um das Video-Hickhack, während das fußballerisch durchaus ansehnliche Duell, das aufgrund der zahlreichen Verzögerungen 100 statt 90 Minuten dauerte, fast in den Hintergrund rückte.

Apropos: Die Bayern gewannen am Ende mit 3:1, weil Robben letztlich doch noch ein nicht zu beanstandendes Tor erzielt hatte. Bleibt also festzuhalten: Trotz der Neuerungen beim Videobeweis, obwohl mit Niko Kovac ein neuer Trainer auf der Münchner Bank sitzt, bleibt doch irgendwie alles beim Alten. Der Rekordmeister gewinnt und der VAR sorgt für kollektiven Unmut. Immerhin bringt er die Leute in gewisser Weise zusammen, produziert Einigkeit. Vermutlich nicht nur am Fröttmaninger U-Bahnhof, nachts um halb eins.

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