HINTERGRUND
Carlo Ancelotti ist als Fußballtrainer einer Top-Mannschaft naturgemäß ein vielbeschäftigter Mann. In diesen Tagen hat der Coach des FC Bayern München allerdings ganz besonders viel um die Ohren. Am Donnerstag musste er mit seiner Mannschaft die ernüchternde 1:2-Pleite aus dem Viertelfinalhinspiel der Champions League gegen Real Madrid aufarbeiten, danach galt es, das Rückspiel vorzubereiten. Und natürlich die Bundesligapartie gegen Bayer Leverkusen.
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"Gestern", sagte Ancelotti auf der Pressekonferenz am Freitagmittag, "war kein guter Tag, weil wir viel über das Spiel gegen Real Madrid nachgedacht haben. Aber heute ist ein anderer Tag. Ich kenne meine Spieler sehr gut und bin sicher, dass wir morgen mit Charakter und Persönlichkeit spielen werden. Danach haben wir Zeit, um an das Spiel in Madrid zu denken." Tatsächlich dürften die Königlichen allerdings schon jetzt eine große Rolle im Kopf des Italieners spielen.
Die Dinge liefen zuletzt gut beim FC Bayern, sehr gut sogar. So gut, dass Franck Ribery bereits ans Triple dachte und verlauten ließ, dasselbe Gefühl zu haben wie 2013. Die Resultate passten, die Leistungen genauso. Nicht wenige sahen im deutschen Rekordmeister den Top-Favoriten auf den Gewinn des Henkelpotts. Bis zum denkwürdigen Spiel am Mittwochabend.
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"In Italien sagt man: Viel Lob bedeutet später auch viele Probleme", hatte Ancelotti die Euphorie schon Anfang März zu bremsen versucht. Und jetzt, Mitte April, sind sie plötzlich da, die Probleme. Sie kamen wie aus dem Nichts angeflogen.
Hoffen auf Hummels, Boateng und Lewandowski
Noch vor einer Woche konnten die Münchner personell aus dem Vollen schöpfen, ehe das Unheil seinen Lauf nahm. Erst verletzte sich Robert Lewandowski, dann erwischte es Mats Hummels, ehe sich Javi Martinez die Gelb-Rote Karte abholte und somit im Santiago Bernabeu nicht zur Verfügung stehen wird. Als wäre das nicht schlimm genug, folgte sogleich der nächste Schock: Jerome Boateng plagen Adduktorenprobleme, "kleine", wie Ancelotti sagte. Der Einsatz des Weltmeisters in Madrid ist derzeit nicht gesichert, die Partie in der BayArena wird er indes sicher verpassen. Ancelotti kann derzeit nur hoffen. Auf Hummels. Auf Boateng. Auf Lewandowski.
Als Ancelotti am Freitag nach der Stimmung innerhalb der Mannschaft gefragt wurde, hielt er kurz inne, schnaufte erst einmal durch. "Ich habe ja schon gesagt, dass wir nicht zufrieden sind. Aber wir sind optimistisch im Hinblick auf die nächste Woche", sagte er mit ziemlich finsterer Miene. "Meine Spieler haben großen Charakter. Ich denke, wir können morgen eine gute Reaktion zeigen", versicherte er mit etwas mehr Nachdruck.
Ancelotti kann nun dem ihm vorauseilenden Ruf gerecht werden - und der besagt bekanntlich, dass er seine Mannschaften gerade in Schlüsselsituation hervorragend einstellt. Das Rückspiel gegen Real Madrid am Mittwoch (20.45 Uhr im LIVE-TICKER) ist eine solche. Vorher allerdings gilt es, die vielen offenen Fragen zu beantworten. Wie etwa konnte es sein, dass seine Mannschaft gegen Real so dermaßen auseinanderfiel? Wie viel Zeit kann tatsächlich in die Vorbereitung auf Bayer investiert werden und wie viel sollte dem ungleich wichtigeren Rückspiel gegen seinen Ex-Klub gebühren? Mit wem kann er überhaupt planen? Und wie genau können die Madrilenen in ihrer eigenen Festung bloß geknackt werden?
"Will nicht über Real sprechen"
Auf die meisten dieser Fragen wollte Ancelotti öffentlich nicht eingehen. "Ich will nicht über das Spiel gegen Real Madrid sprechen", sagte er und wiederholte lediglich, dass "kleine Details" den Ausschlag gegeben hätten. Jetzt aber müsse man sich an der Säbener Straße einzig auf das Top-Spiel der Bundesliga gegen Bayer Leverkusen am Samstag (18.30 Uhr im LIVE-TICKER) fokussieren. Da es zu Leverkusen aber kaum Fragen gab, war die Pressekonferenz nach nur elf Minuten schon wieder beendet.
Ancelotti hat in den vergangenen 48 Stunden wieder einmal erfahren, wie schnelllebig das Fußballgeschäft ist. Überrascht hat es ihn gewiss nicht, zu gut kennt er die Branche mit all ihren Mechanismen. Und trotzdem war die Kritik heftig nach dem 1:2 gegen Real, das sich vielmehr wie ein 1:4 angefühlt hatte. Schnell wurde das große Ganze hinterfragt. Und sicherlich, es gab dabei auch jene Fragen, die sich Ancelotti gefallen lassen und stellen muss. Etwa ob seine Auswechslungen die richtigen waren oder ob er nicht unmittelbar nach dem Platzverweis hätte versuchen sollen, das 1:1 irgendwie zu halten. Ob sein Plan für eine Unterzahlsituation nicht hätte besser sein können. Und wie es überhaupt passieren konnte, dass sein Team nach der Pause auch mit elf Mann defensiv plötzlich dermaßen instabil und offensiv insgesamt zu harmlos war.
Es sollte allerdings genauso berücksichtigt werden, dass Bayern zunächst 45 Minuten lang das etwas bessere Team war. Und dass der Einfluss eines Trainers in gewissen Situationen endlich ist, dann etwa, wenn ein Spieler zum Elfmeter anläuft oder binnen drei Minuten zwei Gelbe Karten sieht.
Nichtsdestotrotz: Die Niederlage gegen Real war Ancelottis erste große Pleite als Bayern-Trainer. Jetzt gilt es, die komplizierte Situation zu meistern. Mit einer B-Elf in Leverkusen, aber vor allem in Madrid - dann hoffentlich mit der besten Mannschaft. Jetzt kann der smarte Trainerfuchs seine besonderen Gabe unter Beweis stellen. Genau dafür haben ihn die Münchner schließlich geholt.
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