GFX Erich SchaedlerGoal

Das viel zu kurze Leben und der tragische Tod des Erich Schaedler


HINTERGRUND

Erst hielten die Wanderer das von Zweigen bedeckte Auto einfach für ein schrottreifes Vehikel, das sein Besitzer dort, im schottischen Niemandsland am Ufer des Tweed, abgestellt hatte. Das Blut sahen sie erst, als sie näher kamen. Die Windschutzscheibe war von innen rot, Spritzer waren an den Innenseiten der Fenster. Ein grausiger Kontrast zur weißen Schneeschicht, die den waldigen Boden an jenem Dezembertag hauchdünn bedeckte. Nachdem sie die Leiche auf dem Fahrersitz entdeckt hatten, kehrten sie um und riefen aus einem Pub die Polizei an. Ein paar Stunden später herrschte Gewissheit: Bei dem Toten im Cadrona Forrest handelte es sich um Erich Schaedler, schottische Fußball-Legende.

Die Autopsie, so steht es im offiziellen Bericht, ergab, dass Schaedler sich am 24. Dezember in den Kopf geschossen hatte. Wenige Wochen zuvor hatte er sich von seiner Frau scheiden lassen, für viele das klare Motiv. Schottland stand unter Schock, hatte doch einer der beliebtesten Spieler der Siebziger und Achtziger Suizid begangen. Die Umstände aber zweifelte niemand an. Bis seine Familie einige Wochen später sowohl das Auto als auch den offiziellen Polizeibericht erhielt.

Schaedlers Tod bis heute ungeklärt

"Es lässt sich nicht ausschließen, dass er durch ein Gewaltverbrechen ums Leben kam. Die Tatsache, dass sein Auto mit Zweigen und Laub bedeckt war, ist seltsam. Warum hätte er in Verbindung mit einem Selbstmord solch einen Aufwand betreiben sollen?", sagte sein Bruder John Jahre später. "Außerdem ließ sich kein Hinweis finden, dass in dem Auto ein Schuss abgefeuert wurde. Es gibt noch zu viele Ungereimtheiten. Ein früherer Beamter wollte weitere Ermittlungen aufnehmen, was ihm aber von höherer Stelle untersagt wurde." Bis heute konnte nicht endgültig geklärt werden, was damals wirklich geschah.

Doch von vorne. Erich Schaedlers Geschichte begann im deutschen Mönchengladbach. Dort spielte sein Vater Erich für die Borussia, war großer Fußballfan. Seine Karriere endete jäh, als ein Mann namens Adolf Hitler die Welt in einen Krieg stürzte, wie ihn die Menschheit noch nicht gesehen hatte. Erich Schaedler heuerte bei der Marine der deutschen Wehrmacht an. Eigentlich sollte er auf der Bismarck dienen, dem ganzen Stolz der deutschen Marine, wurde aber zwei Wochen vorher einem Torpedo-Boot zugewiesen. Ein Glücksfall, sank die Bismarck doch im Jahr 1941 nach einem schweren Gefecht mitsamt aller ihrer Insassen.

Der Vater kam als Gefangener nach Schottland - und blieb

Vor der Küste Frankreichs wurde er verwundet und geriet in Gefangenschaft der Alliierten. Er wurde ins Kriegsgefangenenlager Happendon im Dorf Douglas in Lanarkshire gebracht. Als er freigelassen wurde, traf er eine schottische Schönheit und verliebte sich sofort. Und so kam es, dass Erich Schaedler senior vom Deutschen zum Schotten wurde und sein Sohn Erich junior im Jahr 1949 in der kleinen Ortschaft Biggar zur Welt kam.

Was sein Vater immer beibehielt, war die Liebe zum Fußball. Er nahm den kleinen Erich zu den Peebles Rovers mit, einem kleinen Verein mit ganz großem Herz. Vorher wurde im Pub getrunken, die zweifellos technisch limitierten Spieler gaben für ihre Rovers alles. Nur wenig später trat auch der Bub dem Verein bei und fühlte sich umgeben von schottischen, nicht gerade zimperlich auftretenden Mitspielern pudelwohl, war er doch selbst bereits in jungen Jahren ein Kämpfer, der die Grätsche dem schnellen Haken vorzog.

GFX Erich SchaedlerGoal / Imago

Die Fans liebten Schaedler und seine Grätschen

Über Melbourne Thistle kam er zu Stirling Albion, wo er seinen ersten Profivertrag unterschrieb. 18 Spiele reichten aus, um den Top-Klub Hibernian Edinburgh von einer Verpflichtung zu überzeugen. 7000 Pfund bezahlte man für Schaedler. Was heute lächerlich wenig klingt, war damals für einen Verteidiger-No-Name eine immense Summe Geld. Im wunderschönen Edinburgh fand er nicht nur seine große Liebe, die er später heiratete, sondern auch die tiefe Zuneigung der Fans. "Die Fans liebten ihn wegen seiner Hingabe. Er hatte eine unglaubliche Grätsche", erinnert sich sein damaliger Mitspieler Tony Higgins. "Auch im Training hat er immer mit vollem Einsatz gegeben, die jüngeren Spieler hielten ihn für vollkommen verrückt."

"Er ging immer noch in den Kraftraum nach dem Training, wenn die meisten schottischen Spieler längst im Pub waren", so Higgins weiter. "In dieser Hinsicht war er seiner Zeit lange voraus."

Alle riefen den fröhlichen aber beinharten Abwehrspieler nur "Shades", über 350-mal lief Schaedler für Hibernian auf, gewann den Ligapokal und wurde zweimal Vizemeister. Die Krönung während der langen Jahre in der Hauptstadt aber war eine andere: sein einziges Länderspiel gegen West-Deutschland mit Beckenbauer und Müller im Frankfurter Waldstadion. Auch wenn die Schotten sich mit 1:2 geschlagen geben mussten, bedeutete dieses eine Spiel so viel für Schaedler. 1974 nahm er mit Schottland zudem an der WM teil, kam aber wegen der ungewöhnlich starken Konkurrenz mit Sandy Jardine und Danny McGrain nicht zum Einsatz.

Schaedler "hatte auch eine verschlossene Seite"

1977 wechselte er zum FC Dundee, einem großen Rivalen von Hibernian, wo ihn die Fans mit großer Skepsis empfingen. Wegen seiner aggressiven und immerzu kämpferischen Spielweise schlossen ihn die Anhänger aber auch dort schnell ins Herz. Im Jahr 1979 erfüllte er sich mit dem Gewinn der Meisterschaft einen weiteren Traum. Im Jahr 1981 wurde er auch im englischen Teil der Insel berühmt, als er den damals teuersten Spieler Großbritanniens, Bryan Robson, während eines denkwürdigen Spiels gegen Manchester United so übel foulte, dass der seine gesamte weitere Karriere immer wieder mit Schulterproblemen zu kämpfen hatte. 1985 beendete er beim FC Dumbarton dann schließlich seine lange und ereignisreiche Karriere.

Hinter der Fassade des Lebemannes mit den brachialen Tacklings und dem breiten schottischen Akzent aber verbarg sich immer eine andere Seite des Erich Schaedler. "Erich hatte auch eine sehr verschlossene Seite", sagte Higgins. "Zwar war er in der Kabine bei den Hibernians voll integriert, aber er hatte nicht die engen Kontakte, die man bei einem Glas Bier pflegt." Und auch: "Damals, zu unserer Zeit, hast du mit Sicherheit niemanden etwas wissen lassen, wenn du unter Depressionen oder psychischen Problemen gelitten hast."

Ob es tatsächlich Depressionen waren, die ihn nach seiner Scheidung dazu brachten, in den Cadrina Forrest zu fahren und sich das Leben zu nehmen, wird man nie erfahren, ein Abschiedsbrief oder andere Hinweise wurden nie gefunden. Und dann ist da ja auch immer noch die Theorie seines Bruders, die einige Bekannte und Freunde teilen. Schließlich sei er bedroht worden, nachdem er angekündigt hatte, weitere Nachforschungen anzustellen. Und auch die fehlenden Spuren im Auto sowie die Zweige auf dem Blech wurden nie mit einer Erklärung versehen.

Die Familie glaubt noch heute an ein Verbrechen

30 Jahre nach seinem Tod ging die Familie Schaedler an die Öffentlichkeit und lieferte weitere Indizien, die gegen einen Suizid sprechen. So sei seine Wohnung auffällig aufgeräumt und sauber gewesen, ganz anders als alle seine anderen Wohnungen. Zudem habe es Gerüchte über Schulden und falsche Kontakte gegeben. Um die Wahrheit zu erfahren schrieb die Familie in Zusammenarbeit mit der Autorin Colin Leslie sogar ein Buch.

So oder so: An jenem kalten Wintertag starb mit Erich Schaedler ein Publikumsliebling und großer Kämpfer, der trotz seiner deutschen Wurzeln hierzulande völlig unbekannt ist. Im Jahr 2015 wurde er am Rande des Länderspiels zwischen Deutschland und Schottland geehrt. Müller und Co. sahen nicht so aus, als hätten sie den Namen Erich Schaedler jemals gehört.

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