HINTERGRUND
Schon als kleiner Junge musste Diawandou Diagne alternative Wege beschreiten. Während andere Kinder regelmäßig von ihren Eltern zum Training gefahren wurden, waren bei ihm clevere Lösungen und Hartnäckigkeit gefragt. Sein Onkel, die Bezugsperson Nummer eins in seiner Kindheit, wollte nicht, dass er Fußball spielt. Vielmehr sollte sich der aufgeweckte Bursche auf die Schule konzentrieren. Bildung statt Sport, lautete das oberste Credo. Doch der kleine Diawandou hatte anderes im Sinn. Nachdem ihn beim Kicken auf den Straßen seiner Heimatstadt Thies der Trainer der örtlichen Fußballschule "Ecole de Football Dosso" entdeckt und überzeugt hatte, wollte Diagne am liebsten nur noch dem Leder nacheilen.
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Wenn er also zur Schule ging, packte der damals sieben Jahre alte Spross in seinen Rucksack nicht etwa nur die Bücher, sondern auch sein Sportzeug und den Ball. "Ich nahm heimlich meine Ausrüstung mit, um auf dem Weg dorthin Fußball zu spielen", verriet Diagne Jahre später. Ohne die Schule wirklich zu vernachlässigen, blieb er im wahrsten Sinne des Wortes am Ball und in jeder freien Minute trat er gegen das Leder. Auf der Fußballschule entwickelte er sich prächtig und sein Talent war nicht zu übersehen und. So wechselte er auf die Sportschule CNEPS in Thies.
430.000 Bewerber, 24 Sieger
2008, als Diagne 14 Jahre alt war, nahm er an einem der größten Fußballcastings aller Zeiten teil: Als einer von 430.000 Fußballern bewarb er sich um einen Platz an der ASPIRE Academy in Katar – und setzte sich durch. 24 Spieler aus sieben verschiedenen afrikanischen Ländern erfüllten sich ihren Traum und zogen fortan nach Doha, um dort auf eine Rolle als Profisportler vorbereitet zu werden.
Das Projekt "ASPIRE Africa" hat es sich zum Ziel gesetzt, junge Fußballer in ihrer Entwicklung zu unterstützen und gleichzeitig auch die Bildung nicht zu vernachlässigen. Ein Punkt also, der Diagnes Onkel sehr gefiel.
ImagoDiawandou hatte ihm nicht erzählt, dass er sich um ein Stipendium beworben hatte und so war es ein Trainer der CNEPS, der die Botschaft überbrachte: "Zuerst hatte mein Onkel kein Interesse. Er hatte mich nie Fußballspielen sehen", führte Diagne aus. "Dann kamen aber die Talentsucher und sprachen mit ihm. Schließlich ließ er mich nach Katar gehen und wir haben das einen Monat lang getestet."
Aus dem einen Monat in der Obhut der Kataris wurden schließlich vier Jahre. Jeden Tag gab es zwei Trainingseinheiten, zwischendurch den Schulunterricht. Die Nachwuchskicker absolvierten immer wieder Trainingsspiele und Turniere in Europa. Das straffe Pensum brachte auch Diagne an seine Grenzen, wie er frei erzählte: "Ich muss zugeben, dass es nicht einfach war. Aber es gab gute Trainer, die auf uns aufgepasst haben und die uns animiert haben, nicht aufzugeben. Denn es ist nicht einfach, wenn man jung und so weit von seiner Familie entfernt ist. Aber wir haben das alles geschafft."
Diagne schwärmt von Messi und Iniesta
Die Belohnung folgte im Sommer 2012, als der 18-Jährige seinen ersten Profivertrag in Europa unterschrieb. Er wechselte zu KAS Eupen in die 2. Liga Belgiens. Die Wahl dieses Klubs geschah nicht zufällig. Denn Eupen wurde im selben Jahr von der Aspire Zone Foundation aus Katar übernommen (hier gibt es die ganze Geschichte dazu). Die Kataris wollen jungen Spielern, vorzugsweise aus ihren Akademien, Spielpraxis in einer Liga auf starken Level verschaffen – und als bescheidenen Nebeneffekt auch noch etwas positive Publicity für sich selbst.
Das erklärt womöglich auch, warum der FC Barcelona, damals von den Quatar Airways gesponsert, seine Fühler nach nur einem Jahr nach Diagne ausstreckte und den vielseitigen Defensivspieler, der im Abwehrzentrum und im Mittelfeld einsetzbar ist, wiederum ein Jahr später tatsächlich für die 2. Mannschaft verpflichtete.
Diagne war am Ziel seiner Träume. Er entwickelte sich zum Stammspieler in Barcas Reserve, gehörte zum Champions-League-Kader der Blaugrana und durfte regelmäßig mit den Stars wie Lionel Messi oder Andres Iniesta trainieren. "Wenn Du mit solchen Spielern trainierst, hast Du einen Vorteil gegenüber anderen. Außerdem geben sie geben jungen Spielern in der Kabine immer Ratschläge", so Diagne, der auch berichtete: "Und Dani Alves machte die ganze Zeit Faxen."
Bis hierher machte Diagnes Karriere den Eindruck, am Reißbrett entworfen zu sein. Für den ganz großen Wurf reichte es dann aber doch nicht. Ein Einsatz für die Barca-Profis blieb dem zweimaligen Nationalspieler verwehrt. Und Barca B stieg zudem auch noch aus der Segunda Division ab.
ImagoDiawandou Diagne (r.) mit Eupens neuem Trainer Claude Makelele
Also wurden erneut die bewährten Kontakte geknüpft, um Diagne weiter Spielpraxis auf gutem Niveau zu ermöglichen. Barcelona lieh den heute 23-Jährigen zurück an dessen Ex-Klub Eupen aus und 2017 wurde der Deal dauerhaft gemacht und Diagne unterschrieb bei der KAS bis 2019.
Eupen ist mittlerweile Erstligist, der ehemalige Weltklasseabräumer Claude Makelele wurde unlängst als neuer Trainer verpflichtet und Diagne kommt regelmäßig zu seinen Einsätzen.
Hinter dem Senegalesen liegt ein bemerkenswerter Weg, der ihn an die Seite Lionel Messis brachte und wie ihn nur wenige Fußballer beschreiten können. Ob er sich das wohl hat träumen lassen, als er damals die Fußballausrüstung in der Schultasche an seinem Onkel vorbeischmuggelte?




