HINTERGRUND
Fangen wir mit den positiven Erkenntnissen des letzten Tests vor der Weltmeisterschaft in Russland an: Der Fuß von Manuel Neuer hielt auch beim 2:1 gegen Saudi-Arabien, Marco Reus überstand die Begegnung ebenfalls unbeschadet. Das war es im Grunde genommen auch schon.
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Nein, diese Art von Spielen sollte man nie überbewerten. Dass nach der Niederlage am vergangenen Samstag gegen Österreich bereits wieder ein mediales Fass a la "so wird das aber nichts mit der Titelverteidigung" aufgemacht, teilweise von einer "Blamage" gesprochen wurde, weil man gegen einen bis in die Haarspitzen motivierten Kontrahenten, der Deutschland immer gerne eins auswischt, verloren hatte, war gleichermaßen absehbar wie unnötig.
Generalprobe entwickelt sich zum Stimmungskiller
Die Generalprobe in der Leverkusener BayArena sollte deshalb noch einmal für gute Laune bei allen Beteiligten sorgen: Fans optimistisch stimmen, Presse beruhigen, Mannschaft und Trainer für das Turnier rüsten. Letztlich entwickelte sich das Ganze aber in mehrerlei Hinsicht zu einem Stimmungskiller und Unruhestifter. Bundestrainer Joachim Löw bot in der ersten Halbzeit die Hautevolee der verfügbaren Spieler auf, eine Truppe, die potenziell auch gegen Mexiko am nächsten Sonntag starten könnte.
Nach recht ansehnlichem Start wirkte das DFB-Konstrukt allerdings schnell fahrig, schwerfällig und müde. Viele Chancen wurden auf der einen Seite vergeben, hinten entblößte die Mannschaft ein ums andere Mal große Lücken, die von anderen, qualitativ hochwertigeren Gegnern sicherlich anders ausgenutzt worden wären.
GettyBereitete das zwischenzeitliche 1:0 durch Timo Werner vor: Marco Reus"Wir müssen mehr Tore machen, wir haben einen relativ schwachen Gegner zu viele Chancen zugelassen", befand beispielsweise Toni Kroos im Anschluss in der ARD, Joshua Kimmich hatte "etliche leichte Ballverluste" gesehen, während Marco Reus bemüht war, die Zuschauer vor dem Fernseher zu beruhigen, den geflügelten Begriff "Turniermannschaft" benutzte und versicherte: " Da braucht sich Deutschland keine Sorgen machen."
Dass sich so kurz vor dem Turnier niemand mehr verletzen möchte, ist nachvollziehbar, dass nicht die volle Bandbreite des Könnens gezeigt wird, ebenfalls. Das ist insbesondere bei der deutschen Nationalmannschaft fast traditionell Usus. Genau das zeigte sich in etlichen Szenen. Mitte der ersten Halbzeit ging beispielsweise Sami Khedira nur sehr zaghaft in einen Zweikampf. So, wie der Mittelfeldmann von Juventus Turin unter wirklichen Wettkampfbedingungen niemals zurückziehen würde.
Bei einem schnellen Gegenzug der Saudis lief etwa Jerome Boateng nicht unter Hochdruck zurück in die eigene Hälfte, sondern trabte verhältnismäßig gelassen hinter den davoneilenden Grünen Falken her. Ein klassischer Fall von angezogener Handbremse. Legitimerweise.
"Nächste Woche werden wir mehr Power haben"
Dennoch erfüllen ebenjene Spiele auch einen Zweck: An welchen Stellschrauben gilt es noch zu drehen, wer kann und will sich aufdrängen, wie ist es um den Fitnesszustand so kurz vor der WM bestellt? Ein schwieriges Unterfangen, wenn die Zügel so locker sitzen, wie im Aufeinandertreffen mit dem Team vom Persischen Golf. " Wir können Dinge verbessern, absolut", erklärte Löw in der ARD diesbezüglich, prophezeit aber: " Nächste Woche werden wir mehr Power haben."
Ilkay Gündogan kam in der 57. Minute für Marco Reus ins SpielBeinahe noch mehr als die dürftige Leistung erhitzte allerdings abermals die Causa Erdogan-Foto rund um Mesut Özil und Ilkay Gündogan die Gemüter. Während Özil wegen einer Knieprellung vorsichtshalber nicht im Kader stand, wurde Gündogan in der 57. Minute für Reus eingewechselt – und erntete ein gellendes Pfeifkonzert, das auch in der Folge nicht abklingen wollte, sobald der ManCity-Star den Ball bekam. Und das, obwohl Löw das Publikum dazu animiert hatte, seinem Schützling stattdessen Beifall zu spenden.
Der Weltmeister-Coach zeigte sich im ARD-Interview einigermaßen irritiert, ob der neuerlichen Unmutsbekundungen von den Rängen: "Dass ein Nationalspieler so ausgepfiffen wird, hilft niemanden. Ich frage mich, was soll Ilkay denn noch alles machen? Er hat sich der Presse gestellt und erklärt, dass er die deutschen Werte lebt, sich voll und ganz mit ihnen identifiziert und sie verkörpert. Das können ich und Mitspieler bezeugen. Irgendwann ist das Thema auch mal vorbei."
Oliver Bierhoff äußert Kritik an den Medien
Manager Oliver Bierhoff reagierte schon im Vorfeld gereizt auf die Thematik: "Irgendwann ist es wichtig, nicht mehr über das Thema zu sprechen, um es auszublenden und sich auf die wichtige sportliche Zeit zu konzentrieren. Aber Ihr beendet es doch nicht. Ihr bringt es doch jeden Tag wieder, weil ihr keine Themen hab." Es wäre tatsächlich wünschenswert, dass sich die Wogen diesbezüglich in Bälde glätten.
Die Partie in der Farbenstadt hat nämlich gezeigt, dass bis zum Auftakt des amtierenden Titelträgers noch an diversen Baustellen gearbeitet werden muss. Weil mit Mexiko ein weitaus unangenehmerer Widersacher wartet, weil der stetige Özil-Gündogan-Rummel auch an den anderen Spielern nicht spurlos vorbeigeht. Ganz schön viele Negativ-Erkenntnisse.





