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Deutschland scheitert erstmals in der WM-Gruppenphase: #ZSMMNBRCH

08:00 MESZ 28.06.18
Toni Kroos South Korea Germany
Deutschland geht gegen Südkorea baden, scheidet als Gruppenletzter aus. Auch, weil während der WM auf dem Platz nichts von Zusammenhalt zu spüren ist.


HINTERGRUND

Kurz nachdem Schiedsrichter Mark Geiger die Partie zwischen Deutschland und Südkorea für beendet erklärt hatte, bot sich den Zuschauern in der Kazan-Arena ein surreales, beinahe groteskes Bild: Toni Kroos schritt völlig desillusioniert über den Rasen. Seine Teamkollegen, die dem trauernden, halbherzig schwarz-rot-goldene Fähnchen schwenkenden Anhang aus der Heimat noch wenige Augenblicke zuvor aus Reuegefühlen teilnahmslos Applaus gespendet hatten, waren in der Kabine verschwunden. Sie hatten ihren Regisseur, der vor vier Tagen noch ganz Fußball-Deutschland mit seinem brillanten Freistoß ekstatisch wachgeküsst hatte, alleingelassen.

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Neben dem fassungslosen Kroos hatte sich eine kollektive, in rote Trikots gehüllte Jubeltraube gebildet, die zu verschmelzen schien. Die Taeguk Warriors feierten ein historisches 2:0 über den amtierenden Titelträger. Und das, obwohl Trainer Shin Tae-yong und sein Schützling Heung-Min Son auf der Pressekonferenz am Dienstag demütig von einer "Einprozent-Chance", also quasi einem Ding der Unmöglichkeit, gesprochen hatten.

Es war ein Bild mit Symbolcharakter, eine Szenerie, die dieses Turnier aus deutscher Sicht treffender nicht hätte zusammenfassen können. Auf der einen Seite der Individualist, auf der anderen eine geschlossene Mannschaft. Die große Qualität, als Konstrukt zu funktionieren, das, was das DFB-Team vor vier Jahren in Brasilien so stark gemacht, am Ende den Titel beschert hatte, ist nicht mehr da. Portugal hat Cristiano Ronaldo, Argentinien hat Lionel Messi, wir haben eine Mannschaft, hieß es damals.

Die Mannschaft, das Marketingkonstrukt

Ein Credo, das der Truppe von Bundestrainer Joachim Löw weltweite, berechtigte Anerkennung einbrachte und in der Folge marketingwirksam bis zum Exzess ausgeschlachtet wurde. Unter dem hipsteresken, auf Vokale verzichtenden Motto-Hashtag ZSMMN wollte man an den großen Erfolg 2014 anknüpfen, stattdessen erlebte man den Zusammenbruch, die größte Schmach der deutschen Fußball-Historie, wurde in einer Gruppe mit Schweden, Mexiko und Südkorea Letzter. 

"In den drei Spielen hat man nie gesehen, dass da eine deutsche Mannschaft auf dem Platz stand", erklärte ein sichtlich mitgenommener Manuel Neuer, der den zahlreichen Reportern in der Mixed Zone als erster Spieler gegenübertrat. "Also wir standen schon auf dem Platz, aber man hat nicht gemerkt, dass wir hier eine WM spielen und dass wir eine Mannschaft haben, vor der man Respekt hat. Selbst wenn wir weitergekommen wären, hätte jeder gerne gegen uns gespielt“, schob er nach.

Deutliche Worte fand auch Kroos im Anschluss an die blamable Darbietung: "Wir haben leblos gewirkt, man konnte nicht das Gefühl gewinnen, dass das für uns heute ein Finale ist." Leblos, eine treffende Bezeichnung des Ganzen, was sich 90 Minuten lang auf dem Rasen abgespielt hatte. Die eigentlich so hochtalentierte Mannschaft erweckte über weite Strecken den Eindruck, als wisse sie überhaupt nicht, was auf dem Spiel steht.

Frei nach der Devise: "Wird wahrscheinlich sowieso schon wieder irgendwie klappen, wir sind immerhin Deutschland und Deutschland scheidet nie in der Gruppenphase aus", schoben sich die Akteure den Ball in einer ungewohnten Trägheit hin und her, ohne die südkoreanische Defensivabteilung vor besonders knifflige Aufgaben zu stellen.

"Das Tempo und die Geschwindigkeit, die uns früher ausgezeichnet haben, hatten wir diesmal nicht. Das war zu lethargisch und langsam. Wir konnten keinem Gegner damit wehtun", sagte Neuer abschließend und ergänzte: "Dass wir so eine Leistung zeigen und in der Vorrunde ausscheiden, sowas habe ich von einer deutschen Mannschaft noch nie gesehen" 

Mats Hummels als erfolgloser Antreiber

Mats Hummels, der kurz vor Schluss eine von Mesut Özil ausnahmsweise mal punktgenau hereingebrachte Flanke nur mit der Schulter traf und somit die Führung verpasste, befand: "Es haben einfach viele Dinge nicht zusammengepasst, ohne diese Dinge jetzt genau benennen zu können." Er hatte wenigstens immer wieder versucht, seine Nebenleute wachzurütteln, stand gleichzeitig in der Defensive sicher und versprühte vorne die meiste Torgefahr. Eine für sich selbst sprechende Tatsache, dass ein Abwehrspieler die gefährlichsten Abschlüsse generierte. Gleich mehrere Male stauchte der Innenverteidiger, der "die größte sportliche Enttäuschung" seiner Karriere beklagte, die schläfrigen Kollegen lautstark zusammen. Anfeuerungsversuche, die in der Hitze von Kasan verglühten, ohne ihre Adressaten zu erreichen.

Generell schien die Kommunikation auf dem Feld in allen absolvierten Spielen nicht zu funktionieren. Was bizarr anmutet, wenn man bedenkt, wie lange der Kern des Teams bereits zusammenspielt. Einig waren sich die Protagonisten der Tragödie namens "Deutschland bei der WM 2018" allerdings am Ende doch noch in einem Punkt: Das Ausscheiden war völlig verdient.

Joachim Löws Zukunft ungewiss

Man darf gespannt sein, wie es weitergeht. Löw, der vor wenigen Wochen seinen Vertrag als Coach bis 2022 verlängert hatte, ließ ein klares Bekenntnis zum Weitermachen bei der Pressekonferenz vermissen, auch einige Spieler wurden zu ihrer Zukunft im DFB-Team befragt, ließen sich verständlicherweise eine halbe Stunde nach Abpfiff kein klares diesbezügliches Statement entlocken.

Und so sind es diese Bilder, die von der Weltmeister-Dämmerung bleiben werden. Der einsam über den Platz schreitende Toni Kroos, der regungslose Mats Hummels und der ratlos dreinblickende Bundestrainer. Jeder für sich, nicht gemeinsam. 

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