Solche Szenen hatte man im Signal Iduna Park schon lange nicht mehr gesehen: Nach dem 4:4 im Revierderby zwischen Borussia Dortmund und dem FC Schalke 04 versuchten einige Anhänger der Schwarz-Gelben den Platz zu stürmen, die Mannschaft wurde gnadenlos ausgepfiffen und angefeindet. Die Spieler wollten nach der Partie nicht reden, allesamt standen sie mit ausdruckslosen Gesichtern in den Katakomben und warteten auf den Fahrdienst. Einzig Nuri Sahin versuchte die gefühlte Niederlage nach einer 4:0-Führung zur Pause zu erklären - und kämpfte um jedes Wort und gegen die Tränen.
"In der Kabine wurde nicht viel geredet, es war sehr leise. Wir sind alle enttäuscht", sagte Sahin nach dem nächsten großen Rückschlag in dieser Saison. Nachdem Borussia Dortmund glänzend ins Spiel gefunden hatte, sich bei jeder Aktion - ob gelungen oder nicht - selbst anfeuerte und den FC Schalke über 25 Minuten an die Wand spielte, waren alle Beteiligten nach dem Abpfiff fassungslos.
Der BVB spielte in der ersten Halbzeit taktisch verändert führte schnell 4:0. Die taktische Veränderung überraschte selbst S04-Trainer Domenico Tedesco. "Wir haben den BVB nicht mit einer Dreierkette erwartet. Das war clever", sagte er.
BVB überrascht Schalke und Tedesco
So hatten die Schalker in der ersten Halbzeit überhaupt nichts zu melden. "Wir wurden überrollt", meinte Tedesco, der nach den Treffern von Pierre-Emerick Aubameyang (12.), Benjamin Stambouli (ET, 18.), Mario Götze (21.) und Raphael Guerreiro (25.) "konsterniert" war. "Es war extrem, wie wir mit dem Rücken zur Wand standen. Das war ehrlich gesagt die Hölle", sagte Tedesco. Der BVB spielte in der Phase herausragend, ließ die Gäste nicht einmal vor das eigene Tor kommen, verteidigte stark und aggressiv. Zu diesem Zeitpunkt war es nicht vorstellbar, dass Schalke noch einmal einen Weg zurück ins Spiel finden würde.
Aber es kam anders! Den Königsblauen reichte in der zweiten Halbzeit eine gute Leistung, um den BVB in die Schranken zu weisen. Nach 60 Minuten konnte man bei den Dortmunder Spielern zusehen, wie die Tanknadel sich immer weiter der Reserve näherte und irgendwann die Lampe anging. Die Spieler waren müde, kraftlos. Hinzu kam die zunehmende Unsicherheit aufgrund der Gegentore. In der Nachspielzeit war es Naldo, der nach Treffern von Guido Burgstaller (61.), Amin Harit (65.) und Daniel Caliguiri (86.) zum 4:4 einköpfte, und dem BVB eine gefühlte Niederlage zufügte.
"Wir haben in der zweiten Halbzeit keinen klaren Fußball mehr gespielt. Wir haben immer nur zurück auf Roman gespielt und es mit langen Bällen versucht", analysierte Peter Bosz. Völlig unverständlich, waren die Borussen in der ersten Hälfte doch klar überlegen und besetzten konsequent die Zwischenräume. Auch hier wirkte es, als fehlte den Dortmundern die nötige Spritzigkeit. Für Bosz eine klare Sache: "Wenn wir nur hinterher laufen, wird man müde." Sicherlich ein Teil der Wahrheit. Zumal Aubameyang nach einer dummen Aktion in der 72. Minute mit Gelb-Rot vom Platz musste. Allerdings präsentierten sich die Borussen im dritten Spiel in acht Tagen jeweils in der zweiten Halbzeit extrem schwach.
"Das ist völlig unverständlich"
"Natürlich spielt die Psyche eine Rolle. Es fällt uns momentan nicht leicht. Wir müssen einfach besser verteidigen", sagte Sahin. Aber warum der BVB nach einer so hohen Führung so krass einbricht? "Dafür gibt es keine Erklärung. Das ist unverständlich", sagte er. "Jeder Einzelne muss sich diese Frage stellen. Nach einem 4:0 in einem Derby, in dem wir die taktisch komplett zerlegen und alles aufgegangen ist, ist die zweite Halbzeit völlig unverständlich. Einfach eine katastrophale zweite Halbzeit."
GettySchleichen mit hängenden Köpfen vom Feld: Die Spieler von Borussia Dortmund
Das unterschreibt ihm an diesem Abend jeder. Vor allem die Fans, die nach der Partie stocksauer waren. Ihren Unmut konnte Sahin deshalb voll und ganz verstehen: "Das war absolut berechtigt. Dieser Kritik müssen wir uns stellen. Die Fans haben immer die Füße still gehalten und uns immer unterstützt. Da muss man Mann genug sein und sich der Kritik stellen."
Der Kritik muss sich auch Bosz weiterhin stellen - auch wenn zumindest in der ersten Halbzeit seine Taktik voll und ganz aufgegangen ist: "Das war taktisch überragend in der ersten Halbzeit. Aber es darf so eine zweite Halbzeit nicht geben." 21 Punkte nach 13 Spielen genügt den Ansprüchen von Borussia Dortmund allerdings nur bedingt. Und dass Bosz nach einer erneuten desolaten zweiten Halbzeit keine Konditions- oder Kraftprobleme sieht, lässt zumindest Fragen aufkommen. Eine davon brennt derzeit vielen auf den Nägeln: Wie lange bleibt der Niederländer noch Trainer beim BVB?
Vielleicht wird sich dies schon nach der Mitgliederversammlung am Sonntag beantworten lassen. Ungemütlich wird der Vormittag in den Dortmunder Westfalenhallen allemal. Für die Mannschaft geht es am nächsten Samstag bei Bayer Leverkusen weiter. Stand jetzt ist es aber kaum vorstellbar, dass sich die Spieler bis dahin mental erholt haben. Zu tief sitzt der Schock der "Derbyniederlage" nach dem 4:4.
