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BVB-Star Axel Witsel im Interview: ​"Nach diesem Erlebnis habe ich meiner Frau gesagt, dass wir nach Europa zurückkehren"

09:00 MESZ 22.08.19
Axel Witsel Borussia Dortmund
Axel Witsel blickt im Interview auf seine bewegte Karriere zurück. Ein Gespräch über Verzicht, Heimweh, Beinahe-Transfers und russische Kälte.

EXKLUSIV-INTERVIEW

Eine Finca auf Ibiza, Sonnenschein, 31 Grad. In entspannter Atmosphäre empfängt Axel Witsel Goal und  DAZN während seines Sommerurlaubs zum ausführlichen Karriere-Interview. Der 30-Jährige macht einen ruhigen, höflichen Eindruck, hat seine Frau, seine Kinder und seine Cousins um sich geschart. 

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Witsel lebte in Belgien, Portugal, Russland und China, spielte für Standard Lüttich, Benfica, Zenit und Tianjin Quanjian. Inzwischen ist er für Borussia Dortmund in der Bundesliga aktiv.

Ein Gespräch über Witsels fußballerische Anfänge, seinen strengen Vater, sein französisches Idol und ein prägendes Erlebnis in einem chinesischen Krankenhaus. Außerdem: Wie er beinahe zu Real Madrid und später zu Juventus gewechselt wäre, wie er beim BVB landete und warum Geld nicht alles ist.

Axel, welche Rolle hat Ihr Vater in Ihrer fußballerischen Entwicklung gespielt?

Axel Witsel: Er hat früher auch Fußball gespielt, zwar nicht als Profi, aber immerhin in der vierten oder fünften Liga. Vor allem war er aber in der ersten belgischen Liga beim Futsal aktiv. Ich habe ihm damals immer bei seinen Spielen zugesehen und selbst Futsal gespielt. Eigentlich wollte ich das auch machen, weil ich so sein wollte wie mein Vater. Er hat aber gesagt: 'Nein, im Fußball hast du eine bessere Zukunft.' Und hatte damit natürlich Recht.

Fußball hat also schon in Ihrer Kindheit eine große Rolle gespielt?

Witsel: Ja, ich bin quasi mit dem Fußball geboren worden. Als Kind habe ich immer mit Nacer Chadli auf der Straße gespielt, meinem besten Freund. Wir waren ständig zusammen und haben später auch zusammen bei Standard Lüttich gespielt. Am einen Tag haben meine Eltern Nacer zum Training mitgenommen, am nächsten Tag wurden wir von seinen Eltern abgeholt.

Haben Sie in Ihrer Jugend Dinge vermisst?

Witsel: Im Alter von 16, 17 Jahren ist es natürlich nicht so einfach. Du kannst eben nicht bei allen Dingen mitmachen, die deine Freunde so machen. Ich war früher in einer Fußballschule, wir hatten von acht bis zehn Uhr Unterricht, danach fuhr ein Bus zur Trainingsakademie. Von 10.30 bis zwölf Uhr war Training, dann ging es von 13 bis 16 Uhr wieder zurück in die Schule und wir hatten von 17 bis 18.30 Uhr noch einmal Training. Danach hast du geduscht, bist nach Hause gefahren, hast etwas gegessen und dann war es auch schon 20 Uhr und du musstest noch etwas für die Schule tun. Danach ging es ins Bett. Es war eine harte, aber schöne Zeit.

Wurden Sie von Ihren Eltern angespornt?

Witsel: Mein Vater war sehr streng mit mir. Ihm war es wichtig, dass ich einen Abschluss mache, also habe ich einen in Buchhaltung gemacht. Auf der Fahrt von der Trainingsakademie nach Hause habe ich oft geweint, weil mein Vater so hart zu mir war. Meine Mutter war ganz anders, sie hat mir Essen gemacht und sich immer um mich gekümmert. Rückblickend war es aber sicherlich gut, dass mein Vater so zu mir war. Mittlerweile ist unser Verhältnis anders, wir reden als Erwachsene miteinander. Wenn ich schlecht gespielt habe, weiß ich das selbst. Das muss er mir nicht mehr sagen.

Ihr Vater stammt aus Martinique, Ihre Mutter aus Belgien. Wie haben Sie diese Wurzeln beeinflusst?

Witsel: Mein Vater hat nicht lange auf Martinique gelebt. Er kam im Alter von neun Jahren nach Belgien. Zuvor musste er schon als Fünf- oder Sechsjähriger auf Martinique arbeiten. Dadurch hat er Zeit in der Schule verpasst, die ihm in Belgien später natürlich fehlte. Irgendwann traf er meine Mutter - und ich war nicht unbedingt geplant. Meine Mutter war 20, mein Vater 21, beide gingen noch zur Schule und auf einmal war meine Mutter schwanger. Meine Eltern hatten damals keinen Job, sie haben bei meinem Großvater gelebt. Mein Vater musste dann die Schule abbrechen, um Arbeit zu finden, und begann auf dem Bau. Ich bin unheimlich stolz auf beide, gerade wenn man sieht, wo mein Vater herkommt und wo er jetzt ist: in der belgischen Politik als Abgeordneter.

Ihr Vater ist Fan der französischen Nationalmannschaft. Warum?

Witsel: Weil er aus Martinique stammt, dort hat er immer die französische Nationalmannschaft verfolgt. Als ich klein war, haben wir die Spiele des Teams von 1998 um Zinedine Zidane geschaut. Zidane ist mein Idol. Ich hatte sogar ein Trikot der Franzosen. Mein Vater mag Frankreich immer noch, aber seit der letzten Weltmeisterschaft vielleicht nicht mehr ganz so sehr. (lacht)

Sie haben im Alter von 17 Jahren für Standard Lüttich in der ersten belgischen Liga debütiert. Wie erinnern Sie sich daran?

Witsel: Das war beim 2:1 gegen Brüssel, ich wurde in der letzten Minute eingewechselt. Besser erinnere ich mich an das Spiel gegen Lierse, da habe ich zum ersten Mal in der Startelf gestanden und gut gespielt. In der Nacht zuvor konnte ich kaum schlafen. Ich war zu Hause bei meinen Eltern und habe mir nur gedacht: Morgen muss ich da sein.

Wie hat es sich auf dem Spielfeld angefühlt?

Witsel: Es war komplett verrückt. Lüttich ist meine Heimat, dort habe ich meine Familie und meine Freunde. Ich wurde in Lüttich geboren, habe ab meinem neunten Lebensjahr bei Standard gespielt. Wenn die Fans dann zum ersten Mal deinen Namen brüllen, ist das ein unbeschreibliches Gefühl.

Haben Sie eine besonders prägende Erinnerung an diese Zeit?

Witsel: Als ich zehn Jahre alt war, saß ich bei meinem Vater im Auto, wir waren auf dem Weg zum Training. Im Rückspiegel konnten wir das Stadion von Standard sehen und ich habe zu ihm gesagt: 'Irgendwann werde ich in diesem Stadion spielen. Das ist mein Traum.' Mein Vater meinte, dass ich immer hart arbeiten und an mich glauben müsse, um meinen Traum zu verwirklichen. Letztlich hat es funktioniert, ich hatte sechs wundervolle Jahre in Lüttich.

2011 wechselten Sie zu Benfica nach Lissabon.

Witsel: Das war eine ungewohnte Situation, weil es mein erster Transfer war. Ich hatte in Lüttich schon allein in einem Apartment gewohnt. Ich wollte ein eigenständiges und unabhängiges Leben führen, auch wenn mein Vater oft anderer Meinung war. Dennoch war es schwierig, Lüttich zu verlassen. Als ich mich von meinen Freunden und meiner Familie verabschiedet habe, sind Tränen geflossen.

Wie lief der Start bei Benfica?

Witsel: Die ersten zwei, drei Wochen waren ungewohnt. Wenn ich im Training zweimal hintereinander den Ball berührt habe, war das schon gut. Das Tempo war viel höher. Bevor ich den Ball bekommen habe, musste ich wissen, wo ich ihn hinspiele. An dieses Niveau musste ich mich erst einmal gewöhnen, aber nach ungefähr drei Wochen war alles vertraut.

Hatten Sie in der Anfangszeit Zweifel?

Witsel: Nein, aber ich hatte Heimweh. Ich habe mich nicht wohl gefühlt, weil ich das Gefühl hatte, nicht gut genug zu trainieren. Ich bin jemand, der viele Ballkontakte braucht und wie ein Spielmacher agiert. Damals habe ich zu meinem Vater gesagt: 'Ich verstehe das nicht. Ich bekomme kaum den Ball und renne nur hin und her, das ist doch kein Fußball.' Er hat mich beruhigt und gesagt: 'Entspann dich, deine Zeit wird schon kommen. Es wird nur drei Wochen dauern, dann wirst du dich angepasst haben.' Auch damit hatte er Recht.

Warum sind Sie nur ein Jahr später nach Russland zu Zenit St. Petersburg gewechselt?

Witsel: Ich hätte auch zu Real Madrid wechseln können, als Jose Mourinho dort war. Dann hat Real aber Luka Modric verpflichtet, deswegen hat ein Transfer nach Madrid für mich keinen Sinn mehr ergeben. Kurz vor Ende der Transferperiode hat sich dann Zenit gemeldet. Ich hatte gute Gespräche mit den Verantwortlichen und habe zugesagt. Ich bin ein offener Mensch und hatte keine Angst vor Russland. Sankt Petersburg ist eine beeindruckende Stadt. Zudem muss man sehen, dass Benfica damals viel Geld mit mir verdient hat. Bis zu Joao Felix‘ Abgang waren die 40 Millionen Euro noch die größte Transfereinnahme der Vereinsgeschichte.

Wie war das Leben in Russland?

Witsel: Komplett anders als in Portugal. In Lissabon ist fast immer schönes Wetter, dort waren wir schnell am Strand. In Russland ist es kälter und die Menschen sind zurückhaltender, wenn sie dich nicht kennen. Es ist eine andere Mentalität, an die ich mich erst gewöhnen musste.

Sie und Hulk waren die ersten beiden farbigen Spieler bei Zenit. Haben Sie Erfahrungen mit Rassismus machen müssen?

Witsel: Nein. Ich konnte mich in der Stadt immer frei bewegen. Mein Vater ist schwarz, er hat mich mehrfach besucht, da gab es nie Probleme. Ich weiß aber, dass Hulk damals einige Schwierigkeiten hatte, zum Beispiel ein paar Auseinandersetzungen mit den Fans von Spartak Moskau. Im Fußball sollte es keinen Platz für Rassismus geben. Viele Menschen haben ein schlechtes Bild von Russland. Vor ein paar Monaten gab es auch einen Vorfall in Italien. Solche Dinge passieren also nicht nur in Russland, sondern überall in Europa.

Wie würden Sie Ihre Zeit in Russland zusammenfassen?

Witsel: Das erste Jahr war nicht einfach. Wir hatten Igor Denisov in der Mannschaft, der Nationalspieler Russlands war und von Anfang an ein Problem mit uns hatte. In der Zeitung sagte er Sachen wie: 'Witsel ist nicht Iniesta, wieso haben wir ihn für 40 Millionen Euro geholt?' Oder: 'Hulk ist nicht Messi'. Das war nicht fair. Die Stimmung in der Kabine war nicht gut - und trotzdem wurden wir direkt Zweiter in der Liga. Letztlich habe ich meine Zeit in Russland trotz der anfänglichen Schwierigkeiten wirklich genossen. Wir haben einige Titel gewonnen, darunter den Pokal und die Meisterschaft.

2017 wechselten Sie zu Tianjin Quanjian nach China und sorgten damit für öffentliche Entrüstung.

Witsel: Es war ein Angebot, das ich nicht ablehnen konnte. Ein halbes Jahr zuvor war die Situation noch eine andere. Mein Vertrag bei Zenit lief aus und ich wollte zu Juventus wechseln. Ich hatte schon den Medizincheck bestanden und musste eigentlich nur noch den Vertrag unterschreiben. Ich habe den ganzen Tag im Büro gewartet und am Ende sagte mir Zenit, dass ich wieder zurückkommen müsse. Im Nachhinein war das vielleicht ein Wink des Schicksals. Vielleicht war es einfach nicht der richtige Zeitpunkt. Als sich dann die Möglichkeit ergeben hat, nach China zu wechseln, habe ich für mich entschieden, diese Chance zu nutzen.

Sie haben zugegeben, dass es bei Ihrem Wechsel zu Tianjin vor allem ums Geld ging. Wie sind Sie mit den Reaktionen auf den Transfer umgegangen?

Witsel: Am Anfang war es schwer. Das Thema war dauerpräsent in den belgischen Nachrichten. Vor allem war es für meine Familie schwierig. Wenn jemand schlecht über mich redet, macht mir das nichts aus, weil ich selbst am besten weiß, was gut für mich ist. Meine Eltern, meine Schwester, sogar unsere Kinder haben aber darunter gelitten. Dabei habe ich nichts Verbotenes gemacht. Ich habe einfach nur eine Entscheidung getroffen und bin nach China gegangen.

Würden Sie jüngeren Spielern empfehlen, dorthin zu wechseln?

Witsel: Es ist immer eine persönliche Entscheidung. Es gibt vier schöne Städte in China: Shanghai ist wunderschön, Guanghzou im Süden und dann noch Peking und Tianjin. Tianjin ist eine riesengroße Stadt, dort leben 16 Millionen Menschen. Das kann man nicht mit Lüttich, Lissabon oder Dortmund vergleichen. Am Ende war es für mich die richtige Entscheidung und eine schöne Erfahrung. China ist eine ganz andere Welt. Ich war der erste Spieler aus der belgischen Nationalmannschaft, der dorthin gegangen ist. Jetzt spielen auch Moussa Dembele und Marouane Fellaini dort.

Wie sah Ihr Leben dort aus?

Witsel: Wir hatten ein Apartment im Hotel. Fabio Cannavaro war anfangs mein Trainer. Er und sein ganzes Team haben auch dort gewohnt, genauso wie alle anderen ausländischen Spieler. Die Schule war nur zwei Minuten entfernt, es wurde hauptsächlich auf Englisch unterrichtet. Ein wenig Chinesisch war aber auch dabei.

Während dieser Zeit haben Sie eine unschöne Geschichte mit Ihrer Tochter erlebt.

Witsel: Ja, leider. Mai-Li hatte plötzlich Schmerzen im Bauchbereich, deshalb bin ich mit ihr ins internationale Krankenhaus von Tianjin gefahren. Sie hatte eine Blockade, dem Krankenhaus fehlten aber die zur Behandlung notwendigen Geräte. Ich hatte zwei Optionen: ins chinesische Krankenhaus in Tianjin zu fahren oder zum internationalen nach Peking, das zwei Autostunden entfernt war. Dazu fehlte aber die Zeit, weil es sehr gefährlich hätte werden können. Also bin ich zu dem kleinen chinesischen Krankenhaus. Es waren unvorstellbar viele Menschen dort. Man musste ein Ticket ziehen und warten wie auf dem Amt. Für mich war das völlig verrückt. Es dauerte zwei, drei Stunden, bis es zwei oder drei Uhr in der Nacht war. Mai-Li hatte starke Schmerzen und hat geweint, ich hatte währenddessen unsere jüngere Tochter Evy im Arm. Um drei Uhr bin ich mit der Kleinen nach Hause gefahren und meine Frau ist mit Mai-Li im Krankenhaus geblieben. Am nächsten Tag hatten wir ein Auswärtsspiel und ich hätte eigentlich zusammen mit dem Team dorthin fliegen müssen.

Wie ging es weiter?

Witsel: Irgendwann ist meine Tochter endlich drangekommen, meine Frau musste während der Behandlung draußen bleiben. Am Ende hatten die Ärzte glücklicherweise die benötigten Geräte und Mai-Li ist am nächsten Tag wieder nach Hause gekommen. Ich habe dem Trainer noch in der Nacht eine Nachricht geschrieben, er hatte Verständnis. Nach diesem Erlebnis habe ich zu meiner Frau gesagt, dass ich noch die WM spiele und dass wir dann nach Europa zurückkehren. Geld ist zwar wichtig, aber nicht alles. Es bringt dir nicht immer Glück und Freude.

 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 

🏆🙏🏽❤️😘 #EchteLiebe

Ein Beitrag geteilt von Axel Witsel (@axelwitsel28) am Aug 4, 2019 um 7:08 PDT

Ist Ihre Tochter wieder gesund?

Witsel: Ja. Vor der WM hat sich die Nationalmannschaft in Belgien getroffen. Da haben wir Mai-Li noch einmal durchchecken lassen und Gott sei Dank war alles in Ordnung. Wir mussten danach nur ein Jahr lang ihre Körpertemperatur beobachten. Für meine Familie würde ich alles tun. Wenn wir in Belgien sind, laden wir immer meine Eltern und Schwiegereltern ein, die ganze Familie. Ich habe während der Saison nicht so viel Zeit, aber wenn die Möglichkeit da ist, sind wir alle zusammen in unserem Haus, mit 40, 50 Menschen. Ich liebe diese Momente mit meiner Familie.

Durch den Wechsel nach Dortmund sind Sie wieder deutlich näher an Ihrer Heimat. Wie kam es, dass Sie beim BVB landeten?

Witsel: Zuerst ist Michael Zorc auf mich zugekommen, danach hat mich Lucien Favre angerufen. Ich hatte auch andere Angebote, hätte vielleicht zu PSG oder Manchester United gehen können, aber ich wollte nicht abwarten. Ich hatte das Gefühl, dass ich für Dortmund die erste Wahl war. Es ist wichtig, dass man ein gutes Gefühl hat, wenn man zu einem neuen Verein geht. Nach Gesprächen mit Zorc, Favre und Hans-Joachim Watzke habe ich mich entschieden. Dortmund ist ein Top-Klub und ich wollte unbedingt zu einem europäischen Top-Klub, weil es mit 29 Jahren vielleicht meine letzte Chance war. Die Verhandlungen mit Tianjin waren nicht einfach, aber am Ende hat alles funktioniert.

Inwieweit war Ihre Karriere geplant?

Witsel: Man kann eine Karriere nicht planen. Ich hätte mir auch vorstellen können, fünf Jahre bei Benfica zu bleiben, war aber nur ein Jahr dort. Als ich nach Dortmund ging, hatte ich allerdings schon einen Plan. Ich habe für vier Jahre unterschrieben und möchte diese vier Jahre auch beim BVB bleiben, vielleicht sogar länger. Ich bin viel herumgekommen. Deshalb ist es jetzt gut für mich und meine Familie, hier zu bleiben. Dortmund ist nicht die schönste Stadt der Welt, für uns aber der perfekte Ort, weil es nur zwei Autostunden von Belgien entfernt ist. Von China aus waren es noch elf Stunden mit dem Flugzeug.

Wie blicken Sie mittlerweile auf die vergangene Saison zurück?

Witsel: Es war eine Top-Saison, wir waren nah dran. Natürlich ist es schade, dass es mit der Meisterschaft nicht geklappt hat, trotzdem müssen wir einfach das Positive aus dieser Zeit mitnehmen. Ich war noch nie in einer Mannschaft mit so vielen jungen, talentierten Spielern. Am Ende eines Meisterschaftsrennens ist Erfahrung sehr wichtig - und davon hatte Bayern einfach mehr. Nun sind wir dank der Neuzugänge noch stärker.

Mit Mats Hummels ist ein Führungsspieler hinzugekommen.

Witsel: Ich bin froh, dass er da ist und davon überzeugt, dass er sehr wichtig für uns sein wird. Mats hat viel Erfahrung und bereits viele Titel gewonnen. Ein Verein wie Dortmund muss Titel gewinnen. Mats ist ein super Typ und ein weiterer Leader. Einen Typen wie ihn haben wir gebraucht.

Was wollen Sie persönlich in der aktuellen Saison besser machen?

Witsel: Ich hasse Ballverluste. Wenn ich den Ball in einem Spiel zwei oder drei Mal verliere, ist mir das zu viel. Da mache ich mich im Nachgang verrückt und frage mich, warum mir das passiert ist. So war ich schon immer. Während des Spiels versuche ich aber, cool und ruhig zu bleiben. Das ist meine Art.

Cool und ruhig - würden Ihre Freunde Sie so auch als Person abseits des Platzes beschreiben?

Witsel: Die würden mich wahrscheinlich als Schlaftablette beschreiben. Ich bin sehr ruhig, brauche für viele Dinge ein bisschen länger. Ich bin immer relaxed, ein Familienmensch. Ich wüsste nicht, warum ich nervös oder angespannt sein sollte.

Sie engagieren sich für Action Damien, eine belgische Stiftung, die sich für den Kampf gegen Lepra und Tuberkulose einsetzt. Warum tun Sie das?

Witsel: Weil ich in meinem Leben viel Glück hatte und mir Gott viel geschenkt hat. Wenn du viel bekommst, musst du auch viel zurückgeben. Das ist mir sehr wichtig und das mache ich bei mehreren Organisationen. Ich verstehe nicht, wie Menschen, die viel bekommen haben, nichts zurückgeben können. Das ist für mich ein Unding. Ich sehe das als meine Pflicht an. Ich kann vielen Leuten helfen - und es brauchen viele Leute Hilfe, weil sie zum Beispiel eine Krankheit haben. Ich bin froh, dass ich helfen kann.

Müssten mehr Personen des öffentlichen Lebens ihrer sozialen Verantwortung nachkommen?

Witsel: Jeder kann mit seinem Leben, Image oder Geld machen, was er will. Das ist eine individuelle Entscheidung. Ich persönlich sehe es so, dass man nicht nur nehmen kann, sondern auch geben muss. Ich sage ja nicht, dass man übertreiben muss. Wenn man jedoch die Möglichkeiten hat, zu helfen - sei es mit Geld oder dadurch, dass man selbst nach Afrika reist und Menschen in Not hilft -, dann sollte man sie wahrnehmen. Entscheidend ist die Geste. Wenn man Menschen eine helfende Hand reichen kann, muss man das auch tun.