Chelseas Meistermacher Antonio Conte: Der (Fein)Schleifer

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Während sich die Medien auf Pep und Mou stürzen, führt Trainer-Fuchs Conte den FC Chelsea quasi heimlich zum souveränen Meistertitel. Ein Kommentar.

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Nein, so wirklich auf der Rechnung hatte den FC Chelsea im vergangenen Sommer niemand. Während sich die europäischen, vor allem aber die Medien auf der Insel auf das Mega-Duell der beiden Star-Trainer Jose Mourinho und Pep Guardiola, die jeweils eines der beiden Schwergewichte aus Manchester übernahmen, stürzten, ging das Engagement von Antonio Conte bei den Blues beinahe unter.

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Klar, hatte der Meister von 2015 doch eine fürchterliche Saison hinter sich, die zunächst im Rauswurf Mourinhos im Dezember gipfelte, um später unter Interimslösung Guus Hiddink auf einem – für CFC-Verhältnisse – enttäuschenden zehnten Rang auszuklingen. Auch auf dem Transfermarkt bestimmten die anderen englischen Spitzenklubs die Gazzetten. ManUnited etwa, das mit Paul Pogba den teuersten Fußballer aller Zeiten zu sich lotste und darüber hinaus noch den exzentrischen, hochbegabten Zlatan Ibrahimovic unter Vertrag nahm.

Dass mit N’Golo Kante einer der wichtigsten Bausteine von Sensations-Meister Leicester City an die Stamford Bridge wechselte, wurde hingenommen, aber nicht ausgeschlachtet. Ein recht guter Kicker, aber eben nicht der ganz große Name. So ähnlich verhielt es sich mit Conte. Ein Coach, der in der Vergangenheit hinlänglich bewiesen hat, über welch herausragendes Fußball-Verständnis er verfügt. Dreimal holte er mit Juventus den Scudetto, bei der EM in Frankreich sorgte er mit einer italienischen Nationalmannschaft, die im Vorfeld für zu alt, zu verstaubt befunden wurde, für Wirbel.

Zehn Monate später steht kein Guardiola, kein Mourinho, kein Arsene Wenger und auch kein Jürgen Klopp auf dem Premier-League-Olymp, sondern Conte. Der Italiener war der größte Coup der Chelsea-Verantwortlichen, genau derjenige, den die Ausnahmekönner aus dem Londoner Südwesten gebraucht haben. Conte ist weder Special One noch Normal One, Conte ist Pragmatiker, ein Taktik-Genie.

Es ist keine Seltenheit, dass sich Teambesprechungen über mehrere Stunden hinziehen. Immer wieder unterbricht Conte Video-Analysen, um sie akribisch auseinander zu basteln. Selbst aus Szenen, die von geschulten Augen kaum wahrgenommen werden, zieht der 47-Jährige die richtigen Schlüsse. An der Seitenlinie lebt der Perfektionist das Spiel seiner Truppe mit, dirigiert, fuchtelt mit den Armen, würde jedes Kopfballduell am liebsten selbst bestreiten.

Kurz gesagt: Conte, der gemeinhin als Schleifer, als harter Hund gilt, hat einer kurzfristig in der Versenkung verschwundenen Mannschaft seine Philosophie innerhalb weniger Wochen eingeimpft, sie im Laufe der Saison auf ein neues Level gehievt. Ob der Ex-Profi aus Lecce weiterhin derart performt, wenn seine Mannen ihr Comeback auf der internationalen Bühne geben, bleibt abzuwarten. Vermutlich wird er jedoch auch in Phasen der Doppelbelastung den richtigen (Fein)Schliff finden.

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