Passenderweise legte Julian Brandt am Samstagabend einen Auftritt auf den Kölner Rasen, wie man ihn von ihm in seinen nun beinahe sieben Jahren bei Borussia Dortmund zuhauf gesehen hat: Über weite Strecken unauffällig, nur wenige Aktionen - und doch hatte er diesen einen genialen Moment, mit dem er entscheidenden Einfluss ausübte. In der 60. Minute nämlich, als er Maximilian Beier herrlich per Doppelpass bediente und damit den zweiten Dortmunder Treffer vorbereitete.
Getty ImagesAbgesehen von seinem Assist war Brandt beim letztlich erzitterten 2:1-Sieg des BVB beim 1. FC Köln nur eine Randfigur. Doch weil Dortmunds Geschäftsführer Sport Lars Ricken später bei Sky bestätigte, dass der am Saisonende auslaufende Vertrag des Mittelfeldspielers nicht verlängert wird, wurde Brandt nach Schlusspfiff doch noch zu einer Hauptfigur. "Es gab offene Gespräche und wir sind uns einig geworden, den auslaufenden Vertrag nicht zu verlängern", erklärte Ricken und betonte: "Er wird in ein paar Wochen 30, wir können uns neu orientieren. Also kann das für beide Seiten auch eine Chance sein."
2019 war Brandt für 25 Millionen Euro Ablöse von Bayer Leverkusen nach Dortmund gewechselt. Mit damals 23 der nächste Karriereschritt zu einer Mannschaft, die in der Saison zuvor nach 20 Spieltagen sieben Punkte Vorsprung auf den FC Bayern hatte und die Münchener Vorherrschaft beinahe mal wieder durchbrochen hätte. Letztlich wurde der BVB mit nur zwei Zählern Rückstand auf den FCB Vizemeister - und Brandt sollte eines der vielleicht entscheidenden Puzzleteile sein, um bald nicht nur fast, sondern tatsächlich mal wieder deutscher Meister zu werden.
Knapp sieben Jahre später sagen die nüchternen Zahlen, dass das nicht gelungen ist. Und Brandt und der BVB hatten sich bei dessen Ankunft aus Leverkusen ganz sicher erhofft, dass 2026 mehr gemeinsame Titel zu Buche stehen würden als der Gewinn des DFB-Pokals 2021. "Wir können nur Dankbarkeit für ihn haben", sagte Ricken dennoch in Richtung Brandt, der "ja auch immer mal kritisch" gesehen worden sei.
Ja, "immer mal" ist wahrscheinlich untertrieben. Ziemlich häufig stand Brandt in der Kritik, der Tenor dabei stets: Zu selten sei er der Unterschiedsspieler, der er vom Potenzial her sein könnte. "Man kann nicht immer auf Weltklasse-Niveau spielen, aber heute hatte er beim Doppelpass mit Beier wieder eine Weltklasse-Aktion", sagte Sky-Experte Lothar Matthäus nach der Partie in Köln. Brandt sei "ein Spieler, der vielleicht nicht alles aus seinen Möglichkeiten herausgeholt, aber trotzdem häufig den Unterschied ausgemacht hat", fasste der deutsche Rekordnationalspieler zusammen.
AFPWarum Julian Brandt für die Bundesliga so wichtig ist
Brandt ist ein Unterschiedsspieler. Einer, der zuweilen auch mal abtaucht, der aber eben immer für diese eine geniale Aktion gut ist, die das Spiel zugunsten seiner Mannschaft kippen kann. Und das hat er trotz kritischer Stimmen auch beim BVB regelmäßig bewiesen. Beispielsweise, als er in der Fast-Meister-Saison 2022/23 eine wichtige Rolle einnahm. Oder mit seinem Anteil am Durchmarsch bis ins Champions-League-Finale 2024, unter anderem mit dem Führungstor bei der Aufholjagd im Viertelfinalrückspiel gegen Atletico Madrid.
Okay, wer kritisch sein will, kann durchaus stichfest behaupten, Brandt hätte derlei Aktionen in den vergangenen sieben Jahren beim BVB häufiger haben müssen. Und doch wäre es enorm schade, würde die Bundesliga einen Spieler mit seiner Magie verlieren. Einen Spieler, wegen dessen feiner Aktionen man ein Spiel anschaut, dessen Tore manchmal so viel Genialität versprühen, dass sie im Gedächtnis bleiben. So wie Brandts Tor des Monats beim 3:3 gegen RB Leipzig im Dezember 2019, als er sich im Strafraum so geschickt um den heutigen Bayern-Verteidiger Dayot Upamecano herum wand, dass Arsenal-Legende Dennis Bergkamp stolz gewesen wäre.
Ob Brandt der Bundesliga ab nächster Saison erhalten bleibt, ist offen. Vergangenes Jahr gab es es bereits Spekulationen über ein romantisches Engagement bei Werder in seiner Geburtsstadt Bremen. "Dass es Gerüchte gibt, finde ich schmeichelhaft – die Sache mit Bremen habe ich auch gesehen", kommentierte Brandt, ohne näher darauf einzugehen. Der 29-Jährige spielte bisher nie für den SVW, der erste große Verein in seiner Jugend war der VfL Wolfsburg. Infrage käme ein Wechsel zu Werder nur dann, wenn die in Abstiegsgefahr schwebenden Bremer den Klassenerhalt schaffen sollten - und klar wäre, dass Brandt im Vergleich zu seinem Vertrag beim BVB beim Gehalt deutliche Abstriche machen müsste.
Das müsste er wohl auch bei allen anderen Bundesligisten tun, denen er mit seinen Qualitäten sicherlich helfen könnte. Ob nun eine Rückkehr zu Bayer Leverkusen oder ein Transfer zu anderen ambitionierten Vereinen wie dem VfB Stuttgart oder Eintracht Frankfurt - theoretisch hat Brandt bestimmt einige Optionen hierzulande. Inwieweit man zueinander findet, steht aber auf einem anderen Blatt Papier.
Fest steht, dass Brandt, der Anfang Mai seinen 30. Geburtstag feiert, im Sommer wahrscheinlich die letzte Chance auf einen großen Vertrag hat. Finanziell gesehen wäre da natürlich die Premier League attraktiv, ein angebliches Interesse von Aston Villa hält sich hartnäckig in den Gazetten. Es wäre noch einmal eine ganz neue Herausforderung in einer neuen Liga, einem neuen Land - und mit guten Aussichten auf Champions-League-Fußball, schließlich ist Villa aktuell Tabellenvierter in England.
BVB: Hätte Niko Kovac Julian Brandt gerne behalten?
Zunächst einmal steht für Brandt nun eine neun Spiele lange Abschiedstournee im BVB-Trikot auf dem Plan. Dass er Dortmund verlässt, kam insofern überraschend, da die Tendenz zuletzt eigentlich dahin ging, dass der 48-fache deutsche Nationalspieler einen neuen Vertrag in Dortmund unterschreibt. Noch im Dezember hatte die Sport Bild berichtet, dass sich die Verhandlungen zwischen Verein und Spieler über eine Verlängerung um zwei Jahre schon in der finalen Phase befänden. Selbst Anfang März noch schrieben die Ruhr Nachrichtenvom nahenden Abschluss einer weiteren Zusammenarbeit.
Brandt war diese Saison zwar nicht immer gesetzt, nimmt unter Trainer Niko Kovac aber eine wichtige Rolle ein. Wie viel der Kroate von dem Edeltechniker hält, betonte er mehrfach öffentlich - und Brandt zahlte das Vertrauen nicht zuletzt in der Endphase der vergangenen Spielzeit zurück. Mit zwei Toren und vier Assists an den letzten vier Spieltagen war er maßgeblich daran beteiligt, dass Dortmunds Aufholjagd erfolgreich endete und man sich doch noch für die Champions League qualifizieren konnte.
Hätte Kovac, der Brandt zuletzt wieder meist von Beginn an brachte, den Spielmacher gerne behalten? Möglicherweise waren Ricken und Sportdirektor Sebastian Kehl die treibenden Kräfte hinter der Nicht-Verlängerung - laut Bildsollen in der Dortmunder Chefetage zuletzt die Zweifel an Brandt größer geworden sein, da jener nach Ansicht der Bosse in wichtigen Spielen zu häufig abtauche.
Auf die Frage hin, ob er Brandt lieber behalten hätte, lachte Kovac bei Sky jedenfalls vielsagend und ungewöhnlich lange und machte den Eindruck, als müsse er sich auf die Zunge beißen. Diplomatisch antwortete er dann: "Wir haben das gemeinsam entschieden. Jule, unsere Sportchefs und ich als Trainer. Wir sprechen mit einer Zunge, von daher brauchst du von mir nicht noch eine zweite Meinung. Aber guter Versuch."
AFPUngewohnt deutliche öffentliche Kritik: Hat man beim BVB eine böse Vorahnung?
Während sich Kovac über Brandts bevorstehenden Abschied möglicherweise ärgert, ärgerte er sich über Phasen des Auftritts seiner Mannschaft in Köln ganz sicher. Hatte er die Sorge vor einem Spannungsabfall nach dem Aus in der Champions League und dem nach der Niederlage gegen die Bayern in der Vorwoche beendeten Meisterschaftskampf vor dem Spiel noch beiseite geschoben, wirkte er danach so, als würde er doch einen Schlendrian befürchten.
"Wir haben heute ein Spiel gewonnen, in dem wir nicht gut gespielt haben. Da darf der Trainer auch mal sauer sein", schimpfte Kovac. "Letzte Woche haben wir gegen Bayern zwar verloren, die Art und Weise hat mir trotzdem gefallen. Heute haben wir gewonnen, aber die Art und Weise hat mir überhaupt nicht gefallen. Damit bin ich nicht zufrieden. Nach so einem guten Spiel gegen Bayern musst du heute ganz anders spielen – vor allem mit einem Mann mehr, das ärgert mich am meisten."
Dortmund hatte schon eine fahrige Anfangsphase hingelegt, in der Köln Druck entfachen konnte. Das Führungstor des BVB durch Serhou Guirassy nach einer Viertelstunde nahm dem FC dann den Schwung und bis auf eine Phase kurz nach Wiederanpfiff hatte die Borussia die Partie danach weitgehend im Griff. Allerdings spielten die Dortmunder vor allem nach dem zweiten Treffer durch Maximilian Beier (60. Minute) trotz Überzahl - Kölns Jahmai Simpson-Pusey hatte kurz vor dem Halbzeitpfiff die Rote Karte gesehen - kaum noch nach vorne und beschränkten sich stattdessen auf Verwalten. Bis kurz vor Schluss ging das zwar gut, doch dann verkürzte Jakub Kaminski in der 88. Minute auf 1:2 und der BVB hatte letztlich Glück, den Sieg noch über die Zeit zu bringen: In der Nachspielzeit sprang Dortmunds Yan Couto im eigenen Strafraum der Ball an die Hand, der Elfmeterpfiff von Schiedsrichter Daniel Siebert blieb jedoch aus und auch der VAR griff nicht ein - sehr zum Ärger des FC.
"Den hätte man durchaus pfeifen können", gab BVB-Boss Ricken hinterher zu und meinte, dass er die wütenden Reaktionen der Kölner verstehen könne. Ähnlich sah Kovac die Causa, der entgegen seines sonstigen Credos, sich öffentlich stets vor seine Mannschaft zu stellen, diesmal vor laufender Kamera ungewöhnlich deutlich wurde: "Wir waren nicht scharf genug. Die Kölner haben losgelegt wie die Feuerwehr, das haben wir erwartet. Gegen Bayern haben wir zwei Ecken zugelassen, heute waren es gefühlt zehn gegen uns. Das geht nicht. Wenn jeder einen Meter weniger macht, fehlt dir irgendwo das Tackling oder der Zweikampf und das was du brauchst, um im Spiel zu bleiben", kritisierte der 54-Jährige und rechtfertigte sich fast für seine Aussagen: "Das war nicht gut und das darf ich heute auch sagen."
Ricken nahm hinsichtlich der Dortmunder Leistung ebenso wenig ein Blatt vor den Mund. Nicht nur die zittrige Schlussphase habe ihn geärgert, "ich habe mich schon in der Anfangsphase aufgeregt. Dann machen wir das 1:0 und wissen gar nicht so richtig, warum wir hier führen. Das war schon keine gute Phase und hinten raus führst du in Überzahl 2:0 und musst das eigentlich sicher über die Ziellinie bekommen", so Ricken. Man sei zwar "glücklich über die drei Punkte, aber wirklich zufrieden fahren wir nicht nach Hause."
Die überraschend forsche öffentliche Kritik der Verantwortlichen könnte ein Anzeichen dafür sein, dass nach den Eindrücken von Köln sehr wohl die Sorge besteht, die Mannschaft würde mangels Ansporn in der finalen Saisonphase den Fokus verlieren. Einen Titel wird der BVB nicht mehr gewinnen, aber die Qualifikation für die Champions League soll schließlich keinesfalls mehr in Gefahr geraten. Das Polster des Tabellenzweiten auf Platz fünf ist mit acht Punkten zwar komfortabel, noch sind jedoch neun Spiele zu gehen.
"Es ist auch ein Charaktertest", betonte Ricken. "Wir sind in beiden Pokalwettbewerben ausgeschieden, man gibt uns das Gefühl, als wären wir schon sicher in der Champions League. Man muss weiterhin alles geben." Dass die meisten Spieler neben der Verteidigung von Rang zwei auch noch ein persönliches Ziel vor Augen haben und sich für einen Platz im Kader ihrer Nationalmannschaft für die WM im Sommer empfehlen oder diesen absichern wollen, "kommt uns in der Phase entgegen", weiß Ricken.
BVB: Die nächsten Spiele von Borussia Dortmund
Termin Spiel 14. März, 15.30 Uhr BVB - FC Augsburg (Bundesliga) 21. März, 18.30 Uhr BVB - Hamburger SV (Bundesliga) 4. April, 18.30 Uhr VfB Stuttgart - BVB (Bundesliga) 11. April, 15.30 Uhr BVB - Bayer Leverkusen (Bundesliga) 18. April, 15.30 Uhr TSG Hoffenheim - BVB (Bundesliga)

