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Deutschland - Ungarn

Wie ein Deutscher Ungarn den Stolz zurück gab

12:30 MESZ 04.06.16
Hungary - Norway EURO 2016 Qualifier Play Off Second Leg
Über 60 Jahre ist es bereits her, dass Ungarn das beste Team der Welt war, 30 Jahre, dass man an einem großen Turnier teilnahm. Jetzt träumt man wieder.

Besucht man Budapest, begegnet man spätestens am zweiten Tag Ferenc Puskas. Natürlich nicht ihm persönlich, er ist seit 2006 tot. Seinem Gesicht aber sehr wohl. Es ist auf bronzene Körper gegossen oder auf Marmorplatten geschraubt, in Restaurants hängt es an den Wänden und sogar in der berühmtesten Kirche, der St.-Stephans-Basilika, findet man es auf einem kleinen Foto, weil er, wie sonst nur Heilige, dort beigesetzt wurde. Wüsste man nicht, dass man dem berühmtesten Fußballer Ungarns in die Augen blickt, würde man denken, Puskas sei ein Unabhängigkeitskämpfer oder ein großer Reformator.

Auch wenn er 1954 mit der legendären Aranycsapat das WM-Finale gegen Deutschland verlor; Puskas ist ein Volksheld. Einer, von dem die Älteren schwärmen und der die Jüngeren in Ehrfurcht ob der längst vergangenen Zeit versetzt, als Ungarn noch eine Fußballmacht war.

Erste EM-Teilnahme seit 30 Jahren

Zu lachen hatten Fußball-Fans lange nichts. Vor 30 Jahren, 1986, nahm man zum letzten Mal an einem großen Turnier teil. 1972 kam man zum letzten Mal über die Gruppenphase hinaus.

Und so blickt man wehmütig auf die Heldentaten vergangener Tage zurück. Auf Puskas, Nando Hidegkuti, Sandor Kosics oder Laszlo Kubala. Jahr für Jahr, Woche für Woche, Tag für Tag. Es hat etwas Melancholisches, wenn die Leute über Fußball sprechen. "Vielleicht wird es eines Tages wieder so wie damals“, sagen sie dann, obwohl sie wissen, dass das nicht passieren wird.

Am 15. November 2015 aber war das Traurige, die Gewissheit, den Höhepunkt des eigenen Teams längst hinter sich zu haben, verschwunden. Die Menschen jubelten mit glänzenden Augen, schwenkten Flaggen in der Innenstadt und zogen hupend und singend an den Statuen des großen Puskas vorbei, ohne ihn eines Blickes zu würdigen.

Endlich wieder stolz

"Endlich können wir wieder stolz sein", brüllte ein Mann mit der ungarischen Flagge auf beiden Wangen in die Kameras des Staatsfernsehens. Und er hat recht: Die große Fußball-Nation Holland darf nicht zur EM nach Frankreich fahren, Ungarn aber hat es geschafft. Zwei Siege gegen Norwegen in den Play-offs versetzten das Land in vibrierende Ekstase. Und Begründer des ungarischen Freudentaumels ist ausgerechnet ein Deutscher, ein Landsmann derer, die für die größte Sport-Tragödie des Landes gesorgt haben, als Helmut Rahn das Wunder von Bern real machte.

Bernd Storck hält sich im Moment des großen Sieges zurück. Es ist nicht seine Art, sich feiern zu lassen. "Dieser Erfolg ist unglaublich, aber nur sekundär für mich", sagt der ungarische Nationaltrainer. "Primär geht es um das Land Ungarn. Ich hoffe, dass das ein Anfang für eine bessere Zukunft ist.“

Als Pal Dardai bis dato Trainer Ungarns, die "schwerste Entscheidung seines Lebens" traf und sich für die Bundesliga und Hertha entschied, fragte der Verband beim Deutschland-Kenner nach, ob er nicht jemanden empfehlen könne. Deutsche Qualitätsarbeit wird seit 2014 mehr denn je geschätzt.

Deutsches Trio

Bernd Storck sei der Richtige, so Dardai, der den Deutschen, der Ungarns U20 trainierte, noch aus gemeinsamen Zeiten bei der Hertha kannte, als Storck Assistent von Jürgen Röber war. Dardai hatte Storck schon den Posten als Sportdirektor verschafft, neben dem er die U20 coachte. Und er behielt recht. Storck, der Andi Möller als Co. und Holger Gehrke als Torwart-Trainer mitbrachte, führte die Magyaren mit 1,83 Punkten pro Spiel in die Play-offs. Der Rest ist Geschichte, die am Samstagabend ein weiteres Kapitel bekommt, wenn Ungarn gegen das DFB-Team testet. Storck gegen seine Heimat und die Ungarn gegen ihre tragische Vergangenheit (18 Uhr im LIVE-TICKER).

Woher kommt der beachtenswerte Erfolg? Denn eine Goldene Generation hat Ungarn nicht. Die Stars sind alt wie Gabor Kiraly (38) oder Zoltan Gera (35) oder nur zweite Wahl wie Adam Szalai (Hannover 96), Laszlo Kleinheisler (Werder Bremen) oder Balasz Dzsudzsak (Bursaspor, zuvor Dynamo Moskau). Zudem ist der Kader stellenweise wenn überhaupt zweiklassig. Die Abwehr ist auf dem Papier schwach, viele Akteure spielen nur in der heimischen Liga.

Wenn man also nach den Gründen für den Erfolg dieses Teams sucht, wird man bei den Spielern nicht fündig. Auf der Trainerbank sehr wohl. Denn Storck hat Dardais Konzept weiter verfeinert, die Automatismen passen. In einem 4-2-3-1 spielt Ungarn ein intensives Pressing und verdichtet die Räume, wo es nur geht. Ähnlich wie die Hertha tritt man kompakt auf und versucht, nach Balleroberungen das Spiel schnell zu machen, etwas, das Gera etwa meisterhaft beherrscht.

Unglaublicher Teamspirit

Was auch ausfällt, wenn man die Quali-Spiele beobachtet, in denen Ungarn selten deutlich besser war: die Spieler auf dem Platz zerreißen sich füreinander, es herrscht eine ungewöhnlich hohe Emotionalität. Man pusht sich gegenseitig, fightet.

"So einen Spirit habe ich noch nicht erlebt“, sagt Urgestein Kiraly. Und der muss es wissen, liegt sein Debüt schließlich bereits fast 20 Jahre zurück. Wie hat das ausgerechnet ein Deutscher geschafft, der auf Pressekonferenzen auf einen Dolmetscher angewiesen ist und mit seinem ernsten Blick nicht gerade wie ein Jürgen Klopp auf Magyarisch wirkt?

Nicht zuletzt kommt man zu Möller und Gehrke, wenn man dieser Frage nachgeht. Storck stellte die "Aura“ und die Qualität der "Ansprache“ Möllers heraus. Kiraly etwa, der fließend Deutsch spricht, könne das Gesagte dann transportieren. Und Gehrke? Nun ja, der hat sie als Trainer alle erlebt, die Autoritäten und Derwische der jüngeren Vergangenheit. Huub Stevens, Christoph Daum, Uwe Rapolder. Wer ihn nach dem 1:0 in Oslo aufspringen sah und mit geballter Faust und aggressiv-euphorischem Blick gen Rasen stieren sah, der ahnt, dass er im Team einen höheren Stellenwert hat als Torwarttrainer anderer Nationen.


38 und immer noch Leistungsträger: Gabor Kiraly ist eine der ungarischen Stützen

"Wollen uns gut verkaufen"

Storck, der sich als eiserner Sportdirektor nicht gerade beliebt gemacht hatte und dem enorme Skepsis bei seinem Antritt entgegen schlug, ist nun ein Held. Er verlängerte kürzlich bis 2018, dank ihm träumen die Ungarn bereits von der WM. Er, der zuvor nur Erfahrung als Nationaltrainer Kasachstan hatte, fährt jetzt zur EM.

Dort trifft Ungarn auf Portugal, Island und die andere große Überraschung Island, das erstmals überhaupt an einem großen Turnier teilnimmt. Das Erreichen des Achtelfinals wäre eine Überraschung, aber keine Sensation. Schließlich ist Österreich nicht unschlagbar und die Chance besteht, sich auch als Dritter für die nächste Runde zu qualifizieren.

"Wir wollen uns gut verkaufen", sagt Andi Möller und: "Wir sind der Außenseiter." Dass man im Geheimen durchaus davon träumt, am 23. Juni nicht im Flieger nach Hause zu sitzen, sondern noch einige Tage länger im Turnier zu sein, dürfte klar sein.

Feiern wie die Großen

Denn Gera ist zwar alt, hat aber noch immer seine Momente, Szalai und Dzsudzsak können immer treffen und die No Names Adam Nagy, der unter Thomas Doll bei Ferencvaros Budapest spielt, oder Innenverteidiger Richard Guzmics (Wisla Krakau) besitzen mehr Qualität als man ob der Qualität ihrer Vereine annimmt.

Nach 44 Jahren ist Ungarn wieder bei einer EM am Start. Und selbst wenn man mit drei Pleiten wieder nach Budapest fährt, vorbei an den Statuen von Ikone Ferenc Puskas. Das allein ist Grund genug, Stolz zu empfinden. Und auch wenn das Land unter dem rechten Premierminister Viktor Orban, der großer Fußball-Fan ist und das Spiel mit dem umstrittenen Gesetz zur Förderung "spektakulärer Sportarten“ sogar subventioniert, einer düsteren Zukunft gegenüber steht; man erlaubt sich, wieder zu träumen. Nicht von Vergangenem und einem Team, dessen Spieler inzwischen alle tot sind, sondern von der Zukunft und einer quicklebendigen Mannschaft.

Und selbst, wenn man nach wenigen Tagen wieder aufwacht und das Team in der Realität immer noch weit davon entfernt ist, eine Rolle im europäischen Fußball zu spielen. Diesen Sommer in Frankreich, das Feiern und Mitfiebern, ebenso intensiv wie die Fans in Deutschland oder England, kann Ungarn niemand mehr nehmen.