HINTERGRUND
Millionen Lichter tanzen auf dem Wasser, Yachten, die die Größe einer Doppelhaushälfte aufweisen, bewegen sich gleichmäßig im schwachen Wellengang, allenthalben erblickt man Männer mit pomadigen Haaren, die bei einem Glas Dom Perignon ihren ohnehin schon gebräunten Oberkörper im Sonnenlicht brutzeln lassen. Eine Blondine huscht vorbei, beschwipst vom Champagner, hysterisch kichernd. Auf der Promenade hat sich ein reges Treiben entwickelt. Übergroße Chanel-Sonnenbrillen, Einkaufstaschen von Versace, Gucci, Bvlgari baumeln achtlos an dünnen Ärmchen mit dicken Uhren. Küsschen rechts, Küsschen links. Willkommen in Monte Carlo.
Hier, im Fürstentum, wo teuer nicht teuer genug ist, wo Highlife keine Grenzen kennt, wuchs einst eines der verheißungsvollsten Stürmer-Talente heran. Ein Juwel, das im grauen Ruhrpott später an Glanz verlor und schließlich vollends verblasste.
Wir schreiben das Jahr 1993, als Arsene Wenger, damals noch Trainer beim AS Monaco, einen jungen Mann vom belgischen Erstligisten FC Lüttich ins glamourbehaftete Fürstentum holt. Der Angreifer, der es dem Franzosen angetan hatte, hat soeben den Titel 'Bester afrikanischer Spieler der belgischen Liga' verliehen bekommen und besitzt eine Gabe, die nur wenigen vergönnt ist: Torinstinkt gepaart mit einer beeindruckenden Technik.
Sportwagen, Partys, die Hautevolee des Fußballs
Schnell macht sich der Nigerianer in der französischen Liga einen Namen, weiß prompt auch auf internationalem Parkett zu gefallen. In Monaco kostet der Youngster sein neues Leben an der Mittelmeerküste in vollen Zügen aus, fährt teure Sportwagen, geht auf Partys der Hautevolee, während sich mit Thierry Henry, Fabian Barthez, Emmanuel Petit und David Trezeguet um ihn herum die feinste Auslese des französischen Fußballs versammelt. 1997 gewinnt Ikpeba mit dem Klub die Meisterschaft, wird zu Afrikas Fußballer des Jahres gekürt, nachdem er mit der nigerianischen Nationalmannschaft ein Jahr zuvor bereits Olympiasieger in Atlanta geworden war.
Zwei Jahre später, kurz vor der Jahrtausendwende, plötzlich der Paukenschlag in der Bundesliga: Dortmund-Präsident Gerd Niebaum präsentiert den Torjäger als Neuzugang für die Saison 1999/2000, schickt selbstgefällig grinsend eine deutliche Kampfansage an den FC Bayern: "Wollen wir doch mal sehen, wer den besseren Stürmer geholt hat." Eine Spitze gegen den Dauerkonkurrenten aus dem Süden, der den Schwarz-Gelben kurz zuvor deren Wunschspieler Paulo Sergio vor der Nase weggeschnappt hatte.
So waren sie damals, die Borussen der späten Neunziger – überkandidelt, hochmütig, prahlerisch. Attribute, die den Verein wenige Jahre später in den finanziellen Ruin treiben sollten. Rund zwölf Millionen Mark lassen sich die Dortmunder ihr neues Aushängeschild kosten, eine beträchtliche Summe für damalige Verhältnisse. Dabei ist Ikpeba zu diesem Zeitpunkt längst nicht mehr unumstritten, hat seinen Stammplatz in Monaco eine Saison zuvor verloren. Das Ganze mutet daher eher wie ein überhasteter Panik-Kauf an.
Stress mit den Kollegen, Konflikt mit der Polizei
Schon in Monaco war Ikpeba zuvor weniger durch seine Tore, sondern vielmehr aufgrund von Scharmützeln mit Coach Jean Tigana aufgefallen. Bei den Super Eagles, der nigerianischen Nationalmannschaft, hatte er mit einem fragwürdigen Interview während der WM 1998 für Aufsehen gesorgt. Ikpeba warf dem Verband seines Heimatlandes Mafiamachenschaften vor und wurde daraufhin suspendiert.
Beim BVB das gleiche Bild: Der Angreifer legt sich öffentlich mit Trainer Michael Skibbe an, muss daraufhin 15.000 Mark Strafe zahlen. Beim Spiel gegen Arminia Bielefeld liefert er sich einen heftigen Streit mit Andreas Möller, gegenüber Teamkollege Sead Kapetanovic wird der exzentrische Weltstar gar handgreiflich. Die Umstellung vom Jetset-Leben in Monaco auf die kohlebeschichtete Ruhrmetropole will einfach nicht gelingen. Zu allem Überfluss gerät der 31-fache Nationalspieler mit dem Gesetz in Konflikt, bekommt eine Anzeige, weil er Streifenpolizisten, die ihn in seinem Sportwagen angehalten hatten, als Rassisten beleidigt. "Die haben mich wie einen Hooligan behandelt. Ich weiß nicht, ob sie das mit einem Weißen auch getan hätten“, schimpft Ikpeba später.
GoalNiebaum, der Initiator des Flop-Transfers, rechtfertigt derweil: "Wenn du es gewohnt bist, dabei zu sein, wenn Prinz Albert sein Boot zu Wasser lässt, ist es schon eine gewisse Umstellung, wenn du plötzlich in Dortmund lebst."
Generell lässt Ikpebas vormalige Wahl-Heimat den Stürmer nicht los. Im Mai 2000 stirbt seine Frau Victoria, die bis dato noch mit den gemeinsamen drei Kindern in Monaco wohnte, an Brustkrebs. Sie wird nur 24 Jahre alt. Ikpeba hatte die Krankheit und die damit verbundene emotionale Belastung selbst engen Freunden verschwiegen. Der schwere Schicksalsschlag beeinträchtigt die Leistungen – nachvollziehbarerweise – so enorm, dass er kaum noch Nennenswertes auf den Platz bringt. Dortmunds damaliger Manager, Michael Meier, der Ikpeba unzählige Male an Victorias Krankenbett begleitete, erinnert sich an die schwere Zeit: "Er war damals völlig niedergeschlagen, teilweise nicht ansprechbar.“
Trotz aller Widrigkeiten versucht Ikpeba im Anschluss einen Neuanfang bei der Borussia. Neu-Trainer Matthias Sammer will den Offensivmann einbinden, begreift allerdings schnell, dass seine Philosophie, die hauptsächlich auf läuferischer Stärke fußt, nicht mit Ikpebas ausbaufähiger Physis harmonieren. Zur Winterpause der Saison 2001/02 wechselt der einstige Wunderstürmer auf Leihbasis zu Real Betis, findet aber auch dort nicht zurück in die Spur. Ein Jahr später verkauft der BVB ihn nach Libyen. 2004 beendet Ikpeba seine Karriere.
"Sie brachen meinen Stolz"
"In Frankreich darfst du leben wie du willst. Hier nicht. Als ich kam, war ich jemand, eine Persönlichkeit, hatte Temperament, lachte gerne", lässt Ikpeba seine Zeit in Deutschland im Interview mit L’Equipe Revue passieren und fügt an: "Das wollte man alles zerstören, um mich mit den anderen gleichzumachen. Sie brachen meinen Stolz."
Seinen Wechsel aus dem Zwergenstaat der Schönen und Reichen nach Dortmund vergleicht er mit einem Sturz "auf einen anderen Planeten“. Dort, wo heruntergekommene Eckkneipen, Arbeiter-Wohnsiedlungen und Zechen das Bild prägen, wo "Monaco“ höchstens als Name zwielichtiger Casinos dient, wird auf echte Maloche gesetzt. Nichts mit Küsschen links, Küsschen rechts, sondern fester Händedruck. Willkommen in Dortmund. Dazu war Ikpeba, der Lebemann, nie bereit.
