GFX Thomas Müller

Bayern-Star Thomas Müller im Goal-Interview: "Hat gedauert, bis ich Ancelotti verstand"


EXKLUSIV
In der vergangenen Saison gab es Kritik an Thomas Müller. Der Weltmeister war im Dress des FC Bayern nicht so treffsicher wie gewohnt und nicht der große Faktor im Spiel des FCB. Mit James Rodriguez von Real Madrid verpflichtete der Rekordmeister vor wenigen Wochen zudem einen Spieler, der eine ähnliche Position wie Müller in der Offensive bekleidet.

Doch einen wie Müller sollte man nie abschreiben. Der Angreifer präsentiert sich aktuell in bestechender Frühform und war auf der Asienreise der Münchner ihr bester Spieler. Goal traf ihn wenige Wochen vor dem Saisonstart zum Interview.

Philipp Lahm und Xabi Alonso haben ihre Karrieren beendet. Wie wirkt sich das aus?

Müller: Es ist normal, dass es vor jeder Saison kleine Veränderungen gibt. Aber in diesem Jahr haben wir mit Philipp und Xabi zwei große Spieler verloren. Das ist aber eine Chance für jüngere Spieler und auch eine echte Herausforderung für uns alle.

Sie sind nun stellvertretender Kapitän.

Müller: Ja. Das ist eine Position, die ich nun bekleide. Der Klub und der Trainer haben die Entscheidung getroffen. Ich muss nun auch organisieren und ich werde versuchen, der Mannschaft zu helfen, wo ich kann.

In der vergangenen Saison lieferten Sie viele Assists, dafür aber weniger Tore. Woran lag es? An der Position, an der Taktik?

Müller: Vielleicht hat es einfach etwas länger gedauert, bis ich unseren neuen Trainer und sein System verstanden hatte. Aber ich denke, in der zweiten Saisonhälfte, ab Januar, war es sehr gut. Ich schaue zuversichtlich auf die neue Saison und will noch viel besser spielen.

Sehen Sie sich eher als Torjäger oder als Spielgestalter?

Müller: Es zählt für mich nicht, auf welcher Position ich spiele. Ich will dem Team helfen. Ich denke aber, dass die Erwartungen sehr hoch sind. Ich werde also so oder so Tore schießen müssen. Unabhängig davon, welche Position ich bekleiden werde. 

In der vergangenen Saison schieden Sie in der Champions League knapp gegen Real Madrid aus.

Müller: Wir versuchen in jedem Jahr, die Champions League zu gewinnen. Wir verfügen über ein gutes Team von hoher Qualität. Wir haben auch große individuelle Klasse und einen starken Zusammenhalt. Aber es ist sehr schwierig, die Champions League zu holen. Man braucht auch das nötige Glück in den richtigen Momenten. Wir werden in dieser Saison einen neuen Anlauf unternehmen und ich bin guter Dinge.

Bayern München hat in diesem Sommer unter anderem James Rodriguez und Corentin Tolisso verpflichtet. Sehen sie das als eher Verstärkung oder als Konkurrenz?

Müller: Das ist immer so eine Mischung. Ich halte beide für sehr starke Spieler. Sie sind gute Typen. Wir haben die letzten Wochen zusammen verbracht, uns um sie kümmert und Spaß gehabt. Für die Mannschaft sind sie mit ihrem Fähigkeiten wichtige Spieler. Das sieht man in jeder Trainingseinheit. In erster Linie spielen wir zusammen und an zweiter Stelle stehen wir in Konkurrenz zueinander.

Uli Hoeneß hat verkündet, dass “langfristig ein Titel pro Saison nicht genug” sei. In der kommenden Saison wäre er aber “nur” mit dem Gewinn der Bundesliga schon zufrieden, weil es bei Ihrem Klub einen Umbruch gibt. Wären das für Sie als Spieler auch genug.

Müller: Ich halte es nicht für richtig, über mögliche künftige Titelgewinne zu sprechen. Das hängt von vielen Dingen ab und lässt sich neun Monate im Voraus nicht sagen. Es hängt immer davon ab, wie die Mannschaft im April und im Mai drauf ist. In der Regel will der FC Bayern in jedem Wettbewerb gewinnen. Es geht darum, in jedem Spiel, in jeder Trainingseinheit und in jedem Wettbewerb der Beste zu sein.

Glauben Sie, Borussia Dortmund wird in dieser Saison ein härterer Konkurrent sein als im Vorjahr?

Müller: Ja, natürlich. Ich denke, Borussia Dortmund wird sehr stark sein. Die Mannschaft ist nahezu unverändert, verfügt aber über ein Jahr mehr Erfahrung. Die Spieler haben mehr Partien miteinander bestritten und kennen einander nun besser. Im letzten Jahr gab es dort große Veränderungen. Mats (Hummels, Anm. d. Red.) kam zu uns, Ilkay Gündogan ging zu City. Ich denke also, es wird schwierig in der kommenden Saison gegen sie. Das wird eine Überraschung und darin liegt auch der Reiz.

Ihr Ex-Bayern-Mitspieler und Nationalmannschaftskamerad Mario Götze steht wieder auf dem Rasen. Glauben Sie, dass er in dieser Saison sein altes Level wieder erreichen kann?

Müller: Ich hoffe es für ihn. Als Spieler von Bayern München hoffe ich aber, dass er nicht wieder so gut wird, dass er uns in der Liga schaden kann. Das ist natürlich nur ein Spaß! Es hängt von vielen Faktoren ab. Ich spiele nicht bei Borussia Dortmund, aber ich kenne ihn gut. Ich wünsche ihm Glück.

GFX Thomas Müller

Falls sich Salzburg in dieser Saison qualifiziert, wären zwei Red-Bull-Mannschaften in der Champions League am Start. Viele Fans sind davon enttäuscht. Wie sehen Sie das?

Müller: Mich interessiert der Hintergrund einer Mannschaft nicht. Wichtig ist, dass die Mannschaft es sportlich verdient. Wenn Salzburg in Österreich Meister wird und es durch die Qualifikation für die Champions League schafft, dann ist doch alles okay. Wirtschaftliche Faktoren sind für mich nicht maßgeblich.

Real Madrid gelang es als erster Mannschaft, den Titel in der Champions League zu verteidigen. In den letzten vier Jahren gewann Real die Königsklasse dreimal. Ist das die Messlatte im Weltfußball?

Müller: Natürlich war es beeindruckend, zu sehen, wie sie den Titel zum zweiten Mal in Folge gewonnen haben. Es ist eine große Herausforderung, das in der Champions League zu schaffen. Und sie haben es nun dreimal in kurzer Zeit geschafft. Wir werden versuchen, sie in der nächsten Saison zu stoppen.

Die Menschen in China nennen Sie “er wa”, was “der Glückliche” bedeutet. Was ist das Geheimnis ihrer Fröhlichkeit?

Müller: Um als Profifußballer unter großem Druck gute Leistungen abzuliefern, braucht man den richtigen Mix aus Anspannung, Konzentration und auch einer Portion Spaß in den richtigen Augenblicken. Man muss dem Druck auch locker begegnen. Vielleicht ist das mein Geheimnis. Wobei das auch kein Geheimnis mehr ist.

Vereine aus China locken mit viel Geld, die besten Spieler sind nicht mehr nur in Europa begehrt. Einige Top-Spieler haben sich bereits für einen Transfer nach China entschieden. Wie sehen Sie diese Entwicklung?

Müller: Es ist schwierig, da eine Position einzunehmen. In erster Linie ist Fußball unser Beruf. Wir verdienen damit also unser Geld. Allerdings finden die besten Wettbewerbe in Europa statt. Entscheiden Sie also! Ich glaube, dass die Top-Spieler, die das Ziel haben, die größten Titel zu gewinnen und sich jedes auf dem höchsten Level messen wollen, in Europa bleiben. Wenn sie nicht mehr auf dem Höhepunkt sind, dann können sich die Welt ansehen. Ja, es sind verrückte Zeiten, aber als Spieler geht man damit um.

Können Sie Miroslav Klose als Rekordtorschütze bei WM-Endrunden ablösen?

Müller: Ich glaube schon, dass er ein wenig fürchtet, dass ich mehr Treffer erziele und ihn überhole. Aber ich weiß es nicht. Wir werden abwarten müssen, was in Russland passiert. Aber so ist natürlich mein Charakter: Ich werde es versuchen.

Bei der WM 2010 sagte ihre Mutter noch, Sie seien kein Star, sondern noch ein Kind. Mittlerweile sind sie Weltmeister. Hält Ihre Mutter sie also nun für einen Star oder immer noch für ein Kind.

Müller: Für sie bin ich ihr Kind. Auch jetzt noch, in diesem Moment. In der Welt des Fußballs mag ich ein größerer Star sein, das ist richtig.

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