HINTERGRUND
Am Ende schallten laute Jubelschreie aus dem Gästeblock. Die Spieler des FC Bayern München fielen Sven Ulreich um den Hals, Uli Hoeneß ließ auf der Tribüne sein Gewinnerlächeln aufblitzen, Hasan Salihamidzic herzte das Team hinter dem Team. Ja, selbst der kaugummikauende Carlo Ancelotti zeigte plötzlich Zähne.
Analyse: Bayern bezwingt Dortmund im Supercup
Selten hat der FC Bayern den Gewinn des Supercups so enthusiastisch zelebriert wie am Samstag. Der 7:6-Erfolg nach Elfmeterschießen bei Borussia Dortmund war nach der verkorksten Vorbereitung mit nur einem Sieg aus sechs internationalen Testspielen Balsam für die geschundene Bayern-Seele. Noch wichtiger als der Erfolg selbst, war allerdings das Wie. Die Art und Weise, wie sich die Mannschaft präsentiert hatte. Dass sie es schaffte, die hässliche Vorbereitungsfratze vergessen zu machen und das wahre Gesicht des FC Bayern zu zeigen.
So zumindest interpretierte Sportdirektor Salihamidzic die Leistung des deutschen Rekordmeisters. "Die Mannschaft hat Charakter gezeigt, super gekämpft und ist immer wieder zurückgekommen. Ich bin richtig zufrieden, dass wir das Ding gewonnen haben", grinste der 40-Jährige im ZDF und ergänzte: "Es war wichtig, dass wir konzentriert gespielt haben, dass wir wie Bayern München aufgetreten sind."
Auch dem Ersatzkeeper Ulreich, der dank gehaltener Strafstöße gegen Sebastian Rode und Marc Bartra zum Matchwinner avancierte, waren Freude und Erleichterung gleichermaßen anzusehen. "Wir wissen, dass wir die Vorbereitung nicht so gestaltet haben, wie wir es wollten. Heute hat man dann teilweise wieder den FC Bayern gesehen, den man sehen will", gab er zu Protokoll.
"Die Moral bewiesen, die wir haben müssen"
Der Gewinn des ersten Titels der Saison tröste auf jeden Fall über die schwache Vorbereitung hinweg, meinte Ulreich weiter. Zudem sei das Spiel der Beweis gewesen, dass Test- und Pflichtspiele eben doch zwei ganz unterschiedliche Paar Schuhe sind. "Es heißt ja auch nicht umsonst Testspiel. Nichtsdestotrotz wollten wir auch in den Testspielen gewinnen, wir sind ja der FC Bayern, aber das ist uns nicht gelungen. Heute haben wir dann die Moral bewiesen, die wir haben müssen."
Es war kein überlegen herausgespielter Sieg, sondern ein Erfolg des Willens. Dass Trainer Ancelotti und Führungsspieler wie Mats Hummels im Vorfeld der Partie die Einstellung kritisiert hatten, scheint gefruchtet zu haben. Nach den Treffern von Christian Pulisic (12.) und Pierre-Emerick Aubameyang (71.) kamen die Bayern gleich zweimal zurück. Robert Lewandowski erzielte den zwischenzeitlichen Ausgleich (17.), ein Eigentor von Roman Bürki rettete die Münchner in der Schlussphase ins Elfmeterschießen (88.).
Spielerisch klappte zwar längst noch nicht alles, trotzdem hinterließen viele Akteure für sich betrachtet einen guten Eindruck. Neuzugang Sebastian Rudy etwa überzeugte im zentralen Mittelfeld als ruhiger Strukturgeber mit gutem Auge. Joshua Kimmich, nominell Rechtsverteidiger, tatsächlich viel mehr verkappter Rechtsaußen, setzte Dortmunds Dan-Axel Zagadou permanent unter Druck, flankte mehrfach gefährlich. Robert Lewandowski und Thomas Müller machten derweil vorne einen guten Job, während Rafinha im Duell mit Ousmane Dembele einen starken Auftritt als Aushilfs-Linksverteidiger zeigte und Arturo Vidal sein Vollgas-Versprechen wahr machte.
Zudem feierten neben Rudy auch Niklas Süle und Corentin Tolisso solide Pflichtspieldebüts. "Die Jungs, die heute zum ersten Mal ein Pflichtspiel für Bayern absolviert haben, haben es super gemacht. Ich bin echt stolz auf die Mannschaft", sagte Salihamidzic.
Das altbekannte Problem der fehlenden Balance
Allerdings war nicht alles gut im FCB-Spiel. Mit etwas mehr Konsequenz in der Chancenverwertung und einer besseren Balance zwischen Offensive und Defensive hätte man wohl kaum so lange um den Erfolg zittern müssen. Vor dem 1:2 klappte nach einer Lewandowski-Torchance das Umschalten nicht, vor dem 0:1 unterlief Bayern in Person von Javi Martinez erneut ein schwerer, individueller Fehler.
"Gerade in der ersten Halbzeit hatten wir unendlich viele Chancen, die wir besser hätten ausnutzen müssen. Dann haben wir leider zwei Tore bekommen, wo wir nicht aufmerksam waren", bemängelte Ulreich. Hinzu kam, dass die Münchner sich zu Beginn der Partie genauso schwer taten wie in großen Teilen des zweiten Durchgangs, in denen mitunter auch merklich die Kräfte fehlten.
Torjäger Lewandowski verwies diesbezüglich auf die anstrengende Asien-Tour sowie den anschließenden Audi-Cup. "Wir brauchen Trainingseinheiten. Aber jetzt haben wir ja zwei Wochen, um uns auf die Bundesliga vorzubereiten." In der verbleibenden Zeit müssen sich die neuen Strukturen festigen. "Am Anfang müssen wir die optimalen Lösungen finden, aber ich bin sicher, dass nach ein, zwei, drei Monaten alles funktioniert", erklärte Lewandowski mit Blick auf die geschiedenen Xabi Alonso und Philipp Lahm: "Klar waren das große Spieler, aber dann kommen neue Spieler. Die sind auch hungrig und wollen etwas zeigen."
Die hässliche Vorbereitungsfratze des FC Bayern jedenfalls ist erst einmal vergessen.
