Michael Rummenigge Borussia Dortmund

Michael Rummenige im Goal-Interview: Kein BVB-Titel? "Das wäre eine Enttäuschung"


EXKLUSIV

Michael Rummenigge weiß, wie sich ein Sieg im DFB-Pokalfinale mit Borussia Dortmund anfühlt. Er war Teil der Siegermannschaft von 1989 gegen Werder Bremen. Damals hatte er schon vor dem Spiel ein gutes Gefühl - genauso wie vor dem diesjährigen Pokalfinale am Samstag (20 Uhr im LIVETICKER) gegen Eintracht Frankfurt.

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Im Interview mit Goal spricht er über die Vorteile für den BVB, einen Marco Reus nahe an der Weltklasse, die unglaublichen BVB-Leistungen nach dem Anschlag. Von dem Drumherum beim Pokalfinale mit Halbzeitshow von Helene Fischer ist er allerdings genervt.

Michael Rummenigge, würden Sie mir widersprechen, wenn ich sage, dass Borussia Dortmund der große Favorit ist?

Michael Rummenigge: Nein. Wenn ich die beiden Mannschaften vergleiche, ist das der Fall. Vor allem wenn man bedenkt, dass Eintracht Frankfurt die schlechteste Rückrunden-Mannschaft war. Aber: Sie haben das DFB-Pokalfinale durch zwei Elfmeterschießen erreicht. Die sind zäh. Und es gibt genug Beispiele, in denen der Favorit seiner Rolle nicht gerecht geworden ist. 1985 zum Beispiel: Da hat der FC Bayern gegen Bayer Uerdingen gespielt und 1:2 verloren. Das klingt abgedroschen. Aber in einem Spiel ist alles möglich. Das musste der BVB auch gegen den VfL Wolfsburg 2015 erleben.

Wie haben Sie die Eintracht in dieser Saison erlebt?

Rummenigge: Die Eintracht hat eine sensationelle Hinrunde gespielt und hat dann durch die vielen Verletzungen einen Einbruch erlebt. Ich kenne die Kovac-Brüder ganz gut und sie leisten in Frankfurt hervorragende Arbeit. Erst haben sie den Verein vor dem Abstieg bewahrt und jetzt nach Berlin geführt. Frankfurt steht nicht unverdient im Pokalfinale. Es stehen sehr gute Spieler im Kader. Allen voran Marco Fabian gefällt mir richtig gut. Der hat unter anderem auch gegen Dortmund und Bayern in der Hinrunde Akzente gesetzt und beim BVB ein wunderschönes Tor erzielt.

Für den BVB ist es bereits die vierte Finalteilnahme in Serie. Die letzten drei Finals gingen verloren. Ist der Druck nun besonders groß?

Rummenigge: Eines ist klar: Es wäre eine Riesenenttäuschung, wenn der Cup nicht nach Dortmund gehen würde. Die Spieler kennen solche Situationen und können sich voll auf diese eine Partie konzentrieren. Sie haben die Champions-League-Qualifikation vergangene Woche fix gemacht und im Sommer steht kein großes Turnier an - den Confed Cup sehe ich nicht als solches an. Wenn man die einzelnen Mannschaftsteile vergleicht, spricht alles für Borussia Dortmund.

Michael Rummenigge Borussia Dortmund

Was macht den BVB in dieser Saison für Sie aus?

Rummenigge: Nach den Abgängen von Henrikh Mkhitaryan, Ilkay Gündogan und Mats Hummels im Sommer haben es die Verantwortlichen geschafft, sehr talentierte Fußballer zu holen. Ousmane Dembele und Raphael Guerreiro haben eine tolle Entwicklung genommen, Marc Bartra hat sich stabilisiert. Das hat Thomas Tuchel richtig gut gemacht. Womit niemand rechnen konnte, waren die starken Saisonleistungen von RB Leipzig und der TSG Hoffenheim. Auf der anderen Seite haben sich Schalke 04, Bayer Leverkusen und der VfL Wolfsburg unglaublich schlecht präsentiert. Die drei Mannschaften haben auf ganzer Linie versagt. Wenn man das bedenkt, hat Borussia Dortmund nach dem Umbruch eine gute Saison gespielt. Wenn der Pokalsieg gelingt, ist es sogar eine sehr gute Saison.

Ein wichtiger Faktor für den BVB dürfte im Finale Marco Reus werden. Sein großes Karriere-Manko: Er hat noch keinen Titel gewonnen ...

Rummenigge: Er hat jetzt die große Chance, endlich den ersten Titel zu gewinnen. Er ist ein überragender Spieler, der viel Pech mit Verletzungen hatte. Vor der Europameisterschaft und der WM hat er sich verletzt. Ich bin froh, dass er nicht zum Confed Cup fährt und eine Pause bekommt. Ich wünsche ihm, dass er langfristig verletzungsfrei bleibt und im kommenden Jahr die WM spielen kann. Er ist einer der besten Fußballer, die wir in Deutschland haben. Er hat es verdient, endlich einen Titel zu gewinnen.

Ihm wird immer wieder vorgeworfen, in wichtigen Spielen abzutauchen. Sehen Sie die Gefahr gegen Frankfurt auch?

Rummenigge: Ich denke, dass man manchmal zu viel von ihm erwartet. Vor zwei Jahren gegen Wolfsburg zum Beispiel hatte er die große Chance, die schnelle Führung zu erzielen. In Liverpool hat er geglänzt. Er weiß, was der Gong geschlagen hat und alle erwarten, dass er eine herausragende Leistung bringt. Ich traue ihm das zu. Er wird sich völlig auf das Finale fokussieren und zeigen, was er kann. Er ist nah an der Weltklasse dran.

Seit einigen Wochen beherrscht das Thema Tuchel die Schlagzeilen. Beeinflusst das eine Mannschaft?

Rummenigge: Das kann ich nicht beantworten. Ich kenne die Befindlichkeiten zwischen Hans-Joachim Watzke, Michael Zorc und Tuchel nicht. Ich stelle mir die Frage: Wer soll denn der neue Trainer werden, wenn Tuchel entlassen würde?

Die BVB-Rückrunde wurde von einem Anschlag auf die Mannschaft vor dem Champions-League-Spiel gegen die AS Monaco überschattet. Können Sie sich vorstellen, wie die Spieler sich heute fühlen?

Rummenigge: Dieser Anschlag ist unglaublich schwer zu verarbeiten. Spieler sagen, dass sie immer noch Probleme haben. Als ich mit dem BVB im UEFA-Cup mal bei Besiktas Istanbul gespielt habe, flogen Steine in den Bus und das war schon schlimm für uns. Keiner kann ansatzweise verstehen, wie sich die Spieler nach dem Anschlag gefühlt haben müssen.

Michael Rummenigge Borussia Dortmund

Umso erstaunlicher ist es, dass der BVB die Saison so souverän zu Ende gespielt hat.

Rummenigge: Absolut. Die Psyche der Mannschaft ist herausragend. Allein wenn man an das Auswärtsspiel in Monaco zurückdenkt, als die Mannschaft ewig im Bus warten musste, bevor es zum Stadion ging. Und dann kommt sie nach dem Rückstand sogar noch einmal zurück. In Dortmund ist niemand böse, dass der BVB aus der Champions League ausgeschieden ist. Es ist unglaublich, was die Mannschaft leisten kann: Dritter in der Liga und das DFB-Pokal-Finale erreicht. Man sieht, welches Potenzial in dieser Mannschaft steckt.

Sie haben mit dem BVB 1989 das Pokalfinale in Berlin gewonnen. Wie geht eine Mannschaft ein Endspiel an?

Rummenigge: Die Favoritenrolle war damals klar an Werder Bremen vergeben. Wir konnten mit unserer Mannschaft kein Deutscher Meister werden. Wir wussten aber, dass wir in einem Spiel jede Mannschaft schlagen können. Die ganze Stadt sprach davon, nach 1966 endlich wieder einen Titel zu gewinnen. Der Ausgang ist bekannt - wir haben Werder deutlich geschlagen. Was danach in der Stadt los war, kann sich niemand vorstellen, der nicht dabei war. Das hat mich völlig umgehauen. Wer das als Spieler nicht erlebt hat, hat was verpasst.

Was würden Sie den jungen BVB-Spielern vor dem Finale raten? Für einige ist es das erste Finale der Karriere.

Rummenigge: Sie müssen den Fokus nur auf das Spiel legen. Schon beim Warmmachen spürt jeder eine besondere Energie. Es ist etwas ganz Besonderes, in Berlin ein Pokalfinale zu spielen. Ich hatte früher einen Tunnelblick vor wichtigen Spielen, habe Rituale verfolgt. Man sollte nichts anders machen als sonst. Ich hatte eine Gabe: Wenn ich ein gutes Gefühl hatte, ist das auch meistens eingetreten. Zuletzt hatte ich das Gefühl übrigens im Halbfinale, als Sven Bender den Schuss von Arjen Robben auf der Linie klärte. Danach habe ich gesagt, dass Borussia Dortmund das Spiel gewinnt. Für Samstag habe ich übrigens auch ein gutes Gefühl (lacht). Aber soll ich Ihnen sagen, was mich nervt?

Bitte!

Rummenigge: Dieses ganze Drum und Dran beim Pokalfinale. Wir haben früher Fußball gespielt und die Jungs machen das heute auch. Aber das Rahmenprogramm ist inzwischen sehr aufgeblasen. Helene Fischer singt in der Halbzeitpause. Das ist ja schön. Aber wir sind doch alle aufgrund des Fußballspiels da! Wir dürfen nicht zu sehr in die Showecke abrutschen und das Drumherum wichtiger machen als das Spiel selbst. Wenn ich mitbekomme, dass die Spieler vom SC Freiburg Minuten lang warten mussten, bis das Spiel beim FC Bayern weitergeht, weil eine Sängerin nicht vom Feld wollte. Das darf nicht sein. Da ist die Konzentration weg. Man muss respektieren, dass es vor allem um den Fußball geht. Lasst den Fußball so, wie er ist. Dann sind alle zufrieden.

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