Der FC Bayern München hat am zweiten Spieltag der neuen Bundesliga-Saison ausgerechnet gegen Aufsteiger FC Schalke 04 überraschend Punkte liegen gelassen. Die Gründe dafür waren nach dem 0:0 schnell ausgemacht: die miserable Chancenauswertung.
Wie fahrlässig Bayern mit seinen Möglichkeiten umging, zeigt ein bemerkenswerter Fakt: Erstmals seit Februar 2025 blieb der Rekordmeister in einem Bundesliga-Spiel ohne eigenen Treffer. Trainer Vincent Kompany brachte es nach der Partie auf den Punkt: "Wenn du gegen eine kompakte, aggressive Mannschaft spielst, die das gut macht, musst du in diesen Momenten deine Tore erzielen. Von den Chancen her können wir dieses Spiel gewinnen, aber das ist Fußball und gehört dazu."
Auch Manuel Neuer schlug in dieselbe Kerbe: "Vielleicht hat uns in manchen Momenten bei diesen großen Chancen etwas gefehlt." Einen besonders großen Anteil am Münchner Chancenwucher hatte Luis Diaz. Der Kolumbianer erwischte einen Tag zum Vergessen und ließ gleich mehrere hundertprozentige Möglichkeiten ungenutzt.
ImagoBereits fünf Großchancen vergeigt: Luis Diaz verzweifelt vor dem Tor!
Weil Harry Kane und Michael Olise aus Gründen der Belastungssteuerung zunächst auf der Bank saßen, rückte Diaz gegen die Königsblauen noch stärker in den Fokus. Der Kolumbianer sollte also die entstandene Lücke in Bayerns Offensive schließen, wurde der Aufgabe aber überhaupt nicht gerecht.
Wie schwer sich Diaz tat, zeigte sich erstmals kurz vor der Pause. In der 41. Minute schickte Nathaniel Brown den Kolumbianer mit einem perfekten Steckpass auf die Reise. Diaz lief völlig frei auf Loris Karius zu, verlor vor dem Abschluss jedoch die Konzentration und setzte den Ball deutlich neben das Tor.
Auch nach der Pause wurde es nicht besser. In der 54. Minute tauchte Diaz erneut frei vor Karius auf, scheiterte diesmal aber wieder mit einem schwachen Abschluss. Auch sechs Minuten später vergab er eine weitere Großchance: Nach einer Hereingabe von Olise war Karius bereits aus seinem Tor geeilt und praktisch geschlagen, doch Diaz vertändelte den Ball.
Es war ein Nachmittag voller technischer Unsauberkeiten und Konzentrationsfehler. Dabei ist die Ineffizienz kein einmaliger Ausrutscher. Schon beim 5:1-Auftaktsieg gegen den VfB Stuttgart hatte Diaz mehrere gute Möglichkeiten liegen gelassen, ehe er erst in der Nachspielzeit zum Endstand traf.
Auch die Zahlen unterstreichen seine aktuelle Abschlussschwäche: Laut Sofascore ließ Diaz in den ersten beiden Bundesliga-Spielen bereits fünf Großchancen ungenutzt und kommt auf einen Expected-Goals-Wert von 2,49. Tatsächlich steht für ihn bislang aber nur ein Treffer zu Buche. Für einen Offensivspieler seiner Qualität ist das einfach zu wenig.
Getty ImagesNicht nur Pech: Luis Diaz leidet unter hoher Belastung
Allerdings ist diese Ineffizienz bei Diaz kein völlig neues Phänomen. Auch in der vergangenen Saison durchlief der 79-malige kolumbianische Nationalspieler eine Phase, in der ihm vor dem Tor einfach nichts gelingen wollte.
Die Chancenverwertung gehört zweifellos zu den Bereichen, in denen Diaz gelegentlich Schwächen zeigt - normalerweise allerdings nicht über einen längeren Zeitraum. Das belegt auch seine Bilanz aus der vergangenen Bundesliga-Saison: In 32 Einsätzen für den FC Bayern erzielte er 15 Tore und bereitete 17 weitere Treffer vor.
Wahrscheinlich spielt bei seinen aktuellen Problemen auch die enorme Belastung eine Rolle. Zwar sind die Anforderungen an Nationalspieler bei Topklubs grundsätzlich hoch, bei Diaz summieren sich die Einsätze jedoch seit Jahren auf ein außergewöhnliches Niveau.
Blickt man auch auf seine Zeit beim FC Liverpool zurück, absolvierte er 2023/24 insgesamt 78 Pflichtspiele für Klub und Nationalmannschaft. In der Saison 2024/25 waren es 50, in der vergangenen Spielzeit mit Liverpool und Bayern immerhin 64. Zum Vergleich: Dauerbrenner Joshua Kimmich kam in keiner Saison auf mehr als 70 Pflichtspiele.
Auch in diesem Sommer blieb Diaz kaum Zeit zur Erholung. Mit Kolumbien schaffte er es bei der WM bis ins Achtelfinale und kehrte drei Wochen später wieder ins Bayern-Training zurück.
Mit Blick auf die aktuelle Kadersituation und den bisherigen Saisonverlauf dürfte Diaz auch in den kommenden Wochen und Monaten kaum Gelegenheit bekommen, kürzerzutreten. Gemeinsam mit Joshua Kimmich ist er der einzige Bayern-Profi, der bislang alle vier Pflichtspiele über die volle Distanz absolviert hat.
ImagoPausenloser Luis Diaz: Bayern in der Zwickmühle?
Denn während Kompany auf anderen Positionen problemlos rotieren kann, wird es bei Diaz schnell kompliziert. Fällt Kane aus oder braucht er eine Pause, steht mit Ismael Saibari eine Alternative bereit. Für Olise kann Lennart Karl auf dem rechten Flügel einspringen. Doch wer ersetzt Diaz?
Das Problem ist nicht neu und war bereits in der vergangenen Saison sichtbar. Zwar können Jamal Musiala, Alphonso Davies oder der derzeit verletzte Serge Gnabry notfalls auf dem linken Flügel aushelfen, einen echten positionsgetreuen Ersatz gibt es im Kader allerdings nicht.
Dabei hatte Bayern mit Arijon Ibrahimovic eigentlich eine mögliche Lösung zur Hand. Der 20-Jährige kehrte nach seiner Leihe zum 1. FC Heidenheim im Sommer zurück und absolvierte die Vorbereitung mit dem Rekordmeister. Anfang September wurde er jedoch erneut verliehen - diesmal zum FC Augsburg. Dort erwischte Ibrahimovic einen Traumstart und war beim 4:1 gegen Eintracht Frankfurt gleich an zwei Treffern maßgeblich beteiligt.
Trotz der dünnen Personaldecke gibt der bisherige Erfolg der Bayern den Verantwortlichen jedoch recht. Meisterschaft, Pokalsieg und das Champions-League-Halbfinale - die vergangene Saison hätte fast nicht besser laufen können. Und Diaz' Abschlussprobleme waren nur eine Momentaufnahme und bald kein Thema mehr.
Seine Qualität und Bedeutung für das Bayern-Spiel stehen schließlich außer Frage. Schon damals nahm in Kompany in Schutz: "Er erarbeitet sich viele Chancen, weil er immer aktiv ist. Wie kann man jemandem so etwas vorwerfen, wenn er sich immer wieder in diese Position bringt?", fragte der 40-Jährige damals. "Mir ist wichtiger, dass er in den richtigen Momenten ein Tor schießt als fünf in einem Spiel - und dann fünf Monate nichts mehr."



