Der eine konnte sich beim FC Bayern nicht durchsetzen, wechselte über Bayer Leverkusen zum FC Liverpool. Der andere landete nach Stationen beim VfB Stuttgart sowie RB Leipzig in München und etablierte sich beim deutschen Rekordmeister. Emre Can und Joshua Kimmich gingen unterschiedliche Wege, jeder auf seine Art erfolgreich. Heute sind beide Nationalspieler – und Konkurrenten.
Nun sollen die gestandenen Jungprofis bei der Europameisterschaft in Frankreich gewiss nicht auf ihrer Lieblingsposition im zentralen Mittelfeld auflaufen. Viel mehr sind Can und Kimmich potenzielle Problemlöser für die vakanteste aller Positionen im DFB-Team: die des Rechtsverteidigers.
Seit Jahren sucht Joachim Löw vergeblich nach einer Lösung. Er experimentierte, personell wie taktisch. Das tat er sogar während der WM 2014. In Brasilien setzte Löw zunächst auf Jerome Boateng, ehe er ab dem Viertelfinale wieder seinem zwischenzeitlich ins defensive Mittelfeld gerückten Kapitän Philipp Lahm vertraute. Seit dessen Rücktritt ging das Casting weiter. Löw testete Kevin Großkreutz, Shkodran Mustafi und Sebastian Rudy, Matthias Ginter, Antonio Rüdiger und Can. Lange schien es, als würde Rudy das Rennen machen. Dann wurde der 26-Jährige ausgebootet.
Löw noch unschlüssig
Nun also dürfen sich Kimmich und Can neben Höwedes die größten Hoffnungen machen, insbesondere wenn Löw auf eine Dreier- respektive Fünferkette setzen sollte. Zwar betonte Senkrechtstarter Kimmich im Goal-Interview, das zentrale Mittelfeld sei seine Lieblingsposition. Er würde aber freilich auch hinten rechts auflaufen. "So lange ich auf dem Platz stehe", sagte Kimmich, "kann ich mir jede Position vorstellen."
Bei der Augsburger Wasserschlacht gegen die Slowakei spielte der 21-Jährige als rechter Innenverteidiger, und Rudy fiel mit seiner Performance auf dem Flügel endgültig durch. Wäre seine Ausbootung schon zuvor klar gewesen, hätte Löw den Hoffenheimer im letzten Test vor der endgültigen Kadernominierung wohl kaum von Beginn an gebracht. Auch das zeigt, wie schwer sich der Bundestrainer derzeit tut.
GoalSo könnte Deutschland im ersten Gruppenspiel gegen die Ukraine auflaufenAm Samstag hat Löw die Möglichkeit, ein letztes Mal unter Wettkampfbedingungen zu testen. Dementsprechend ernst nehmen sie die Generalprobe gegen Ungarn beim DFB (18.00 Uhr im LIVE-TICKER). "Die Testphase ist vorbei. Wir wollen zeigen, dass wir bereit sind“, verkündete Co-Trainer Thomas Schneider. Die Ausrichtung gegen Ungarn könnte also ein Fingerzeig im Hinblick auf die EM sein. Ob Kimmich, Can oder womöglich doch Mustafi oder Rüdiger oder Benedikt Höwedes die besten Karten auf die Rechtsverteidiger-Rolle haben.
Kimmich abgezockter und umsichtiger
Weil Mats Hummels mindestens im ersten, wahrscheinlich sogar im zweiten und womöglich gar im dritten Gruppenspiel verletzt ausfallen wird, dürfte Löw gegen voraussichtlich tiefstehende Gegner zu Turnierbeginn auf eine Dreier- beziehungsweise Fünferkette setzen. Gerade dann sind auf den Flügelpositionen offensive Qualitäten gefragt: Tempo, Flanken, Eins-gegen-eins-Situationen. Eigenschaften also, die für Kimmich sowie Can sprechen.
Mindestens genauso wichtig sind Ball- und Passsicherheit - und diese Statistiken sprechen eindeutig für Kimmich. Während der gebürtige Rottweiler im Schnitt siebenmal pro Partie den Ball verliert, sind es bei Can 15 Ballverluste pro Spiel. Dazu ist Kimmichs Passquote deutlich besser (siehe. Grafik unten). Wer nun meint, man könne die Passwerte nicht vergleichen, weil Can bei den Reds meist im defensiven Mittelfeld spielte und Kimmich bei Bayern in der Innenverteidigung, liegt daneben. Schließlich stand Kimmich unheimlich hoch, spielte zudem keineswegs ausschließlich auf Sicherheit bedachte Querpässe, sondern oftmals risikoreiche Vertikalbälle.
Can hat sich bei den Reds ohne Zweifel prächtig entwickelt, teilweise agiert er aber noch immer überhastet und naiv. Kimmich dagegen unterlaufen womöglich mehr individuelle Fehler, insgesamt präsentiert sich der Bayern-Youngster aber abgezockter und umsichtiger. Schlicht reifer.
Die Daten berücksichtigen nur Ligaspiele. Kimmich kam in der Bundesliga 23-mal zum Einsatz, Can 30-mal in der Premier League"Kimmich musst du bei der Europameisterschaft als Rechtsverteidiger spielen lassen, da haben wir in der Nationalmannschaft doch sowieso Probleme, dafür gibt es keinen Besseren", meinte Ex-Nationalspieler Dietmar Hamann neulich. "Er ist mutig, hat keine Angst und gute Leistungen gezeigt. Ich vertraue ihm zu 100 Prozent und habe immer ein gutes Gefühl mit ihm", lobte indes Thomas Müller.
Kimmich hat viele Fürsprecher, um Can dagegen ist es ruhig. Letzterer ist in seinem Auftreten dagegen deutlich forscher. "Ich möchte zur EM. Und ich will dort auch spielen", sagte Can im Mai gegenüber der Deutschen Welle. Kimmich dagegen gab sich zurückhaltend. "Den Anspruch, bei der EM Stammspieler zu sein, habe ich ganz sicher nicht. Ich bin zum ersten Mal dabei und werde jetzt ganz bestimmt keine Ansprüche stellen."
Kimmich und Can haben zwar dasselbe Ziel, sie gehen aber unterschiedliche Wege. In die Nationalmannschaft haben beide geführt.




