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Juventus 2017: Die Evolution der Alten Dame


HINTERGRUND

Andrea Pirlo vergoss bittere Tränen an jenem warmen Frühsommerabend im Jahre 2015. Nur wenige Minuten zuvor hallte der Schlusspfiff durch das weite Rund des Berliner Olympiastadions. Mit 1:3 musste sich das Team von Juventus Turin um einen der begnadetsten Mittelfeldspieler seiner Zeit im Finale der Champions League dem FC Barcelona geschlagen geben.

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Ausgerechnet am Schauplatz seines größten fußballerischen Triumphes, dem Gewinn des Weltmeistertitels 2006, musste er noch eine letzte schwere Niederlage verkraften. Die Silbermedaille, welche ihm im Anschluss an die Partie auf der Ehrentribüne umgehängt wurde, sie lastete schwer auf seinen Schultern. Sein letzter sportlicher Traum sollte nicht in Erfüllung gehen.

Grundstein der Erneuerung

Es war Pirlos letztes Spiel auf der großen europäischen Bühne. Wenige Tage später verkündete er seinen Wechsel in die amerikanische Major League Soccer. "Es ist schwierig, in Worten auszudrücken, was ich fühle. Ich kann nur ein großes Dankeschön sagen an jeden, der mich begleitet und unterstützt hat", twitterte der 115-malige Nationalspieler der Squadra Azzurra zum Abschied.

Auch ihm wurde wohl bewusst, dass nun er an der Reihe war. Es ist ein natürlicher Prozess der fortwährenden Erneuerung, des Generationenwechsels, dem auch er sich nicht entziehen konnte. Der Maestro hinterließ bei seiner Verabschiedung ein Team auf dem Zenit seines Könnens, womöglich sogar schon ein Stück darüber hinaus. Auch dieses sollte in der Folge nicht von der Erneuerung verschont bleiben.

Nicht einmal zwei Jahre später sind von den Juve-Protagonisten jenes warmen Sommerabends in Berlin kaum noch bekannte Gesichter übrig. Nicht nur Pirlo, auch Tevez, Vidal, Pogba, Morata oder Evra: Sie alle sind ihrer Wege gegangen. Dass die Qualität der Alten Dame in der Zwischenzeit jedoch keinesfalls unter den Abgängen der früheren Hauptdarsteller gelitten hat, unterstrich die Mannschaft spätestens beim furiosen 3:0-Erfolg im Viertelfinal-Hinspiel der Champions League gegen Barcelona.

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Ganzheitlicher Fortschritt

In den vergangenen Jahren wurde im Piemont großartige Arbeit geleistet. Dem Trainerteam um Massimiliano Allegri gelang praktisch ohne Umstellungsschwierigkeiten ein personeller und taktischer Umbruch. Die Symbiose dessen zeigte dem haushohen Favoriten aus Katalonien schließlich im Hinspiel die Grenzen auf.

Doch wie gelang es Juventus Turin, trotz namhafter Abgänge zentraler Stützen eine der gefürchtetsten Mannschaften des Kontinents zu bleiben?

Higuain vor Barcelona: "Weiß nicht, ob 3:0 reicht"

Einerseits vollzog Taktikfuchs Massimiliano Allegri in der laufenden Saison einen tiefgreifenden Systemwechsel. Bis November letzten Jahres ließ er sein Team im über Jahre hinweg bewährten 3-5-2-System auflaufen, wobei sich die Dreierkette in der Defensivbewegung zu einer massiven und kaum überwindbaren Fünferkette formierte.

Im November stellte er sein Team schließlich auf eine Viererkette um, lässt seitdem meist in einem 4-2-3-1-System spielen. "Die Spiele in Genua, Sassuolo und Empoli waren die schlechtesten, und in jedem davon haben wir mit Dreierkette gespielt", erklärte Allegri seine Umstellung. "Letzten Sommer haben wir bereits mit einer Viererkette experimentiert. Ich glaube, es ist die beste Lösung, wenn zwei Spieler den Stürmer unterstützen, gleichzeitig aber auch ihre Aufgaben im Mittelfeld wahrnehmen", führte er weiter aus.

Die Resultate geben dem 49-Jährigen Recht. Seit der Systemumstellung musste sich die Alte Dame in der Liga nur noch einmal geschlagen geben. In der Königsklasse setzte es sogar noch gar keine Pleite.

Clevere Transferpolitik

Die Konstanz der Bianconeri jedoch nur am System festzumachen, würde jedoch nur die halbe Wahrheit widerspiegeln. Auch personell hat sich im Piemont einiges getan. Von der Startelf des Finales von 2015 fanden sich im Viertelfinale gegen Barcelona lediglich zwei Spieler in der Anfangsformation wieder.

Spieler wie Carlos Tevez, Patrice Evra oder Andrea Pirlo hatten ihren Zenit bereits überschritten und verließen den Verein. Torjäger Alvaro Morata wurde im Zuge einer Rückkaufoption mit zehn Millionen Euro Gewinn verkauft. Der in Turin aufgrund diverser privater Fehltritte nicht mehr allzu wohlgesonnene Arturo Vidal verließ den Verein für geschätzte 37 Millionen Euro in Richtung München, Mega-Talent Paul Pogba wurde als bisher teuerster Spieler der Geschichte zu Manchester United verkauft.

Ersetzt wurden die Abgänge durch Talent und Klasse. Mit Dani Alves wurde ein auf höchstem Niveau äußerst erfahrener Rechtsverteidiger verpflichtet. Partice Evra wurde mit Alex Sandro, mittlerweile einer der besten Linksverteidiger der Welt, ersetzt. Das Vakuum im Mittelfeld füllen Miralem Pjanic und Sami Khedira aus. Die Flügel, im vorherigen System noch weitgehend verwaist, werden von der Chelsea-Leihgabe Juan Cuadrado sowie dem umfunktionierten Mario Mandzukic beackert.

Paulo Dybala: Im Windschatten des Rekordeinkaufs

Die Millionen aus dem Pogba-Verkauf wurden in Rekordtransfer Gonzalo Higuain investiert, hinter ihm wirbelt mit Paulo Dybala eines der größten Talente der Welt. Gerade letzterer steht sinnbildlich für die neue Stellung von Juventus Turin in Europa. Trotz des Interesses vieler europäischer Top-Klubs verlängerte er erst kürzlich seinen Kontrakt bis 2022.

"Ich glaube, meine Vertragsverlängerung kommt nun, da wir tollen Fußball spielen, zur richtigen Zeit. Ich will die Leute weiter unterhalten und noch viele Titel mit dem Verein gewinnen", gab sich der argentinische Nationalspieler entschlossen.

Juventus Turin hat in kürzester Zeit einen Prozess durchlebt. Beim Rückspiel am Mittwochabend (20.45 Uhr im LIVE-TICKER ) könnte dieser seinen vorläufigen Höhepunkt erreichen. Ausgerechnet gegen die Mannschaft, die ihn schmerzhaft eingeläutet hat.

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