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Große Vision, befremdliche Aussagen: Kommentar zu Jürgen Klopps DFB-Vorstellung

Über zehn Minuten dauerte Jürgen Klopps Eingangsmonolog bei seiner Vorstellung als neuer Bundestrainer am Freitag. Diese Chance nutzte Klopp einerseits, um seinen Tatendrang zu unterstreichen und glaubhaft zu versichern, was ihm dieser Posten bedeutet. Trotz riesiger Erfolge mit dem FSV Mainz 05, Borussia Dortmund und dem FC Liverpool sprach Klopp sogar vom "Höhepunkt meines Lebens".

Er nutzte den Monolog aber auch, um sich mit etwas Selbstüberhöhung - ja, das ist trotz seiner unglaublichen Vita möglich - gewissermaßen als Geschenk für den deutschen Fußball (und die anwesenden Journalisten) darzustellen. "Ich mache das nicht für mich, sondern für Euch", sagte Klopp, wiederholte diese Botschaft in verschiedenen Abwandlungen mehrmals und unterstrich gleichzeitig sein falsches Medienverständnis.

"Auf diesem Weg, den wir im Idealfall alle gemeinsam einschlagen, werden wir euch auch brauchen", sagte Klopp in Richtung der Journalisten. "Deshalb sind wir heute hier und haben die Gelegenheit, uns auf einen gemeinsamen Weg einzuschwören." Aufgabe von unabhängigen Medien ist es aber nicht, Teil eines "gemeinsamen Wegs" mit dem Objekt der Berichterstattung zu sein. Sondern dieses von außen kritisch zu begleiten und positive, genau wie negative Entwicklungen unabhängig aufzuzeigen. Für den Erfolg sind in erster Linie schon noch Trainer und Spieler verantwortlich.

Klopps befremdliche Kritik am Umgang mit Nagelsmann

Fast schon gönnerhaft befand Klopp, den Job angenommen zu haben, "obwohl ich mitbekommen habe, wie Ihr mit Julian umgeht". Nach dem blamablen Ausscheiden bei der WM wurde der ehemalige Bundestrainer Julian Nagelsmann tatsächlich heftig kritisiert, womöglich hier und da auch zu heftig.

Klopps Anklage ist aber durchaus befremdlich, war er bei der WM schließlich selbst ein Teil des "Ihr". Als TV-Experte kritisierte auch Klopp und tätigte noch vor dem allerersten WM-Spiel seine völlig überflüssige "Noch"-Aussage. Ja, er entschuldigte sich dafür. Ungeachtet dessen hatte er damit eine riesige Debatte losgetreten und seinem Vorgänger die Arbeit extrem erschwert. Wie er selbst wohl damit umgehen würde, wenn jemand den von ihm nun beschworenen "gemeinsamen Weg" derart torpedieren würde?

Grundsätzlich war es unnötig, wie viel Raum Klopp bei seiner ersten Pressekonferenz seiner Medienkritik einräumte und im Zuge dessen sogar mit einem Rücktritt drohte. Zumal sich DFB-Vizepräsident Hans-Joachim Watzke bei seinem kurzen Eingangsstatement ähnlich äußerte. Es wirkte fast so, als sei die Berichterstattung als Mitgrund für das neuerliche Scheitern bei der WM ausgemacht worden. Etwas mehr Demut in Bezug auf die aktuelle Situation des deutschen Fußballs wäre da durchaus angebracht gewesen. 

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Jürgen Klopp fordert Zeit - und hat große Visionen

Dass es Klopp ein riesiges Anliegen ist, diese Situation zu verbessern, ist offensichtlich. Inständig hofft er darauf, dass die Nationalmannschaft auch zwischen den Turnieren wieder größere Beachtung findet als zuletzt. Immer wieder kam Klopp bei seinen langen Monologen vom Fußball zur Gesellschaft ganz allgemein, einmal landete er sogar bei Kanzler Friedrich Merz. Klopps große Vision ist es, mit seiner Tätigkeit als Bundestrainer diese in vielerlei Hinsicht gespaltene Nation zu einen: "Erfolgreicher Fußball kann ein Land verändern."

Für diese Mission hat er zunächst einen Vertrag bis zur WM 2030 unterschrieben. Bei der Beurteilung seiner Arbeit bat Klopp um Geduld und sagte: "Das Witzige an der heutigen Zeit ist, dass man niemandem mehr und nichts mehr Zeit gibt außer sich selbst." Interessant ist diese Zeit-Aussage in Bezug auf seine nun beendete Tätigkeit bei Red Bull. Dem Vernehmen nach war schließlich ausgerechnet Klopp eine treibende Kraft bei der vorzeitigen Trennung von Trainer Ole Werner trotz erreichter Champions-League-Qualifikation und geglücktem Umbruch nach Abgängen sämtlicher Leistungsträger.

Zu seinen konkreten Planungen für die Nationalmannschaft der Zukunft gab Klopp erwartungsgemäß kaum Einblicke. Offen ließ er beispielsweise, wo er Joshua Kimmich künftig einsetzen will. Klopp verriet lediglich, dass er mit einer Viererkette und Flügelstürmern und ohne Manndeckung spielen lassen will. Er habe sich schon eine Liste mit 57 interessanten Feldspielern erstellt.

Jürgen Klopp: Machtfülle wie kein anderer Bundestrainer

Anders als seine Mannschaft steht sein Trainerteam. Sven Bender ist im Stile eines neuen Sandro Wagner eine sinnvolle Ergänzung zu seinen beiden langjährigen Assistenten Peter Krawietz und Pepijn Lijnders. Interessant erscheint die Rolle seines langjährigen Wegbegleiters Marc Kosicke, "mein Co-Trainer für Strategie, Entwicklung und Innovation". Kosicke wird zwar nicht beim DFB angestellt sein, soll aber über sämtliche Zugänge verfügen.

Auch diese Personalie zeigt: Klopp hat beim DFB mit einer Machtfülle wie kein Bundestrainer vor ihm. Er kommt als erklärter Wunschkandidat der Gremien und Fans, mit riesigen Meriten bei sämtlichen seiner bisherigen Trainerstationen und ordentlich Selbstvertrauen. Der Verband selbst ist nach der neuerlichen WM-Blamage derweil schwach wie selten zuvor.

Das ist einerseits eine Chance, weil große Macht automatisch zu großem Gestaltungsspielraum führt und Klopp wie kaum ein anderer Trainer für Erfolg steht. Andererseits ist das aber auch eine Gefahr, weil womöglich Widerrede ausbleibt und der DFB zu einer One-Man-Show verkommt. Einen Vorgeschmack darauf gab die Pressekonferenz. Genau eine Frage wurde nicht an Klopp direkt gerichtet, sondern an die ebenfalls anwesenden DFB-Funktionäre Bernd Neuendorf und Watzke. Es ging um Kosickes Rolle. Klopp redete aber kurzerhand dazwischen und wollte erstmal seine Sicht auf die Dinge darstellen, ehe Neuendorf doch noch zu Wort kam.

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