HINTERGRUND
Leonardo da Vinci, Michelangelo, Galileo Galilei – die Liste der Kunstschaffenden oder Geistlichen, die während der Renaissance in Florenz lebten, lässt sich nahezu beliebig erweitern. Sie alle hatten eines gemeinsam: Sie liebten es, in einer der reichsten Städte des 15. und 16. Jahrhunderts zu leben.
Italiens Nationalmannschaft - Das Erbe der Medici
Sie ließen sich bei ihren Spaziergängen durch die Stadt inspirieren, bestaunten die florentinische Architektur, fanden in der Stadt der Medici eine neue Heimat. Gemeinsam prägten sie eine ganze kulturgeschichtliche Epoche, wurden zu den wichtigsten Persönlichkeiten ihrer Zeit.
Bernardeschi, seit vielen Jahren in Florenz
Auch Federico Bernardeschi hat sich in Florenz verliebt. Zwar etliche Jahrhunderte später, aber dennoch kein bisschen weniger intensiv. Den Offensivspieler des AC Florenz zog es bereits als Neunjährigen in die Stadt, die wegen ihrer kulturellen Bedeutung auch "das italienische Athen" genannt wird.
Talentspäher hatten ihn in seiner toskanischen Heimat Carrara bereits früh gesichtet und ihn in die Hauptstadt dieser mittel-italienischen Region gelockt. Bei der Fiorentina feilte man jahrelang an seinem fußballerischen Talent. So, wie einst Michelangelo an seinen berühmten Skulpturen und Fresken.
Mit Erfolg: Heute überwindet er seine Gegenspieler mit einer schier traumwandlerischen Sicherheit und Eleganz, um nur Sekundenbruchteile später wie ein eiskalter Vollstrecker zuzuschlagen. Dieses Gesamtpaket machte Bernardeschi in der laufenden Saison unersetzlich und katapultierte ihn zeitgleich auf den Radar von Juventus Turin. Der Alten Dame gelang nun nach monatelangen Verhandlungen der Durchbruch: Wie italienische Medien übereinstimmend berichten, blättern die Bianconeri 40 Millionen Euro für Bernardeschi hin, sein Gehalt soll vier Millionen Euro pro Jahr betragen.
Fiorentina-Youngster Federico Chiesa: Ultraviolette Bodenständigkeit
"Meine Zukunft? Ich bin verliebt in das violette Trikot", hatte der Senkrechtstarter im Interview mit der Corriere Dello Sport im Februar noch klargestellt. Nun bricht er wohl tausenden Viola-Anhängern das Herz. Und doch ist der Schritt selbstredend der richtige. Denn mit seinen Anlagen muss das nächste Level erfolgen.
Ausleihe als Initialzündung
In Florenz wusste man von Beginn an, was man an seinem neuen Aushängeschild hat, wollte ihn behutsam aufbauen. Und so wurde der bis dato nahezu unbekannte Bernardeschi 2013 in die Serie B zum FC Crotone verliehen. Mit seinen zwölf Toren und sieben Assists schoss er den Zweitligist bis in die Relegation, dort scheiterte man dann allerdings relativ deutlich am FC Bari.
Für die italienische Sturmhoffnung nicht weiter schlimm. Bernardeschi hatte sich längst in den Fokus gespielt. Der damalige Nationaltrainer der Squadra Azzurra, Cesare Prandelli, nominierte ihn im März 2014 für ein Trainingslager der A-Nationalelf.

Während sich der Großteil der Fans verwundert die Augen rieb, wusste ausgerechnet Gianluigi Buffon, welchen Neuling er da vor sich stehen hatte. "Buffon kommt wie ich aus Carrara und er hat mich zwei- oder dreimal umarmt", verriet Bernardeschi damals der Gazzetta dello Sport: "Das war ein tolles Gefühl, ich hatte Gänsehaut."
Bei der Europameisterschaft im vergangenen Sommer gehörte der 23-Jährige dann bereits zum finalen Kader des viermaligen Weltmeisters und schnupperte erstmals Luft auf der ganz großen Bühne.
Eng mit seinem Erfolg verbunden ist Trainer Paulo Sousa. Der zweimalige Champions-League-Sieger übernahm die Fiorentina im Sommer 2015 und hat sich für Bernardeschi inzwischen fast zu einer Vaterfigur entwickelt: "Sousa hat mir geholfen, als Mensch und Profi zu wachsen. Dafür werde ich ihm auf ewig dankbar sein." Fast wie die Medici, die einst Michelangelo oder Da Vinci unter ihre Fittiche nahmen, ihnen den Weg ebneten.
Vom Paradies in die Hölle
Diesen Weg wird er nun beim besten Klub Italiens fortsetzen - und Turin bekommt einen nicht nur vielseitigen, sondern mitunter brillanten Fußballer. Dank seiner Flexibilität kann er auf nahezu jeder offensiven Position auftauchen, stets für Unruhe sorgen und die gegnerische Defensive durcheinanderwirbeln. Als gelernter Flügelstürmer ist er ein starker Dribbler und guter Vorbereiter.
Auch wenn sein Fachgebiet nicht das Malen oder das erschaffen von Kunstwerken ist, so kann man ihn auf dem Fußballplatz getrost als Künstler bezeichnen. Nicht selten lässt er seine Gegenspieler mit einer geschickten Körpertäuschung ins Leere laufen, um dann selbst zu vollenden oder den besser positionierten Mitspieler zu sehen. 15 Scorerpunkte gelangen ihm in der abgelaufenen Saison.
Juventus: Schick-Wechsel geplatzt
Nun wird er bei null beginnen müssen, ist er bei Juve doch nicht mehr der Star, sondern einer von vielen in einem hochklassigen Ensemble. Aus dem Paradies der Renaissance in den knallharten Kampf um Einsatzzeiten – Bernardeschi muss knapp 400 Kilometer von Florenz entfernt zeigen, dass er nicht nur ein Ästhet auf dem Platz ist, sondern seine Anlagen bereits so weit sind, um abzuliefern.
Weitere Umarmungen von Buffon werden da nicht helfen, sein virtuoser linker Fuß, mit dem er etwa gegen Gladbach in der Europa League einen Weltklasse-Freistoß im Netz versenkte, dagegen sehr wohl. Zeit für Liebeskummer jedenfalls bleibt nicht.
