HINTERGRUND
Carlo Ancelotti wirkte ruhig und gelassen, als er am Freitagmittag im schwarzen Poloshirt den Presseraum an der Säbener Straße betrat, unaufgeregt wie eh und je. Die jüngsten Testspielresultate hatten den Trainer des FC Bayern München verärgert, das schon. Beunruhigt haben sie ihn jedoch nicht.
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"Die Mannschaft ist bereit", versicherte Ancelotti vor dem Supercup-Spiel bei Borussia Dortmund am Samstag (20.00 Uhr im LIVE-TICKER). Später ergänzte er: "Ich habe hundertprozentiges Vertrauen in die Mannschaft, die spielen wird." Seine Botschaft war eindeutig: Dass sein Team in der Vorbereitung fünf der letzten sechs Partien verloren hat, bedeutet: relativ wenig.
Etwas überraschend kam das schon, schließlich hatte Ancelotti noch am Mittwoch eingeräumt, besorgt zu sein. Die herbe 0:3-Niederlage beim Audi Cup gegen den FC Liverpool sei ein "Alarmsignal" gewesen, mahnte er. Weiter dramatisieren wollte er die Situation nun aber nicht, im Gegenteil. "Ich kenne das von Real Madrid. Da haben wir anschließend 22 Spiele von September bis Dezember gewonnen. Und mit Milan haben wir mal alle Vorbereitungsspiele verloren, sind aber am Ende Champions-League-Sieger geworden", erzählte er.
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Überhaupt: Unzufrieden war Ancelotti nur mit den Auftritten gegen den AC Mailand (0:4) und den FC Liverpool (0:3). "Da haben wir schlecht gespielt, die Einstellung war nicht gut." Ansonsten seien die Leistungen aber in Ordnung gewesen.
Die Suche nach der richtigen Balance und Einstellung
Beiseite schieben wollte er die Probleme trotzdem nicht. Die größte Baustelle im Spiel der Münchner sieht der erfahrene Fußballlehrer derzeit in der fehlenden Balance. "Das ist der wichtigste Punkt, da müssen wir uns verbessern", forderte der Italiener. Sein Team sei zwar aktuell nicht in der besten physischen Verfassung, "aber im Fußball geht es nicht nur um Physis, sondern auch um Taktik, Strategie, Persönlichkeit, Motivation." Und um die richtige Einstellung.
Genau die ließen die Münchner zum Ärger Ancelottis in den jüngsten Testspielen ebenfalls vermissen, das hatte auch Mats Hummels im Rahmen des Audi Cups deutlich kritisiert. "Wir haben einfach so vor uns hin gespielt, ein bisschen gekickt, ohne uns zu überlegen, welche Konsequenzen daraus entstehen", monierte der Innenverteidiger und hielt fest: "Wir sind in keinem Bereich da, wo wir sein wollen."
Arturo Vidal verwies derweil auf die bescheidene Bedeutung von Freundschaftsspiele. "In den wichtigen Spielen zeigen wir unsere Qualität. Wir waren im ersten Gang, am Samstag gibt es Vollgas", versprach er. In den entscheidenden Momenten da zu sein, zeichnet den FC Bayern seit jeher aus. Nun müssen die Münchner diese Fähigkeit einmal mehr unter Beweis stellen.
Ob Spieler, Trainer oder Verantwortliche - allesamt betonten im Vorfeld des Supercups den Stellenwert des noch vor gar nicht allzu langer Zeit eher verpönten Kicks. Gegen den BVB geht's für den FCB ums Prestige - und darum, nach der ernüchternden Vorbereitung erfolgreich in die Pflichtspielsaison zu starten. Einfach werde das nicht, meinte Ancelotti. In Dortmund erwartet der Coach ein "schwieriges, intensives Spiel gegen eine sehr gute, gefährliche Mannschaft". Besonders kompliziert wird es aufgrund der angespannten Personalsituation.
Sieben Ausfälle, Rafinha als Linksverteidiger?
Mit Manuel Neuer, Jerome Boateng, David Alaba, Juan Bernat, Thiago Alcantara, James Rodriguez sowie Arjen Robben werden gleich sieben Spieler ausfallen. Abgesehen von Linksverteidiger Bernat, der mit Syndesmoseriss zwei bis drei Monate nicht zur Verfügung stehen wird, hofft Ancelotti bei den übrigen Spielern auf eine schnelle Rückkehr. In "spätestens zwei, drei Wochen", im Optimalfall also bis zum Bundesliga-Start am 18. August gegen Bayer Leverkusen, soll das Sextett wieder einsatzbereit sein.
Am Samstag allerdings muss der 58-Jährige improvisieren. Besonders spannend wird die Besetzung der Außenverteidigerpositionen. "Marco Friedl hat die Chance, zu spielen, aber wir haben auch andere Optionen. Vielleicht wird Rafinha hinten links verteidigen", sagte Ancelotti. Sollte er sich für letztere Variante entscheiden, würde Joshua Kimmich mit großer Wahrscheinlichkeit als Rechtsverteidiger auflaufen - und das, obwohl er erst eine Woche im Training ist.
Weitere Details zu seiner Aufstellung wollte Ancelotti nicht verraten, genauso wenig die Leistungen einzelner Spieler kommentieren. Angesprochen auf den zuletzt nicht immer hundert Prozent motiviert wirkenden Robert Lewandowski sagte er: "Wenn die Mannschaft nicht gut spielt, haben die Stürmer Probleme." Und er betonte einmal mehr: "Es geht nicht um individuelle Leistungen, sondern um die Balance."
Das Gleichgewicht zwischen Defensive und Offensive war schon zu Beginn seiner Amtszeit vor einem Jahr über mehrere Wochen immer wieder ein Thema. Nach den Abgängen der Balancegeber Philipp Lahm und Xabi Alonso, ist das Problem wieder akut. Verständlich, schließlich brauchen die Neuzugänge noch Zeit. Zeit, die beim FC Bayern derzeit niemand hat.
Die Lage ist angespannt aufgrund der schlechtesten Vorbereitung seit Jahren. Eine Pleite gegen Dortmund und es wäre wohl vorerst vorbei mit der Ruhe, selbst beim stets unaufgeregten Ancelotti. Ein Erfolg wiederum würde seine Botschaft untermauern. Was also ist die Vorbereitung wert?
