Carlo Ancelotti FC Bayern Mainz 05 22042017Getty Images

FC Bayern: Straucheln in der Carlo-Crunchtime


HINTERGRUND

Zwei Tauben hatten am Samstagnachmittag das Fröttmaninger Grün für sich entdeckt. Immer wieder nahmen die beiden Vögel während der ersten Halbzeit des Bundesligaspiels zwischen dem FC Bayern und dem FSV Mainz 05 (2:2) in der Hälfte der Gäste Platz. Platz gab es dort reichlich, die Münchner waren zunächst nur selten in gefährlichen Zonen präsent, beschränkten ihr Wirken auf befremdlichen Konterfußball. 

Analyse: FC Bayern lässt auch gegen Mainz Punkte liegen

Den Bayern steckte das verlorene Viertelfinale der Champions League gegen Real Madrid noch merklich in den Knochen und in den Köpfen. Weil das ohnehin jeder gesehen hatte, machten sie daraus in der Interviewzone auch gar keinen Hehl. "Wir sind nicht gut ins Spiel gekommen und haben den Mainzern sofort zu Beginn ein Tor überreicht. Natürlich hängt uns das Spiel vom Dienstag noch nach - auch wenn es uns nicht nachhängen sollte. Aber wir sind eben auch nur Menschen", sagte Thomas Müller.

Eigentlich, ergänzte der Offensivspieler, seien die Bayern ja auch deshalb Profis, um solche Negativerlebnisse schnell abzuhaken, auszublenden und wenige Tage später wieder an die Leistungsgrenze gehen zu können. Ganz so einfach ist das in der Praxis aber nicht. 

David Alaba fraglich für Dortmund-Duell

"Es ist natürlich nicht einfach, vier Tage nach so einem großen Spiel mit so einem traurigen Ende für uns, direkt da zu sein", sagte Mats Hummels: "Manchmal brauchen wir da einen kleinen Weckruf." Merklich wacher war die Elf von Trainer Carlo Ancelotti fürs Erste aber auch nach dem frühen Rückstand nicht. So hatten Yoshinori Muto und Levin Öztunali sogar Möglichkeiten, den Mainzer Vorsprung auszubauen.

Neuer-Vertreter Sven Ulreich: "In der ersten Halbzeit haben wir uns total schwer getan. Wir haben überhaupt nicht zu unserem Spiel gefunden und viele leichte Fehler gemacht. Das darf uns nicht passieren." Ancelotti: "Es war schwer, aber wir hatten mehr erwartet. Wir haben gerade in der ersten Halbzeit nicht gut gespielt, waren nicht so kompakt." Hummels: "Wir hatten nicht die nötige Herangehensweise. Vor allem ganz zu Beginn waren wir zu locker und zu lethargisch."

Nur ein FCB-Sieg aus sechs Spielen

Arjen Robben veredelte zwar einen hübschen Angriff über Müller und Vorbereiter Franck Ribery zum zwischenzeitlichen Ausgleich, kurz vor der Pause brachte Daniel Brosinski die Mainzer per Elfmeter nach Foul von Joshua Kimmich an Muto allerdings wieder in Führung. "Wir haben Mainz aus dem Nichts zurück ins Spiel und damit in eine super Situation gebracht", ärgerte sich Hummels. Letztendlich traf Thiago noch zum 2:2-Endstand. Hinzu kam, dass der ansonsten ungewohnt unauffällige Robert Lewandowski zweimal elfmeterreif gefoult wurde, der Pfiff jedoch zweimal ausblieb. 

Und trotzdem: Die Bayern ließen ihre Qualität schlicht zu selten aufblitzen und eine klare Spielidee vermissen. Es fehlte nicht nur die Kompaktheit, sondern vor allem ein strukturiertes und zwingendes Ballbesitzspiel, ein klarer Plan. Zu selten setzten sich die Roten in den gefährlichen Zonen fest, wo es sich die zwischenzeitlich immer wiederkehrenden Tauben gemütlich gemacht hatten.

Überhaupt ist trotz der guten Leistung im Estadio Santiago Bernabeu beim deutschen Rekordmeister zumindest eine Ergebniskrise nicht von der Hand zu weisen. Fünf der vergangenen sechs Pflichtspiele haben die Bayern nicht gewonnen, in den jüngsten vier Partien sind sie gänzlich sieglos. Ausgerechnet in der Crunchtime, in jener Phase der Saison also, in der Ancelotti, so die Legende, seine Mannschaften besonders gut im Griff hat, straucheln die Münchner. Auch, weil wichtige Spieler verletzt oder angeschlagen waren beziehungsweise sind.

"Es ist schon erstaunlich: Nach dem Gladbach-Spiel waren eigentlich alle fit. Das heißt, theoretisch hat es perfekt gepasst, und dann sind uns innerhalb von zehn Tagen einfach mal vier Spieler kurz- oder sogar langfristig weggebrochen", sagte Hummels zur Personalsituation: "Wenn wir nicht zwei Wochen vorher alle fit gewesen wären, hätte man vielleicht irgendeinen Zusammenhang herstellen können, aber so muss man es eben ein bisschen auf das Pech zurückführen."

Bayern braucht gegen Dortmund einen freien Kopf

Dass das Aus gegen Real Madrid dagegen nicht nur mit Pech und der Schiedsrichterleistung von Viktor Kassai und dessen Gespann zu erklären ist, sieht zumindest der eloquente Innenverteidiger genauso. 

"Natürlich war der Schiedsrichter ein Thema", gab Hummels zwar zu, ergänzte aber: "Zumindest ein Teil von uns hat aber auch gesagt, dass Real verdient weitergekommen ist. Das wissen wir schon auch. Wir wissen, dass wir mit unserer Topleistung, vor allem im Heimspiel, eine sehr große Chance aufs Halbfinale gehabt hätten. Die konnten wir aber nicht in beiden Partien abrufen, und damit haben wir uns auch beschäftigt. Wir haben nicht drei Tage lang auf Kassai geschimpft, sondern uns auch selber hinterfragt."

Und das dürften die Münchner auch nach dem unnötigen 2:2 gegen die Rheinhessen tun. Die Ursachen für den mauen Auftritt seien schließlich vor allem mentaler Natur, wie Thiago schilderte: "Der entscheidende Faktor, um Spiele zu gewinnen, ist unser Kopf. Wenn wir mit dem Kopf voll da sind, gewinnen wir ein Spiel wie das heutige in 99 von 100 Fällen."

Daher forderte der filigrane Mittelfeldmann: "Wir müssen jetzt aufpassen und bis zum Schluss stark bleiben." Noch immer, wissen die Münchner, kann die Saison beim möglichen Gewinn des Doubles eine sehr gute werden. Dafür allerdings braucht es bis spätestens Mittwochabend einen freien Kopf, denn dann trifft der FC Bayern im Halbfinale des DFB-Pokals auf Borussia Dortmund (20.45 Uhr im LIVE-TICKER) - und das werde "ein ganz anderes Spiel", waren sich Ancelotti und seine Schützlinge einig. Die Partie gegen Mainz könnte dafür ein guter Weckruf sein. 

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