HINTERGRUND
Es ist erst 18 Tage her, da war die Welt noch rosarot beim FC Bayern. Die Münchner hatten Borussia Dortmund soeben mit 4:1 aus der Arena gefegt, alle Spieler waren fit und selbst Robert Lewandowski gab unmittelbar nach der Partie bezüglich seiner Schulterblessur Entwarnung. Die Bayern waren gut gelaunt, sie wähnten sich in Top-Form, bereit für die "Ancelotti-Jahreszeit".
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Dann allerdings kam alles anders. Lewandowski war doch nicht fit für die Königlichen und auch weitere Leistungsträger hatte es wie aus dem Nichts erwischt. Zum denkbar ungünstigsten Zeitpunkt wurde die Elf von Trainer Carlo Ancelotti vom Verletzungspech heimgesucht, sie schied gegen Real Madrid aus der Champions League aus und blieb seit jenem Fußballfest gegen den nationalen Dauerrivalen vier Pflichtspiele lang sieglos. Und so steht vor dem neuerlichen Kräftemessen mit dem BVB im Halbfinale des DFB-Pokals am Mittwoch (20.45 Uhr im LIVE-TICKER) plötzlich die ganze Saison auf der Kippe.
Kapitän Philipp Lahm betonte zwar zuletzt, dass die Spielzeit so oder so keine schlechte mehr werde, "aber ob es eine gute oder sehr gute wird, das hängt vom Pokal ab". Die Bayern, meinte derweil BVB-Trainer Thomas Tuchel, "haben auf jeden Fall mehr zu verlieren. Wir können ihnen diese Saison ein Stück weit vermiesen."
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Das wollen sie an der Säbener Straße tunlichst vermeiden. "Es ist keine gute Situation, wir haben viele angeschlagene Spieler, die in den letzten Wochen mehr als Wehwehchen hatten", warnte Lahm jedoch. Er, der im Sommer seine Karriere beenden wird und eine erneute Endspielteilnahme am 27. Mai in Berlin als "sehr, sehr schönen Abschluss" seiner Laufbahn so sehr genießen möchte.
Erste kritische Fragen an Ancelotti
Der Druck jedenfalls ist enorm, auch für den nach eigener Aussage druckresistenten Ancelotti. Nach dem Königsklassen-Aus musste er sich bereits unangenehme Fragen gefallen lassen, zudem gefällt es in München nicht jedem, dass der Mister es nicht geschafft, ja gar nicht wirklich versucht hat, junge Spieler wie Joshua Kimmich, Kingsley Coman oder Renato Sanches zu fördern und weiterzuentwickeln.
Ancelotti gilt als smarter Moderator, als Trainer mit dem gewissen Etwas im menschlichen Bereich. Nach knapp einem Jahr in der bayrischen Landeshauptstadt zeichnet sich jedoch auch allmählich ab, wie der Pragmatiker Ancelotti arbeitet und welche Prioritäten er setzt. Dass er sich kaum um den Spagat zwischen sportlichem Erfolg und langfristiger Entwicklung schert.
Ancelotti denkt tatsächlich primär von Spiel zu Spiel, wie es im Fußballsprech heißt, und setzt dabei am liebsten auf gestandene, erfahrene Akteuren. Junge Talente spült er binnen der englischen Wochen zwar immer mal wieder in die Startelf, konstant gibt er ihnen aber kaum eine Chance. In den wichtigen Spielen zählt für den 57-Jährigen im Zweifel Renommee mehr als Form und Fitness. Zu seiner Mentalität passt es daher auch, dass er auf der Pressekonferenz verriet, Kapitän Lahm tagtäglich davon überzeugen zu wollen, doch noch über den Sommer hinaus weiterzumachen, obwohl mit Kimmich längst ein würdiger Nachfolger bereitsteht.
Darüber, dass er vor der Saison dafür plädiert hatte, keinen Ersatzmann für Robert Lewandowski zu verpflichten und ob diesbezüglich im kommenden Sommer ein Umdenken stattfinden könnte, wollte der Italiener am Dienstagmittag im Mediencenter nicht sprechen - verständlicherweise. "Wir haben den ganzen Sommer, um über den Transfermarkt zu reden. Jetzt aber sind wir auf die Bundesliga und den Pokal fokussiert", sagte er.
"Wir müssen nach Berlin"
"Der Pokal", führte Ancelotti aus, "ist sehr wichtig. Ich wünsche mir sehr, das Finale mit meinem Team zu erleben. Es wäre für mich das erste Mal." Der erfahrene Coach weiß ganz genau um den exorbitanten Stellenwert des nächsten Spiels, dass sich die kritischen Fragen im Falle eines Scheiterns häufen würden. Insofern gilt: Ausscheiden nicht erlaubt!
"Wir wissen alle, wie schön dieses Spiel in Berlin ist, da müssen wir hin, und dafür müssen wir alles geben", forderte Arjen Robben dementsprechend. "Wer da keine Motivation hat, der hat den Beruf verfehlt", ergänzte Lahm und betonte, dass es ein anderes Spiel werde als beim 4:1 vor 18 Tagen. "Im Vergleich zum letzten Aufeinandertreffen können beide Mannschaften auf mehr Spieler zurückgreifen." Beim FC Bayern etwa ist nur David Alaba fraglich, von Manuel Neuer und gegebenenfalls dem Österreicher abgesehen, kann Ancelotti voraussichtlich also aus dem Vollen schöpfen.
Nichtsdestotrotz erwartet auch Sven Ulreich, der Neuer im Tor vertreten wird, eine "deutlich engere Partie als in der Bundesliga". Deshalb "müssen wir diesmal 100 Prozent abrufen", so Lahm. Bei einem Weiterkommen, das wissen sie alle, wäre die Welt wieder in Ordnung beim FC Bayern, bei einem Ausscheiden dagegen könnte es ziemlich ungemütlich werden.
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