HINTERGRUND
Die Folgen eines berauschenden Abends sind gelegentlich ziemlich unangenehm. Ein Kater kann dann schon mal länger anhalten als bloß für ein paar Stunden, manchmal braucht es sogar mehrere Tage, um das Erlebte aufzuarbeiten und einzuordnen. So sitzt der Stachel auch am Freitag noch tief beim FC Bayern München nach dem Ausscheiden aus der Champions League gegen Real Madrid.
FC Bayern: Boateng und Martinez fallen aus
Karl-Heinz Rummenigge hat seine Kritik an Schiedsrichter Viktor Kassai und dessen Gespann im Vorwort des aktuellen Vereinsmagazins noch einmal erneuert. Er suche keine Ausreden, ließ er wissen, meinte aber gleichzeitig, dass die Münchner "unverdient" ausgeschieden seien. Er wolle nicht verschweigen, "dass die Entscheidungen des Schiedsrichters sowie die seiner fünf Kollegen den Ablauf des Spiels dramatisch beeinflusst" und den FCB "schwer benachteiligt" hätten.
Bereits in der Nacht zum Mittwoch hatte der Vorstandsboss während seiner Bankettrede gewütet, der deutsche Rekordmeister sei in der spanischen Hauptstadt "beschissen worden".
Kommentar: Nur der Schiri schuld am Aus des FC Bayern
Carlo Ancelotti wählte im Mediencenter an der Säbener Straße mit drei Tagen Abstand zwar keine derlei drastischen Worte, auch ihm war auf der Pressekonferenz aber anzumerken, dass er sich ebenfalls betrogen fühlte - zumindest ein Stück weit. "Jeder", meinte der Italiener, habe "die großen Fehler des Schiedsrichterteams" gesehen: "Wir waren wirklich nah dran, hatten in diesen Viertelfinalspielen aber viele unglückliche Momente. Es hat mit den Verletzungen begonnen, hinzu kamen der verschossene Elfmeter im Hinspiel und am Ende auch die Fehler des Schiedsrichters im Rückspiel. Ich habe zu Beginn der Saison gesagt, dass kleine Details entscheiden, wenn man die Champions League gewinnen will. Und diese Details waren gegen uns."
Seine Spieler hatten schon am späten Dienstagabend in der Interviewzone des Estadio Santiago Bernabeu ihren Unmut geäußert. "Wahnsinn", seien die Fehlentscheidungen gewesen, die letztendlich beim FC Bayern für einen "faden Beigeschmack" sorgten, hatte etwa Arjen Robben gesagt. Er versicherte, normalerweise keiner zu sein, "der über den Schiedsrichter spricht" und stattdessen "lieber auf uns selbst" zu schauen und zu fragen, "wo wir Fehler gemacht haben und was wir besser machen können. Aber wenn ich auf die Bilder schaue, sehe ich nicht nur eine Fehlentscheidung - und dann kommt Frust auf". Die Bayern hatten Kassai als Hauptschuldigen für das Ausscheiden ausgemacht. Dass der Ungar zwar zweifelsfrei einen eklatanten Tag erwischt, aber nicht ausschließlich die Bayern benachteiligt hatte, verschwiegen sie jedoch größtenteils in ihrem Zorn und tun es noch immer.
Ancelotti: Auswechslungen waren gut
Welchen Vorwurf aber können sich die Münchner denn nun selbst machen? Es sei jetzt nicht der Zeitpunkt für Vorwürfe, entgegnete Thomas Müller kurz nach dem Spiel.
Dabei gab es trotz eines zweifelsohne großen Kampfs und einer starken Leistung im Bernabeu durchaus Erklärungsansätze, die weniger mit dem Schiedsrichter als mit dem FC Bayern zu tun hatten. Etwa ob es richtig war, vor der Saison auf eine Verpflichtung eines zweiten Stürmers zu verzichten. Warum man im Hinspiel in der zweiten Halbzeit derart auseinander gefallen war. Ob Ancelotti mit seinen Wechseln alles richtig gemacht hatte. Warum er nicht wenigstens Vidal vorzeitig vom Platz genommen hatte.
"Natürlich", sagte der Coach, "haben wir über das Spiel gesprochen. Wie nah wir dran waren, welchen Charakter wir gezeigt haben, was wir hätten anders machen können. Aber ehrlich gesagt denke ich, dass auch die Wechsel gut waren. Manche sagten, ich hätte Vidal rausnehmen können, aber ich hatte in diesem Moment mit Alonso und Vidal zwei gelbvorbelastete Spieler", erklärte er. Letztendlich habe er sich für Alonso entschieden, "weil ich das System mit Müller verändern wollte. Außerdem konnte ich die dritte Auswechslung nicht nutzen, weil wir mit Hummels und Boateng zwei Spieler dabei hatten, die nicht bei hundert Prozent waren. Daher brauchte ich eine Auswechslung für die Verlängerung".
Lewandowski indes sei "ein Spieler, der normalerweise nicht viele Spiele verpasst. Und wenn Müller ihn ersetzen musste, hat er es gut gemacht", meinte der 57-Jährige weiter. Dass Lewandowski tatsächlich im Hinspiel an allen Ecken und Enden gefehlt hatte, erwähnte er nicht.
Als Ancelotti gefragt wurde, wie weh es tat, am Freitagmorgen die Auslosung der Halbfinalspiele zu verfolgen, ohne selbst mit dabei zu sein, schnaufte er kurz durch und kratzte sich an der Wange. Dann sagte er: "Wir müssen uns jetzt auf die Bundesliga und den Pokal konzentrieren, die Champions League ist für uns leider vorbei." Klar, was soll er auch anderes sagen?
Ancelotti: "Kann eine gute Saison werden"
Bloß "bis morgen", werde es dauern, bis das Aus verarbeitet sei, versicherte er, der mit großer Neugier die Trainingseinheit am Freitagmorgen geleitet hatte, "weil ich nicht wusste, in welchem Zustand die Spieler sein würden. Aber sie waren gut. Sie waren in einem guten Zustand und haben einen guten Spirit gezeigt. Ich habe jetzt sogar noch mehr Vertrauen in meine Spieler, als vor dem Spiel in Madrid".
Seinen Schützlingen habe er bereits "gesagt, wie stolz ich auf sie bin. Es ist wirklich eine Ehre, der Trainer dieses Teams zu sein, das einen fantastischen Charakter gezeigt hat."
Dass der FC Bayern "Männerfußball" gespielt und "den Verein würdig vertreten" hat, wie es Thomas Müller sagte, daran besteht nach den zwei engen, hochklassigen und packenden Duellen mit den Madrilenen überhaupt kein Zweifel. "Wenn Du in Madrid nach 90 Minuten 2:1 gewonnen hast, dann hast Du irgendetwas richtig gemacht", befand Müller zurecht. Letztendlich haben die Bayern das Kräftemessen mit den Königlichen ohnehin nicht in Madrid, sondern in München verloren.
Nun aber gilt es den Blick nach vorne zu richten, aus der Saison das bestmögliche herauszuholen. "Wir sind große Spieler und wir werden das verarbeiten. Jetzt geht es erst einmal nur um Erholung. Dann müssen wir am Samstag ein gutes Spiel machen und nächste Woche versuchen, ins Pokalfinale einzuziehen. Das sind noch zwei große Ziele. Wir müssen Meister werden und den Pokal holen. Mehr ist leider nicht mehr drin", sagte Arjen Robben, bevor er sich aus dem Bernabeu verabschiedete.
"In meinen Augen war die Saison bislang gut", ergänzte Ancelotti: "Wir haben gute Leistungen, Charakter und Persönlichkeit gezeigt - nicht immer, aber oft. Das Team hat eine klare Identität. Aber natürlich, im Fußball zählen leider nur die Resultate. Wir können jetzt noch zwei Titel holen plus den Supercup, den wir im August gewonnen haben. Daher denke ich, dass es eine gute Saison werden kann." Keine perfekte, das ist nun klar, sehr wohl aber können die Münchner beim möglichen Gewinn des Doubles sogar noch eine sehr gute Runde spielen, wenn man mal ehrlich ist. Denn wo kämen wir denn hin, wenn das Prädikat sehr gut nur noch durch ein Triple zu rechtfertigen wäre. Dann nämlich könnte im Sommer original eine Mannschaft in Europa von sich behaupten, "sehr gut" zu sein. Und dieser irrwitzig überhöhte Anspruch hat schon Pep Guardiola in München medial scheitern lassen.
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