Idee für ein Trinkspiel gefällig? Geht so: Jedes Mal, wenn Fabio Silva in einem Interview "the most important" sagt, einen Kurzen zu sich nehmen. Aber Vorsicht, man sollte Einiges vertragen können!
Allein viermal war diese Phrase - "das Wichtigste" zu deutsch - Teil seiner Ausführungen, als er am Samstagabend nach seinem Jokertor beim 2:2 von Borussia Dortmund gegen den FC Bayern zur Presse sprach. Doch in den wenigen Minuten, die sich der Stürmer in der Mixed Zone aufhielt, wurde klar, dass sich Silva noch einen zweiten Favoriten zugelegt hat: "Everyone can see."
Eine Kostprobe: "Das Wichtigste war die Mentalität. Wir sind hierhergekommen, um zu zeigen, dass wir um Titel kämpfen wollen und vor keiner Mannschaft Angst haben. Ich denke, jeder kann sehen, dass wir in dieser Saison einen Top-Kader haben, um um große Ziele zu kämpfen", sagte Silva, der wie sein kurz zuvor anwesender Teamkollege Nico Schlotterbeck das Selbstvertrauen auch ausstrahlte, das er mit seinen Worten transportierte.
Der Portugiese legte in München wieder einmal einen ausgezeichneten Auftritt als Einwechselspieler hin. Sein Tor - der Instinkt, wohin der Ball kommen würde, die bewusste Annahme, so dass er sich sofort in Schussposition befindet, die Drehung auf engem Raum, der präzise Abschluss - war eine technische Augenweide.
Getty ImagesWarum Fabio Silva auch Paco Alcacer abhängt
"Mein Vater hat mir immer gesagt, dass ich den Ball im Strafraum 'riechen' muss. Und ich war zur Stelle, um den Abpraller zu verwerten. Ich bin froh, dass ich der Mannschaft helfen konnte", sagte er. Es war bereits Silvas fünftes Pflichtspieltor in dieser Saison - im gesamten Vorjahr schoss er drei Treffer. Sieben Torbeteiligungen in 13 Partien sind für einen, der nur fünfmal von Beginn an spielte, eine starke Quote.
Man könnte sogar soweit gehen zu sagen, Silva ist tatsächlich der beste Joker der Dortmunder Vereinsgeschichte. Natürlich denkt man in dieser Kategorie vor allem an den ehemaligen BVB-Angreifer Paco Alcacer, der zugleich Bundesliga-Rekordhalter ist. Der Spanier schoss für die Westfalen zwischen 2018 und 2020 zwölf Tore nach Einwechslung - kein Spieler in der Geschichte der Liga traf häufiger.
Silva steht derzeit bei sechs Jokertoren in seiner Zeit bei der Borussia. Doch lässt man das selbstverständlich nicht ganz unwichtige Kriterium "Tor" einmal außer Acht, hat der 24-Jährige gegenüber Alcacer die Nase vorn. Denn sobald Silva das Feld betritt, bringt er sofort eine ansteckende Energie mit, hat auf Anhieb Einfluss aufs Spiel, macht sich häufig anspielbar und wird als Torschütze oder Vorlagengeber gefährlich. Sein Arbeitsethos als Einwechselspieler ist schlicht beachtlich.
BVB siebenmal nach Silva-Einwechslung besser
Und er macht sich eben auch an den Zahlen bemerkbar. Von den insgesamt 17 Torbeteiligungen, die Silva in 52 Pflichtspielen für Dortmund zustande brachte (acht Tore, neun Vorlagen), bescherten sieben davon dem BVB am Ende ein besseres Ergebnis als vor Silvas Einwechslung.
Dabei war keineswegs sicher, dass der einmalige Nationalspieler die Saison überhaupt noch im Ruhrgebiet bestreiten wird. Silva und seine Entourage waren im Sommer nur ein Jahr, nachdem man für ihn 22,5 Millionen Euro an die Wolverhampton Wanderers überwiesen hatte, stark an einem Wechsel interessiert.
Zu sehr hatte die Vorsaison im Schatten des gesetzten Serhou Guirassy, dem Trainer Niko Kovac auch in Zeiten eklatanter Torlosigkeit stets die Stange hielt, offenbar an Silva genagt. Zwar hatte er da auch mehr als ordentliche zehn Torbeteiligungen gesammelt (drei Tore, sieben Vorlagen), doch in den 39 Pflichtspielen stand er lediglich zehnmal in der Startelf.
Getty ImagesWollte Fabio Silva den BVB im Sommer verlassen?
"Während der Transferperiode gab es zu viel Trubel um meine Person, aber das ist normal und gehört zum Fußball dazu", blickte Silva in München noch einmal auf diese Phase von vor etwa drei Monaten zurück. Zum Sinneswandel kam es durch eine Zusammenkunft mit Kovac und Sportdirektor Ole Book. "Wir hatten ein großartiges Gespräch, bevor das Transferfenster schloss. Ich habe das Gefühl - und ich wusste es auch -, dass ich diesem Verein noch viel zu geben habe. Ich habe ihm noch mehr zu geben. Ich liebe es, für diesen Verein und die Fans zu spielen. Ich bin hier glücklich", sagte er.
Silvas Krux ist es, dass er in Dortmund bislang als Joker einfach deutlich besser funktionierte als von Beginn an. Steht er in der Startelf, will er teils zu viel, agiert verkopft, bisweilen zu eigensinnig und versucht, eigene Szenen zu sehr zu erzwingen. In der vergangenen Saison gewann der BVB nur drei der zehn Begegnungen, in denen Silva starten durfte. Viermal davon spielte er zusammen mit Guirassy.
Gerade diese Verbindung hat sich in der laufenden Spielzeit klar verbessert. Die beiden Angreifer strahlen Spielfreude aus, wenn sie gemeinsam auf dem Feld stehen und ihr Zusammenspiel klappte einige Male sehr gut. "Es geht nicht nur um Tore. Als Spieler bin ich mehr als nur ein Torschütze", sagte Silva. "Umso mehr, wenn ich mit Serhou auf dem Platz stehe. Wir harmonieren sehr gut miteinander. Er ist einer der besten Spieler auf seiner Position. Ich lerne jeden Tag von ihm."
Hat Fabio Silva seine Jokerrolle beim BVB akzeptiert?
Und, da kam die neue Lieblingsphrase wieder zum Vorschein, er ergänzte: "Jeder kann sehen, dass wir manchmal zusammenspielen können und dass wir das genießen." Genau damit brachte Silva sein Standing auf den Punkt: Manchmal spielen sie zusammen, manchmal steht er bei Anpfiff auf dem Platz - aber es wird bei einem Klub wie dem BVB und einem Kontrahenten wie dem Guineer eben nicht immer sein.
Silva scheint sich mit dieser Perspektive abgefunden zu haben. Das Griesgrämige, leicht Bockige, das in seinem ersten Jahr und auch beim Supercup zu Saisonbeginn noch hin und wieder zu beobachten war, ist verschwunden. Und siehe da: Prompt wurde er besser.
"Natürlich spiele ich lieber von Beginn an, als auf der Bank zu sitzen. Wenn ich das Gegenteil behaupten würde, wäre ich nicht zu 100 Prozent ehrlich", sagte Silva. "Ich versuche immer, unter der Woche positiv zu bleiben. Wenn ich sehe, dass ich nicht spiele, bin ich natürlich in den ersten Momenten verärgert, aber ich weiß, dass ich für die Mannschaft wichtig sein kann - in dieser Saison bin ich das sowohl als Stammspieler als auch als Einwechselspieler."
Getty ImagesIst der BVB auch dank Fabio Silva titelreif?
Zumal sich bislang zeigte, dass die "Finisher", um einen gern von Kovac benutzten Ausdruck für seine Einwechselspieler zu verwenden, enorm großen Einfluss haben. Zwölf Torbeteiligungen von BVB-Jokern sind zusammen mit RB Leipzig Ligaspitze. Nimmt man nur Dortmunds Joker-Vorlagen, die zu Toren führten, bedeuten acht nach acht Spieltagen einen neuen Bundesligarekord.
Wohin dies führen wird, weiß man zu diesem immer noch recht frühen Zeitpunkt der Saison freilich nicht. Doch man merkte am Samstag im Bauch der Allianz Arena bei den Beteiligten, dass sich der BVB in diesem Jahr durchaus etwas ausrechnet in Sachen Silberware.
"Wir sind hierhergekommen, um zu gewinnen. Das muss in dieser Saison unsere Einstellung sein", sagte Silva, der zuletzt vor über drei Jahren mit der PSV Eindhoven einen Titel holte. "Wir haben viel Qualität in unserer Mannschaft. Und wir wissen, dass wir dieses Jahr eine fantastische Mannschaft haben. Die Jungs in der Startelf, die Jungs, die von der Bank kommen: Sie hinterlassen immer ihre Spuren. Das ist unsere Waffe in dieser Saison: Alle halten zusammen, alle sitzen im selben Boot und geben alles, denn die Fans und alle im Verein haben es verdient, Titel zu gewinnen."






