Zum ersten Mal seit seinem Debüt schafft es Nick Woltemade nicht in den Kader des DFB-Teams. Sportlich läuft es für den Stürmer gar nicht so verkehrt, stattdessen macht ihm eine Fehlentscheidung aus dem Sommer zu schaffen.
Als der DFB am Donnerstagmittag sein offizielles Aufgebot für die anstehenden Länderspiele in der Nations League gegen Serbien (13. November) und die Niederlande (16. November) bekanntmachte, dürfte sich einer besonders gefreut haben: Niclas Füllkrug. Der nach seinem Wechsel zu West Ham United im Sommer 2024 und der darauffolgenden lange andauernden Ladehemmung schon abgeschriebene Angreifer von Werder Bremen ist der beste Beweis dafür, wie schnell sich das Blatt bei der Nationalmannschaft manchmal wenden kann.
War er vor nicht einmal einem halben Jahr noch ganz weit weg von einem Comeback im DFB-Team - was ihn folgerichtig auch die Weltmeisterschaft in den USA, Kanada und Mexiko verpassen ließ -, ist Füllkrug heute, wenige Monate später, der Mann der Stunde und einer der derzeit formstärksten Spieler mit einem deutschen Pass. Seit seiner Rückkehr an die Weser erzielte der 33-Jährige wettbewerbsübergreifend zwölf Tore in zehn Einsätzen. In jedem der letzten acht Spiele war Füllkrug mindestens einmal erfolgreich, gegen Dortmund, Paderborn und Mainz schnürte er sogar jeweils einen Doppelpack.
"Eine Freude" sei es deshalb gewesen, meinte Bundestrainer Jürgen Klopp auf der Pressekonferenz, "die Entscheidung zu treffen" und dem Routinier mitzuteilen, nach langer Leidenszeit wieder im Kreis der Nationalmannschaft agieren zu dürfen. Füllkrug habe "nicht nur durch seine Tore einen unglaublichen Einfluss auf das Bremer Spiel", betonte Klopp, und kam zu dem Schluss: "Manchmal schlägt Form alles andere."
Getty ImagesWie läuft es für Nick Woltemade bei Juventus Turin?
Mit "alles andere" könnte der Bundestrainer unter anderem Nick Woltemade gemeint haben. Der Stürmer von Italiens Rekordmeister Juventus Turin hinkt den hohen Erwartungen noch immer hinterher, in gewisser Weise ist er also das genaue Gegenteil des so formstarken Füllkrugs.
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Dabei läuft es für den 24-Jährigen, befasst man sich rein mit den Statistiken, gar nicht einmal so übel, wie die erste Nichtnominierung seit seinem DFB-Debüt im Juni 2025 auf den ersten Blick suggerieren mag. Seit seinem Wechsel zur Alten Dame kommt Woltemade mehr oder minder regelmäßig zum Zug und stellte vor allem in der Europa League seine Qualitäten schon ein ums andere Mal unter Beweis. Stehen in der Serie A nach acht Einsätzen weder ein eigener Treffer noch eine direkte Torbeteiligung zu Buche, steuerte er auf europäischer Ebene in vier Spielen satte drei Tore (zwei Elfmeter) sowie drei Assists bei.
Zuletzt betrieb er auch am Donnerstagabend Eigenwerbung, als er beim 2:1-Auswärtssieg in Alkmaar ordentlich spielte und Randal Kolo Muanis Treffer zum 2:0 vorlegte. In jedem Europapokalspiel für die Bianconeri war Woltemade damit mindestens an einem Treffer direkt beteiligt.
Das Problem Woltemades - und im übrigen wahrscheinlich auch mit ein Grund für die ausgebliebene DFB-Berufung - ist also nicht, dass im Juve-Dress aus sportlicher Sicht überhaupt gar nichts zusammen ginge. Das widerlegen die Zahlen eindeutig. Als viel schlimmer entpuppt sich die Entscheidung, die der ehemalige Bundesliga-Angreifer im zurückliegenden Sommer traf: sich den Turinern überhaupt erst angeschlossen zu haben.
Getty ImagesWarum wechselte Nick Woltemade zu Juve?
Ohne Frage, bei seinem Stammverein Newcastle United, der 2025 kolportierte 75 Millionen Euro an den VfB Stuttgart überwies, wäre es mit Sicherheit kein leichtes Unterfangen gewesen, sich durchzubeißen und regelmäßig Einsatzzeit zu bekommen. Denn unter dem im Sommer zurückgetretenen Eddie Howe war Woltemade, so fair muss man in der Beurteilung sein, oftmals nicht mehr als ein Joker, der hier und da für die letzten Minuten ran durfte und sich dabei nur selten auszuzeichnen wusste.
Doch Howe ist wie erwähnt mittlerweile Geschichte. RB Leipzigs ehemaliger Jugendtrainer Matthias Jaissle übernahm stattdessen die Zügel bei den Magpies und versprach Woltemade direkt zum Start einen Neuanfang, auch wenn sich dieser angesichts der bevorzugten Pressing-intensiven Spielweise möglicherweise zunächst hinten anstellen müsste. Woltemade wiederum wollte dieses Risiko, eine weitere Saison die zweite Geige zu spielen, offensichtlich nicht eingehen und floh nach Italien.
Getty ImagesSchafft es Nick Woltemade zurück ins DFB-Team?
Ein "grundsätzlich ganz schlauer Wechsel" sei dies laut Klopp gewesen, schließlich konnte Juventus dem 24-Jährigen nach der äußerst tristen Phase in Newcastle ein völlig neues Umfeld bieten. Eine "andere Liga, besseres Wetter" sowie mit Luciano Spalletti ein Trainer mit einer möglicherweise besser an Woltemade angepassten Spielidee könnten dabei helfen, zu alter Stärke zurückzufinden. Dass der kriselnde Serienmeister Italiens von einst schon lange kein wohltuendes Umfeld für sich am Scheideweg befindliche Karrieren ist und sportlich immer mehr in der Bedeutungslosigkeit versinkt, liege "natürlich nicht an Nick. Nicht mal im Ansatz", betonte Klopp.
Doch genau dort liegt das große Problem. Juventus schlägt sich seit Jahren mit dermaßen vielen eigenen Baustellen herum, dass es dort nahezu unmöglich ist, Woche für Woche Bestleistungen abzurufen, um sich für die Nationalmannschaft ins Schaufenster zu spielen. Ein vogelwild zusammengestellter Kader und massive finanzielle Probleme - jüngst ließen die Turiner verlauten, das Geschäftsjahr 2025/26 mit einem Verlust von 66 Millionen Euro abgeschlossen zu haben -, sorgen dafür, dass es sportlich seit Jahren stetig bergab geht. In der Serie A machen andere Klubs wie Inter, Milan oder Napoli längst den Titel unter sich aus, für die Champions League verpasste man zweimal in den letzten vier Jahren die Qualifikation.
On top kommt eine in Italien grundsätzlich superkritische Presselandschaft, mit der Woltemade schon ein ums andere Mal Erfahrungen machen durfte. Große Blätter wie die Gazzetta dello Sport oder die Tuttosport zerreißen die Leistungen des Deutschen am laufenden Band, teilweise gleichen ihre Bewertungen einer Hexenjagd. Etwa beim 0:2 vor anderthalb Wochen gegen den FC Genua, als Woltemade zur Pause, beim Stand von 0:2, für Federico Gatti eingewechselt und hinterher quasi als Hauptverantwortlicher für die Niederlage an den Pranger gestellt wurde. Und das, obwohl er bei Juventus zuletzt zum Spieler des Monats gewählt wurde.
Immerhin: Klopp scheint sich der besonderen Situation bewusst zu sein. "Nick hat ehrlich gesagt eher eine gute Phase gerade bei Juve. Vieles kommt zurück, er hat eben keine einfache Zeit nach dem Wechsel", erklärte der Bundestrainer. Woltemade wäre "auf einem guten Weg. Ihm geht die absolute Torgefahr ein bisschen ab." Diese wiederum stellt Füllkrug aktuell in beeindruckender Manier unter Beweis, weshalb Klopp folgerichtig feststellte. "Es war eine relativ leichte Entscheidung." Pro Füllkrug. Contra Woltemade.

