Während der VfB Stuttgart im Sommer wochenlang um die Dienste von Stürmer-Neuzugang Dzenan Pejcinovic buhlte, mehrere Spieler den Verein verließen und noch immer die Gerüchteküche bezüglich möglicher Abgänge brodelt, stieg Nikolas Nartey still und heimlich zum Gewinner der Vorbereitung auf. Das passt in gewisser Hinsicht auch zu seinem Naturell.
Der Däne ist kein Mann großer Worte, scheut die Öffentlichkeit und überlässt den anderen das Rampenlicht. Im Vordergrund steht die eigene Leistung auf dem Platz - und die wäre zum Start der neuen Bundesliga-Saison mehr denn je gefragt gewesen. Nach neun Minuten im ersten Pflichtspiel der Saison hatte sich das Thema aber schon wieder erledigt. Anstatt endlich beim VfB gesetzt zu sein, zog sich Nartey im DFB-Pokal gegen Hansa Rostock eine Muskelverletzung an der Oberschenkelrückseite zu und wird seinem Team wochenlang fehlen.
Der Rückschlag kommt zur Unzeit für den VfB und Nartey, der schon so häufig in seiner im Verhältnis zu seiner langen Krankenakte noch jungen Laufbahn vom Pech verfolgt war. Der 26-Jährige war drauf und dran, als Stammspieler in die Bundesliga-Saison zu starten. Jedoch nicht auf seiner gelernten Rolle als zentraler Mittelfeldspieler. Ebenso wenig eine Reihe weiter vorne oder auf der linken Abwehrseite, wo er in der Vergangenheit schon als Aushilfe agierte. Sondern auf fremdem Terrain. Als Rechtsverteidiger.
In Abwesenheit von Lorenz Assignon, der im vergangenen Sommer für zwölf Millionen Euro von Stade Rennes kam und noch an den Folgen einer am Saisonende unterzogenen Schulter-OP laboriert, wäre Nartey weitaus mehr als ein Notnagel gewesen. Der Allrounder hatte sich sein neues Standing redlich verdient. Das wurde mit Blick auf die Situation von Josha Vagnoman nochmal deutlicher.
Der zweimalige Nationalspieler, der zwischenzeitlich sogar als ernsthafter Kandidat für Julian Nagelsmanns WM-Kader galt, absolvierte wie Nartey die komplette Vorbereitung. Dennoch geriet Vagnoman ihm gegenüber klar ins Hintertreffen. Hoeneß schien ob dessen schwankenden Leistungen in der jüngeren Vergangenheit Bedenken zu haben. Nun reist Vagnoman doch als A-Lösung zum Eröffnungsspiel nach München, während der verletzungsanfällige Leih-Rückkehrer Leonidas Sterigou noch weit von der Startelf entfernt ist und Finn Jeltsch auf seiner bevorzugten Position in der Innenverteidigung gebraucht wird.
Vagnoman hatte Nartey gegen Rostock ersetzt und sogar das dritte Tor von Pejcinovic vorbereitet. Am Freitag wartet die größtmögliche Feuertaufe auf den 25-Jährigen, wenn ihm niemand Geringerer als Luis Diaz gegenüberstehen dürfte. In seiner Premierensaison erzielte der Linksaußen 15 Tore und 17 Assists für den FC Bayern. Noch größer scheint die Aufgabe mit Blick auf das schwäbische Lazarett, das aus allen Nähten platzt.
IMAGOVfB Stuttgart im Pech: Welche Spieler fehlen gegen den FC Bayern?
Denn nicht nur für Nartey war der Arbeitstag in Rostock frühzeitig beendet. Chris Führich ging nach einem Schlag auf den Oberschenkel ebenfalls angeschlagen vom Feld, - zu dessen Gesundheitsstand hielt sich der VfB zunächst bedeckt. Sollten sich die schlimmsten Befürchtungen bei dem Offensivspieler bewahrheiten, der mit herausragenden Leistungen im Saisonendspurt noch beinahe auf den WM-Zug aufgesprungen wäre, würden Hoeneß zum Auftakt gegen die Bayern nach aktuellem Stand acht (!) potenzielle Starter fehlen.
Neben dem Trio um Nartey, Führich und Assignon stehen Dan-Axel Zagadou (Oberschenkelverletzung) und die neue Nummer eins Dennis Seimen in jedem Fall nicht zur Verfügung. Letzterer war mit großen Vorschusslorbeeren von seiner Leihe aus Paderborn zurückgekehrt, ehe er sich kurz nach seiner Rückkehr an den Neckar schwer am Oberschenkel verletzte. Frühestens Ende September soll der 20-Jährige, der als einer der größten Torhüter-Talente des Landes gilt, wieder zwischen den Pfosten stehen.
Ersetzt wird er von Fabian Bredlow, weil sich die Verantwortlichen um Sportvorstand Fabian Wohlgemuth bewusst gegen eine Reaktion auf dem Transfermarkt entschieden und dem Routinier das Vertrauen für die Übergangszeit schenkten.
Fraglich sind indes die Innenverteidiger Ramon Hendriks sowie Luca Jaquez (beide muskuläre Probleme) und der 15 Millionen Euro schwere Neuzugang Leo Sauer, der Führich theoretisch positionsgetreu auf dem linken Flügel ersetzen könnte. Der Slowake stieg erst vor Kurzem ins Mannschaftstraining ein, nachdem er sich Ende März bei Ex-Arbeitgeber Feyenoord Rotterdam einen schmerzhaften Muskelteilabriss zugezogen hatte.
Darüber hinaus muss Hoeneß wohl auch auf Dauerpatient Justin Diehl (Oberschenkelverletzung) und Jeremy Arevalo (Rückenprobleme) verzichten. Das talentierte Angriffsduo wurde in der abgelaufenen Spielzeit zwar vorwiegend bei der Zweitvertretung geparkt, hätte im Zuge der Verletzungsmisere aber durchaus als Optionen von der Bank im Kader stehen können.
Umso schmerzhafter ist der Verlust von Stuttgarts Allzweckwaffe Nartey, der in ungewohnter Rolle eigentlich ein neues Kapitel in seinem ganz persönlichen Märchen aufschlagen wollte. Nun folgte die nächste Pechvogel-Passage.
VfB Stuttgart: Warum dachte Nikolas Nartey sogar an ein Karriereende?
Denn Narteys Laufbahn gleicht einer Achterbahnfahrt, mit bis dato deutlich mehr Talfahrten als Aufstiegen. Hinter ihm liegt nämlich eine erschreckende Leidenszeit mit einer Reihe von Verletzungen, die kaum mehr an zwei Händen abzuzählen sind. Knie, Bänder, Bauchmuskeln, Adduktoren, Muskelfasern - Narteys Körper hat beinahe die komplette Palette an Blessuren durch, die ein Fußballer haben kann. In seinem Fall allerdings innerhalb eines Jahres! Der absolute Tiefpunkt ereilte ihn kurz nach seiner Rückkehr und zwei Auftritten in der Relegation 2023 gegen den HSV.
Der zur darauffolgenden Saison geplante Neustart hatte sich schnell wieder erledigt. Doch damit nicht genug: Es wurde sogar noch schlimmer. Ein Knorpelschaden im Knie gepaart mit Oberschenkelproblemen setzte ihn für zweieinhalb Jahre (!) außer Gefecht. Zwischenzeitlich soll er sogar ein Karriereende in Erwägung gezogen haben. Über 100 Spiele verpasste Nartey in fünf Spielzeiten beim VfB, der nach seiner Ankunft 2019 zunächst an Hansa Rostock und dann an den SV Sandhausen verliehen war.
Die Stuttgarter Verantwortlichen verloren jedoch nie den Glauben an Nartey. Bereits kurz nach dessen erster Knie-OP im Jahr 2022 wurde der 1,86 Meter große Linksfuß mit einem neuen Vertrag ausgestattet. Fünf Tage vor Ablauf im Sommer 2025 wurde das Arbeitspapier mit stark leistungsbezogenen Konditionen um eine weitere Saison verlängert, obwohl er erst am 34. Spieltag sein abermaliges Comeback gegeben hatte. Eine Trennung wäre Wohlgemuth und Co. nicht zu verübeln gewesen. Doch das Vertrauen zahlte sich aus.
Getty ImagesWie wichtig war Nikolas Nartey für den VfB Stuttgart in der vergangenen Saison?
Nartey blieb abgesehen von einer rund zweiwöchigen Zwangspause gesund und überzeugte mit ansehnlichen Leistungen, die ihm letztlich eine aufgebesserte Vertragsverlängerung bis 2028 einbrachten. Der verdiente Lohn, wie auch Wohlgemuth bei der Verkündung im Mai betonte. "Der Weg von Nikolas Nartey beim VfB war bekanntermaßen lange Zeit verletzungsbedingt alles andere als leicht. Umso mehr freuen wir uns, dass sich Niko in den vergangenen Monaten zu einem stabilen und wichtigen Faktor innerhalb unserer Mannschaft entwickelt hat", erklärte der 47-Jährige und ließ Worte folgen, die sich bereits zum Saisonstart beinahe bewahrheitet hätten: "Niko kann auf verschiedenen Positionen wichtige Impulse für unser Spiel liefern, deshalb war für uns die erneute Vertragsverlängerung folgerichtig. Wir freuen uns auf die weitere Zusammenarbeit mit Niko."
Je vier Tore und Assists sprangen in allen Wettbewerben für Nartey heraus, der sich seit März auch dänischer Nationalspieler nennen darf. Seine Aufritte als Rechtverteidiger verteilten sich vor seiner tragischen Stippvisite in Rostock derweil auf ein kurzes Stelldichein in der Bundesliga bei Mainz 05 (2:2) und eine etwas überraschende Startelf-Nominierung - Assignon schmorte 90 Minuten auf der Bank - gegen den FC Porto im Achtelfinal-Hinspiel der Europa League (1:2).
Zumeist agierte Nartey im zentralen oder offensiven Mittelfeld, weshalb er im Vergleich zu seinen Konkurrenten ein ganz anderes Spielelement auf der rechten Abwehrseite darstellt und Hoeneß jede Menge Flexibilität beschert. Seine favorisierte Position bekleidete Nartey übrigens auch bei seinem ersten von insgesamt 38 Einsätzen in der Vorsaison: Im Franz Beckenbauer Supercup, als er wenige Minuten vor Schluss eingewechselt wurde. Gegen den FC Bayern München.
Ziemlich genau ein Jahr später, mit einem komplett anderen Standing, wäre sein Mitwirken - wie bei seiner Vertragsverlängerung von Wohlgemuth prophezeit - wichtiger denn je gewesen. Stattdessen dient er in gewisser Hinsicht als Sinnbild für das Stuttgarter Verletzungspech.
Nikolas Nartey: Statistiken beim VfB Stuttgart vor und in der Saison 2025/26
Saison | vor der Saison 2025/26 | in der Saison 2025/26 |
Spiele | 22 | 39 |
Tore | 0 | 4 |
Assists | 0 | 4 |
Einsatzminuten | 976 | 1.559 |





