Sie waren naiv, unreif, unerfahren und nicht sonderlich diszipliniert - beinahe hätte Ajax gegen Lyon alles verspielt. Doch das Team aus Amsterdam ist eine Truppe mit Charme.
Mit einem Durchschnittsalter von gerade mal 22 Jahren, haben die Ajax-Bubis in der UEFA Europa League für Furore gesorgt und sind nur noch einen Schritt vom ganz großen Wurf entfernt.
Nach dem 4:1-Sieg im Hinspiel dachte man eigentlich, dass Ajax nichts mehr anbrennen ließe. Da sollte selbst Lyon, das in seinen sieben Spielen in diesem Wettbewerb bislang 20 Tore geschossen hatte, nichts ausrichten können.
Als dann auch noch der 19-jährige Kasper Dolberg mit einem schön herausgespielten Treffer zur Führung für die Gäste in Frankreich einschoss, dachte wohl niemand mehr, dass dies noch eine richtig enge Kiste werden könnte.
Doch 79 verrückte Sekunden vor der Pause änderten alles. "Zwei Minuten vor der Halbzeit ging einfach alles schief", musste sich Trainer Peter Bosz eingestehen.
Zunächst verschuldete der erst 17-jährige Matthijs De Ligt im Duell mit Alexandre Lacazette einen Elfmeter, ehe man Nabil Fekir wenige Sekunden später im Sechzehner zu viel Platz ließ, der den einschussbereiten Lacazette dadurch mustergültig bedienen konnte.

Nun hätte man meinen können, in der Pause wäre etwas Zeit gewesen, sich zu sammeln - stattdessen brach das junge Team komplett auseinander und Lyon brauchte nach dem 3:1 plötzlich nur noch einen Treffer, um das Unmögliche zu schaffen.
Und es schien, als wüssten die Gäste nicht so recht, wie ihnen geschah - zu allem Übel war der 27-jährige Nick Viergever auch noch ein schlechtes Vorbild für seine Teamkollegen, als er nach einem Foul an Fekir mit Gelb-Rot vom Platz flog.
Die Zeit schien Lyon davonzulaufen, doch anstatt den Ball in den eigenen Reihen zu halten, gab ihn der 21-jährige Bertrand Traore sofort wieder her. Ähnlich machte es der 20-jährige Davinson Sanchez, der aus dem Mittelfeld direkt auf das Tor anstatt zur Eckfahne stürmte.
"Wir mussten es einfach nur versuchen und standhalten", sagte Kapitän Davy Klaassen. Und das taten sie, gerade so. Ajax machte es auf die harte Tour und sie hatten mit ihren limitierten Möglichkeiten Erfolg.
"Die niederländische Liga zählt nicht zu den fünf stärksten Ligen in der Welt oder gar Europa, deswegen ist es nicht einfach, mitzuhalten", weiß Edwin van der Sar, aktueller Generaldirektor des Klubs.

22 Jahre ist es nun her, als sich eine ähnlich junge Truppe in die Geschichtsbücher eintragen konnte. Van der Sar, Reiziger, Blind, Rijkaard, De Boer und De Boer, Seedorf, George, Davids, Litmanen, Overmars, Kanu und Kluivert: Ajax 95.
Und was wäre mit einer der großartigsten Mannschaften in Europa aller Zeiten erst möglich gewesen, wären nicht größere und finanzstärkere Klubs gekommen und hätten die Spieler weggekauft.
Ein 17-jähriger Patrick Kluivert war damals der Held, als man Milan 1995 knapp schlagen konnte. Am Donnerstag war es sein 18-jähriger Sohn Justin, der bei einer denkwürdigen Europapokalnacht eingewechselt wurde. Dabei ist er einer von sieben Spielern, die 21 Jahre alt oder jünger sind.
"Sir Alex Ferguson sagte bei Manchester United einst über einen bestimmten Spieler: 'Ja, er ist sehr vielversprechend, ein großartiges Talent.' Dieser Junge war 23 Jahr alt, genau wie unser Kapitän", so Van der Sar. "Wir geben jungen Spielern die Möglichkeit, zu träumen."
Ajax hat nun erneut eine Gruppe von jungen Träumern, die ihren Traum nun gemeinsam verwirklichen wollen, solange sie noch können. Heute hier, morgen dort - ähnlich wie Ajax 95.
Aber zunächst will man, wie Bosz am Donnerstag sagte, "eine Geschichte schreiben." Das letzte Kapitel wird dabei in Stockholm geschrieben - Gegner ist Manchester United mit dem teuersten Kader in der Geschichte des Wettbewerbs.
In Lyon hat man das Glück herausgefordert und Glück gehabt. "Das ist ein super Gefühl", so Bosz. "Nun werden wir sehen, ob wir tatsächlich Geschichte schreiben können."
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