Ach, die Hertha! Was hat die Alte Dame aus Berlin nicht alles über sich ergehen lassen müssen. Der Big-City-Club-Wahn um den umstrittenen Investor Lars Windhorst, die Übernahme durch die umstrittene Investmentfirma 777, das 76-Tage-Fiasko um Jürgen Klinsmann, Jens Lehmann im Aufsichtsrat, die Fast-Insolvenz nach dem Abstieg 2023, der Schicksalsschlag um den jung verstorbenen Präsidenten Kay Bernstein.
Und all dies passierte ja nur in den letzten sieben Jahren, vom vorherigen Chaos ganz zu schweigen. Dieser jüngeren Vergangenheit hängt der Zweitligist jedoch heute noch nach. Nicht schwelgend, sondern wirtschaftlich.
Das belegt dieser Tage ein Fakt, der rund zwei Wochen vor dem Saisonauftakt gegen den VfL Bochum sehr erstaunlich ist: Hertha BSC ist von den 36 deutschen Profiklubs der einzige, der bislang noch keinen Neuzugang verpflichtet hat. Nicht einen. In Worten: null.
Einziger deutscher Profiklub! Hertha BSC noch ohne einen Neuzugang
Dabei ist der Transferüberschuss, der angesichts der großen Altlasten erzielt werden musste, um überhaupt auf dem Markt aktiv werden zu können, eigentlich erreicht. 25,5 Millionen Euro nahmen die Berliner rein an Ablösesummen für die Abgänge von Toptalent Kennet Eichhorn (für neun Millionen zu Leverkusen), Topscorer Fabian Reese (acht Millionen Euro, Wolfsburg), Stammkeeper Tjark Ernst (fünf Millionen, Feyenoord) und Spielmacher Michael Cuisance (3,5 Millionen, Lens) bisher ein. Insgesamt haben schon zwölf Spieler den Klub verlassen.
Natürlich bleibt von dieser Summe bei weitem nicht alles nur für die Hertha übrig. Doch auch die hohen Gehälter von Diego Demme (vertragslos) und Michal Karbownik (ablösefrei zu Basaksehir) konnte man einsparen. Trotzdem wurde die abermalige Hoffnung der Fans, zum Start der Vorbereitung mit einem weitestgehend vollständigen Kader loszulegen, ein weiteres Mal nicht erfüllt. Der Berliner Sommer wird mal wieder ein langer.
Selbst die Prognosen der eigenen Belegschaft trafen nicht ein. Trainer Stefan Leitl, der trotz Job-Garantie nicht unumstritten aus der vergangenen Saison ging, sagte vor zwei Wochen hinsichtlich neuer Spieler: "Es wird bald etwas kommen. Davon gehe ich aus. Schön wäre es, wenn es Richtung Trainingslager passiert."
IMAGOHertha BSC und der Transfermarkt: "Jetzt liegt es am Verein, zu handeln"
Dieses hat die Hertha am vergangenen Freitag angetreten, am nächsten Sonntag geht es schon wieder zurück in die Hauptstadt. "Die Profile sind ganz klar vorgegeben. Es ist klar, was wir brauchen. Jetzt liegt es am Verein, zu handeln. Wir arbeiten dran und hoffen, dass wir bald etwas verkünden können. Wir müssen zunächst das Vakuum auf einigen Positionen schließen", ließ der seit Februar 2025 tätige Leitl, dessen Punkteschnitt nach 50 Partien bei 1,58 liegt, noch wissen.
Her müssen in erster Linie ein treffsicherer Stürmer sowie ein Linksverteidiger. Im Angriff ist nach der längerfristigen Adduktorenverletzung von Luca Schuler derzeit nur noch Sebastian Grönning übrig - in der Vorsaison fungierte der 29-Jährige als Stürmer Nummer drei. Hinzu kommt noch das 18-jährige Talent Niklas Hildebrandt.
Hinten sieht's noch dürftiger aus. Einen gelernten Linksverteidiger mit Profivertrag findet man aktuell nicht im Kader. In den bisherigen Testspielen mussten bereits der offensive Flügelspieler Gustav Christensen (ein Rechtsfuß!) sowie der 17-jährige Mayson Grothe aushelfen, der auf dieser Position zwar zu Hause ist, aber erst bei drei mickrigen Spielen steht - für Herthas U19.
Getty ImagesTrotz Top-Budget: Hertha BSC muss sich neu erfinden
Auch eine neue Nummer eins soll trotz dreier Keeper im Kader noch verpflichtet werden. Mittelfeldspieler Paul Seguin, der zu den wichtigsten Akteuren des Teams zählt, brachte es zuletzt auf den Punkt: "Wir haben sehr viel Qualität verloren. Wir werden versuchen, alle ruhig zu bleiben."
Es bleibt Spielern wie Klub auch gar nichts anderes übrig, als einen langen Atem zu haben und sich in Geduld zu üben. Die Hertha, wer hätte es gedacht, erfindet sich ganz nebenbei wieder einmal neu. Diesmal unfreiwillig, sie muss es tun.
Immerhin: Dass es vorangeht, zeigt auch die Tatsache, dass man anders als im Sommer 2025 nicht um die Lizenz für die 2. Liga bangen musste. Zudem wird Hertha erneut mit einem Budget an den Start gehen, das sich viele Ligakonkurrenten nicht leisten können und darüber hinaus "sehr ambitioniert ist und uns natürlich auch ermöglicht, unter die Top drei zu kommen", wie Finanzgeschäftsführer Ralf Huschen erklärt hatte.
IMAGOEin ehemaliger Hoffenheimer zieht Hertha BSC auf links
Dieses geht jedoch einher mit dem eingeschlagenen Konsolidierungskurs. Trotzdem ist damit die Hoffnung verbunden, die Rückkehr ins Oberhaus im vierten Versuch zu schaffen. Mit einer Mannschaft, die zwar noch längst nicht steht und sich ohnehin erst finden muss, aber endlich wirtschaftlich deutlich ausbalancierter daherkommen wird.
"Wir müssen daran glauben, dass die Strategie greift. Dieser Verein hat es verdient, dass wir es seriös und solide machen", warb Peter Görlich beim kürzlichen Saisonauftakt um Nachsicht. Seit September ist der 59-Jährige, der zuvor fast sechs Jahre in selber Funktion bei der TSG Hoffenheim arbeitete, Herthas Geschäftsführer.
Er ist derjenige, der den Hauptstadtklub, der im auf Platz sieben abgeschlossenen Vorjahr nie in den Top-5 der Liga stand, auf links zieht. Scouting, Analyse, Kaderplanung, medizinisch Abteilung - alles steht auf dem Prüfstand. "Uns fehlt eine strukturelle Schärfe", hatte Görlich auf der Mitgliederversammlung Ende April verkündet. Er will Entscheidungsprozesse ganzheitlicher aufstellen und die Last auf mehr Experten verteilen. Denn: "Wir sind in vielen Dingen inhaltlich nicht klar genug."
IMAGOWie sieht das Auftaktprogramm von Hertha BSC aus?
Görlich selbst kann man das nicht vorwerfen, seine Ansagen waren unmissverständlich. "Wir sind darauf angewiesen, Transfererlöse zu generieren. Nichts ist hier unverkäuflich. Wir brauchen keinen Neuanfang. Wir können uns einen Neuanfang auch gar nicht leisten. Aber wir brauchen eine ganz klare Präzisierung", sagte er.
Die ist jetzt allmählich aber auch bei der Mannschaft vonnöten. Zumal mit den beiden Innenverteidigern Linus Gechter und Marton Dardai sowie Rechtsaußen Marten Winkler noch drei Profis schwer mit einem Abgang liebäugeln. Das Umfeld ist längst nervös geworden, wohl nicht nur wegen des Auftaktprogramms: Dem Auswärtsspiel im Bochumer Ruhrstadion folgt ein Auftritt vor eigenem Publikum gegen Bundesliga-Absteiger Heidenheim, dann geht's zu Drittligist Saarbrücken im Pokal.
Die Dynamik des Transfermarkts ist zwar stets eine besondere und das Fenster auch lange noch nicht geschlossen. Dem eigenen Zeitplan hängt die Hertha im Moment aber hinterher. Einen Neuen konnte man zuletzt allerdings doch noch präsentieren: Andreas Schumacher, zuletzt beim 1. FC Magdeburg, verstärkt als Co-Trainer das Team um Leitl.


