Rund eine Woche lang ist das Transferfenster noch geöffnet – und zwei Dinge erscheinen ziemlich sicher: Der FC Barcelona wird noch einen Mittelstürmer verpflichten. Und dieser Mittelstürmer wird nicht Julian Alvarez von Atletico Madrid sein.
Für beide Annahmen gibt es Belege, denn die Beteiligten haben sich dazu geäußert: "Wir werden uns darüber unterhalten", sagte Barca-Trainer Hansi Flick auf der Pressekonferenz nach dem 5:0-Auftaktsieg in LaLiga in Elche, als er nach der Verpflichtung eines Neuners gefragt wurde. "Deco und ich sprechen oft darüber, was wir noch machen können und was für uns wichtig ist", sagte er mit Blick auf seinen Sportdirektor.
Der muss kreativ werden, denn die Zeit drängt, nachdem sich die Katalanen lange darauf verlassen hatten, dass sie Alvarez von Atletico loseisen können. Der argentinische Weltmeister will unbedingt zu Barca – und Barca will ihn unbedingt. Aber die Colchoneros spielen nicht mit: "Wir hatten nie die Absicht, ihn zu verkaufen. Er ist Spieler von Atletico Madrid und steht dem Trainer zur Verfügung", sagte Atletico-Präsident Enrique Cerezo, der auf Barcelona ohnehin nicht gut zu sprechen ist und dem Klub im Werben um Alvarez mangelnden Respekt vor dem Liga-Rivalen vorgeworfen hat.
Wie geht Atletico Madrid mit Julian Alvarez um?
Alvarez, der im zweiten Saisonspiel Atleticos am Wochenende eingewechselt und von den eigenen Fans ausgepfiffen wurde, sollte Druck auf seinen Klub machen – doch diese Vorgehensweise brachte nicht den aus Barca-Sicht gewünschten Erfolg. Atletico bleibt störrisch, Alvarez soll bleiben oder zumindest nicht zu einem Liga-Rivalen gehen. Dass die Blaugrana den von den Colchoneros aufgerufenen Preis zahlen können, erscheint ohnehin schwer vorstellbar, denn schließlich lehnte Atletico auch schon ein 150-Millionen-Euro-Angebot von Real Madrid für ihn vor der WM ab.
IMAGODeshalb muss sich Barca nun schnellstens darum kümmern, dass ein Plan B zur Verpflichtung eines Strafraumstürmers führt. Auf diese Drucksituation konnte sich der Verein dabei lange vorbereiten, denn die beiden einzigen Neuner des Flick-Kaders der vergangenen Saison verabschiedeten sich nicht gerade spontan.
Bereits während der abgelaufenen Spielzeit war klar, dass der auslaufende Vertrag des inzwischen 38 Jahre alten Robert Lewandowski nicht verlängert wird, der schließlich zu Chicago Fire wechselte. Und Ferran Torres, der zweite gelernte Mittelstürmer, steuerte mit seinen Forderungen nach einer deutlichen Gehaltserhöhung schon vor dem spanischen WM-Triumph auf eine Trennung zu, da die Blaugrana nicht ihr ohnehin chronisch angespanntes Gehaltsgefüge sprengen wollten. Bevor Barca ihn im kommenden Sommer ablösefrei hätte ziehen lassen müssen, verkaufte der Klub ihn nun lieber für rund 50 Millionen Euro an Paris Saint-Germain.
Aufgrund des Alters von Lewandowski und der Vertragssituation von Ferran Torres sind beide Entscheidungen nachvollziehbar – und doch fehlen Barca nun insgesamt 30 Liga-Tore aus der vergangenen Saison und die Option, ein robuste Anspielstation im Strafraum aufbieten zu können. Denn einen weiteren Neuner gibt es im Flick-Kader nicht.
Die Notlösung des deutschen Trainers? In Elche stellte er mit Raphinha einen Flügelspieler vorne rein, auch Lamine Yamal, Fermin Lopez und Dani Olmo haben in der Vergangenheit schon einmal auf dieser Position ausgeholfen. Auch Karim Adeyemi könnte notfalls aushelfen. Eine langfristige und erfolgversprechende Lösung, wenn es in der Liga gegen die großen Rivalen und in der Champions League um den Henkelpott geht, sieht aber anders aus.
Setzt Barcelona auf den Domino-Effekt?
Also soll noch ein Mittelstürmer her – und am liebsten natürlich eine große Lösung und am allerliebsten Julian Alvarez. Der wird bei Arsenal ebenfalls gehandelt, auch wenn er selbst angeblich keine Lust auf einen Wechsel zu den Gunners hat. Sollte er doch in London landen, könnte Barca den Domino-Effekt nutzen und sich selbst Viktor Gyökeres von Arsenal schnappen.
Er wird genauso bei den Katalanen gehandelt wie zuvor auch Lautaro Martinez von Inter Mailand. Dessen Klub machte aber am Wochenende genauso klar wie Atletico, dass aus einem Transfer zu Barca nichts wird. "Wir wollen auf keinen Fall und unter keinen Umständen auf Lautaro verzichten. Darüber sollte man gar nicht erst sprechen", sagte Inter-Präsident Beppe Marotta bei DAZN.
Löst Nicolo Tresoldi das große Problem des FC Barcelona?
Bleiben aktuell wohl nur noch die vermeintlich kleinen Lösungen, zu denen auch ein gewisser Nicolo Tresoldi von Club Brügge gehört.
Die deutsche Stürmerhoffnung dürfte zeitnah seine erste Einladung von Neu-Bundestrainer Jürgen Klopp fürs DFB-Team erhalten, schließlich macht er aktuell genau da weiter, wo er in der vergangenen Saison aufgehört hat: Nämlich mit Tore schießen. Den 22 Pflichtspieltoren (und acht Vorlagen) aus seiner Debüt-Saison ließ er nun schon vier Treffer in den ersten vier Pflichtspielen folgen.
Das ist ein kaum zu vernachlässigendes Bewerbungsschreiben - für Klopp und auch für Barca. Übereinstimmenden Medienberichten zufolge strecken die Katalanen tatsächlich ihre Fühle nach dem deutschen Shootingstar aus. Und warum auch nicht: Aktuell wird mit Christos Tzolis ein anderer ehemaliger Brügge-Kicker beim FC Arsenal zum neuen Publikumsliebling. Bedeutet: Nur weil ein Spieler "nur" in Belgien viele Tore und Vorlagen beisteuert, bedeutet das nicht, dass er nicht auch in einer Top-Liga bestehen kann.
Tresoldi lieferte diesbezüglich mit sechs Toren und vier Vorlagen in zehn Spielen schon bestes Beweismaterial in der Champions League ab. Neben Tresoldi soll auch Luis Suarez von Sporting Lissabon noch auf der Kandidatenliste von Barca stehen.
Barca steckt in einer kolossalen Zwickmühle und ist historisch vorbelastet
Beide wären wohl für über 30 Millionen Euro Ablösesumme fest zu haben. Womöglich aber auch für deutlich mehr, schließlich dürften Brügge und Sporting von der bedrohlichen Zwickmühle der Katalanen mitbekommen und den Preis ihrer Goalgetter entsprechend in die Höhe treiben.
Bei Tresoldi etwa berichtet die Sport, dass Brügge nur Angebote nahe der 50-Millionen-Marke in Betracht ziehe. Zu groß sei das Interesse am 22-Jährigen mittlerweile in der Endphase des Transferfensters. Schon vor einigen Wochen soll die AS Roma etwa mit einer 35-Millionen-Offerte gescheitert sein. Darüber hinaus wird Tresoldi auch immer wieder mit Manchester United, dem BVB und RB Leipzig in Verbindung gebracht.
Fraglich, ob Barca tatsächlich 50 Millionen Euro für eine aus Sicht der Katalanen B-Lösung investiert. Ein weiterer Faktor, weshalb Barca womöglich doch auf einen kostspieligen Stürmertransfer verzichten könnte, ist die historische Vorbelastung. Denn mit den "kleineren" Lösungen auf der Mittelstürmer-Position haben die Katalanen in den vergangenen Jahren nicht unbedingt die besten Erfahrungen gemacht: Der für die Saison 2021/22 aus Sevilla ausgeliehene Luuk de Jong sammelte in der Liga nur 643 Einsatzminuten, der im Winter 2020 von Espanyol für 18 Millionen Euro geholte Martin Braithwaite war ein kolossaler Flop.
Groß investieren für einen gestandenen Stürmer, mit einer B-Lösung einen Fehlgriff riskieren – oder doch gezwungenermaßen die Füße stillhalten und auf ein Job-Sharing der aktuellen Barca-Spieler setzen? Die Transfer-Uhr tickt für den FC Barcelona.
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