Peter Stöger, so scheint es, ist durch nichts aus der Ruhe zu bringen. Als kurz vor dem Abflug zu seinem ersten Auswärtsspiel als Trainer von Borussia Dortmund beim FSV Mainz 05 am Dortmunder Flughafen ein kleiner Fan ein Foto mit dem neuen BVB-Trainer haben wollte, blieb der Österreicher natürlich stehen. Auch wenn dieser Junge anscheinend gar kein BVB-Anhänger war, sondern stattdessen eine Mütze mit Emblem des FC Bayern trug, lächelte Stöger freundlich in die Kamera und schmunzelte über die Situation. Eine Eigenschaft, die es ihm auf der Bank des BVB vielleicht etwas einfacher machen wird.
Drei Millionen Euro für Stöger?
Rund läuft es auf dem Platz schließlich nicht. Das Spiel am Wochenende gegen Werder Bremen war ein spielerischer Offenbarungseid der Mannschaft und der letzte Auftritt von Peter Bosz an der Seitenlinie. Nun soll ausgerechnet mit dem "Drei-Punkte-Trainer", wie sich Stöger selbst nennt, eine Trendwende erfolgen.
Aber kann Stöger die überhaupt herbeiführen? Immerhin war es ihm mit dem 1. FC Köln in 13 Spielen nicht gelungen, einen Sieg einzufahren. Er wirkte oft ratlos und verzweifelt. Immerhin: Seine Mannschaft spielte oft besser, als es das Ergebnis am Ende aussagte. Allerdings war sein Start beim BVB nicht gerade rosig. Das erste Kennenlernen fand im Fitnessbereich statt, weil der Trainingsplatz aufgrund des Schneefalls nicht bespielbar war. So hatte er erst ein richtiges Training mit der Mannschaft auf dem Feld. Nicht die besten Voraussetzungen für den Start des neuen Trainers.
Defensive ist Dortmunds größtes Problem
Das weiß auch Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke, der die Aufgabe am Sonntag als "ambitioniert" beschrieb. Das Ziel ist dennoch klar: "Die Trendwende möglichst schnell schaffen." Dafür hat Stöger genau drei Spiele Zeit. Heute in Mainz, am Samstag im Heimspiel gegen die TSG Hoffenheim und am kommenden Mittwoch im DFB-Pokal beim FC Bayern. Auch dieses Programm könnte leichter sein. Immerhin: Stöger weiß genau, woran er mit Hochdruck arbeiten muss.
Die Defensive der Borussia ist seit Wochen so löchrig wie ein Schweizer Käse. Schon 38 Gegentore kassierte der BVB in den bisherigen Pflichtspielen der Saison. "Peter hat gezeigt, dass seine Mannschaften eine große Stabilität auszeichnen. Das ist genau das, was uns derzeit fehlt", sagte Sportdirektor Michael Zorc. "Wir erhoffen uns von Peter und seinem Team, dass wir das schnell hinbekommen."
Dass der Österreicher das kann, hat er in den Jahren beim 1. FC Köln bewiesen. Er stieg mit dem "Effzeh" auf und führte ihn in die in Europa League. Die Defensive war über viele Jahre hinweg das Prunkstück der Kölner. Bester Beleg dafür: Die Offensivmaschinerie von Borussia Dortmund brachte es in sechs Spielen gegen die Stöger-Kölner nicht fertig, einen Sieg einzufahren. Und auch der FC Bayern tat sich regelmäßig schwer. Stöger machte sich im Laufe der Jahre einen Namen als Defensivtrainer. Oft spielten seine Mannschaften im kompakten 4-4-2-System. Auch der BVB?
Der defensiven Stabilität der Borussia wäre es wohl zuträglich. Arbeiten muss der Wiener mit seiner neuen Mannschaft aber vor allem an einer stabilen Verteidigung. Unter Bosz fiel immer wieder auf, dass die Spieler nicht konsequent das Pressing und Gegenpressing durchführten und so oft in Bedrängnis gerieten - weil zudem zu oft auf den Ball und nicht auf die Gegenspieler geachtet wurde. Dies muss Stöger seinen neuen Spielern schnell austreiben und die Mannschaft wieder auf ein gewisses Defensivniveau bringen. Sehr wahrscheinlich, dass der 51-Jährige auf ein etwas zurückgezogeneres Pressing setzt.
Risse in der Mannschaft des BVB
Stöger allerdings allein auf die Defensive zu reduzieren, wird ihm auch nicht gerecht. In der Meistersaison mit Austria Wien etwa begeisterte seine Mannschaft mit einem dynamischen Offensivfußball, dem selbst RB Salzburg mit der Pressingmaschine von Roger Schmidt nicht gewachsen war. Auch darauf hoffen sie in Dortmund. Trotz des entsprechenden Spielermaterials waren die Borussen nämlich zuletzt ungemein ungefährlich und ideenlos im vorderen Bereich des Spielfelds unterwegs. Echte Torchancen waren Mangelware. Das soll sich nun wieder ändern. Eine klare Spielidee soll sich etablieren.
GettyDas neue BVB-Dreigestirn: Hans-Joachim Watzke, Peter Stöger, Michael Zorc (von links)
Um spielerisch überhaupt etwas ändern zu können, muss Stöger zunächst das Innenverhältnis in der Mannschaft wieder geraderücken. Denn, das kam durch die Blume sowohl bei Marcel Schmelzers flammenden Appell an die Mannschaft als auch bei Zorcs Ausführungen am Sonntag durch, das ist derzeit nicht gerade rosig. Schmelzer sah sich genötigt, die Charakterfrage zu stellen. Aber der neue Trainer habe Stöger in Köln bereits gezeigt, dass er "Risse kitten" (Zorc) kann. "In dieser Phase geht es darum, mit den Jungs zu sprechen, Problemzonen herauszufinden", sagte Stöger am Sonntag. Viel Zeit dafür bleibt ihm allerdings nicht.
Bei seinen ehemaligen Spielern war Stöger stets beliebt, weil er sie in wichtige Entscheidungen bezüglich Taktik und Spielsystem einbezog. Nach seinem Aus beim 1. FC Köln verabschiedeten sich viele Spieler mit emotionalen Botschaften in den sozialen Medien von ihrem Ex-Trainer. Auch bei den Fans war er beliebt, weil er sich mit Haut und Haaren mit dem Verein und der Stadt identifizierte. Stöger gilt als Menschenfänger, wie es Klopp einmal beim BVB war.
Ihm trauen sie in Dortmund deshalb zu, die gekippte Stimmung noch kurz vor Weihnachten zu retten. Das Wichtigste aber ist das, was auf dem Platz passiert. Und da hat Watzke einen klaren Auftrag an den Österreicher: "Wir sollten das realistisch angehen und erstmal sehen, dass wir ein paar Punkte holen." Am besten schon heute beim Auswärtsspiel in Mainz.






