Am Horizont läutet die feuerrote Sonne einen lauen Sommerabend ein, der sanfte Wellengang benetzt gleichmäßig die Felsen des Festlandes, um sich langsam wieder zurückzuziehen. Ein altes, gebrechlich wirkendes Fischerboot treibt allein einige Meter vom Strand im klaren Wasser, während sich in den engen Gassen von Capo d’Orlando emsige Touristen auf die Suche nach dem besten Carpaccio Siziliens gemacht haben.
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Eine Szenerie, die an kühle Cocktails, frischen Fisch und luftige Abendkleider erinnert, entwickelte sich für Baldo Di Gregorio vor nicht allzu langer Zeit zu einem echten Fußball-Albtraum. 13 Jahre nachdem der er auf einer Talente-Liste des englischen Fußballmagazins FourFourTwo auf dem 19. Rang - und damit acht Plätze vor einem gewissen Arjen Robben – gelandet war.
Aber der Reihe nach: Baldissario, wie Di Gregorios Vorname vollständig lautet, wird 1984 im hessischen Offenbach geboren und stellt recht schnell sein Talent unter Beweis. Zunächst bei den ortsansässigen Kickers, später bei der berühmten Eintracht im benachbarten Frankfurt. Seine Ruhe am Ball, die herausragende Übersicht und die unbändige Leidenschaft im Zweikampf bringen ihm während seiner Zeit bei den Adlerträgern gar den Beinamen "hessischer Beckenbauer" ein. Ein Vergleich, der – wie sich rückblickend herausstellt – mehr Bürde denn Ehre, Last statt Ansporn sein sollte.
GoalMit 15 Jahren hat sich der Deutsch-Italiener sogar über die Grenzen der Bundesrepublik hinaus einen Namen gemacht, wird heftig vom FC Barcelona umworben. Di Gregorio erteilt den Katalanen und damit La Masia, der wohl berüchtigsten Talentschmiede der Welt, eine Absage. "Ich brauchte meine Familie und wollte nicht weg", erklärte der Abwehrmann später im Interview mit Spox.com seine damalige Entscheidung, um später allerdings klarzustellen: "Mein größter Fehler war einfach Barcelona. Wenn ich noch einmal die Chance hätte, würde ich sogar zu Fuß dorthin laufen. Damals habe ich es nicht gemacht. Aber man kann die Zeit nicht zurückdrehen."
Zwangsläufig dürfte sich Di Gregorio die Was-wäre-wenn-Frage nicht nur einmal gestellt haben, stagniert sein so schnell aufgegangener Stern doch kurz nach seinem Entschluss, den Lockrufen aus Barcelona zu widerstehen. Bei der SGE setzt sich der Verteidiger nicht durch, weil Trainer Willi Reimann offenbar keine allzu hohe Meinung von den Qualitäten des Eigengewächses hat, dem Emporkömmling, der sogar in der U19-Auswahl des DFB zum Einsatz kommt, keine Spielzeit einräumte.
Die Chroniken des Scheiterns
Was auf seine überraschende Nichtetablierung bei den Profis folgt, liest sich wie eine Chronik des Scheiterns. Di Gregorio wechselt aus der Mainmetropole ins rund 160 Kilometer östlich gelegene Schweinfurt, um in der Regionalliga Erfahrung zu sammeln, steigt mit den Schwarz-Rot-Grünen allerdings prompt in die Oberliga ab. Zwei Jahre später der nächste Rückschritt, als er sich dem Verbandsligisten Hammer SpVg anschließt, um noch im selben Jahr nach Bulgarien abzuwandern.
"Ich dachte mir, schlimmer als Verbandsliga kann es eh kaum werden, und dann sind wir da hin", so Di Gregorio zu seinem südosteuropäischen Intermezzo , das durch seinen ehemaligen Co-Trainer bei Frankfurt, Peter Hubchev, in die Wege geleitet wurde. Eben jener Hubchev , damals Coach von Slavia Sofia, wird jedoch kurz darauf entlassen. Ein Ereignis, das den Defensivspezialisten dazu bewegt, zurück nach Deutschland zu kehren, immerhin mit dem Bewerbungsschreiben, für einen Erstligisten aufgelaufen zu sein, im Gepäck.
Über Eschborn landet Di Gregorio letztlich bei Rot-Weiß Ahlen, mit denen er 2008 in die 2. Bundesliga aufsteigt. Für die Westfalen steht er insgesamt 116-mal auf dem Platz, bleibt mit vier Jahren für seine Verhältnisse ungewöhnlich lange. 2010 absolviert er noch einige Zweitliga-Einsätze für Arminia Bielefeld, ehe er einen neuerlichen Auslandsaufenthalt in seine Vita aufnimmt. Beim Gostaresh FC im Iran hält es Di Gregorio erneut nur ein halbes Jahr aus, kommt schnell zurück in die Heimat. Nach weiteren nicht nennenswerten Kurzstopps in Deutschland, dann der Transfer ans eingangs bereits erwähnte Capo d’Orlando, zum NFC Orlandina, nach Italien.
GettyBaldo Di Gregorio (3. v. r. stehend) spielte für die U19-Auswahl des DFB Neben ihm wechseln weitere Spieler aus Deutschland nach Sizilien, die Di Gregorios Angaben zufolge alle „mindestens Regionalliga- oder Oberligaformat“ aufwiesen. Doch wieso ausgerechnet ein viertklassiger Klub am südlichsten Zipfel des Stiefels? Der Hintergrund des Massenwechsels ist der ukrainische Trainer Wiktor Passulko, in den Achtzigerjahren als Spieler zweifacher sowjetischer Meister. "Ich habe mich mit Marco Quotschalla bei der Vereinigung der Vertragsfußballer fit gehalten. Der ist ein guter Freund von Passulkos Sohn", stellt Di Gregorio im Gespräch mit Vice Sports dar und konkretisiert: "Der sportliche Leiter beim NFC Orlandina war auch Deutsch-Italiener. Und dann ging es ratzfatz."
Zwielichtiger Präsident, unprofessionelle Bedingungen
Der Verein von der Mittelmeerinsel befindet sich 2014 im Umbruch, hat sich selbst hohe Ziele gesetzt, die mit Legionären bewerkstelligt werden sollen. "So wie die mit uns gesprochen haben, hat es sich angehört, als wollten die die nächsten vier Jahre aufsteigen und dann die Champions League gewinnen", sagt Di Gregorio, mittlerweile wissend, dass nicht nur aufgrund des mediterranen Klimas ausschließlich heiße Luft rund um den Verein herrscht. Der Präsident des kleinen Klubs ist gleichzeitig auch Politiker, ein windiger dazu. "Wir dachten nicht, dass der uns verarscht. Wir dachten: Wenn irgendetwas an die Presse kommt, bekommt er als Politiker natürlich Stress."
Stress sollte es derweil zunächst ausschließlich für die Spieler geben. "Die haben gesagt: Wir können Euch nur 80 Prozent zahlen. Die Auszahlung der restlichen 20 Prozent haben sie zweimal verschoben. Dann ging das zweite Monatsgehalt natürlich auch flöten", schildert Di Gregorio. Und führt seine Albtraum unter Palmen aus: „Die eine Hälfte der Klamotten hat gefehlt, die andere Hälfte war nass und hat gestunken, weil die Waschmaschine ständig kaputt war. Nach dem zweiten Monatsgehalt, das nicht gezahlt wurde, haben wir deutschen Spieler die Reißleine gezogen." Kurz darauf landet der zwielichtige Klub-Boss "wegen Waffenschmuggels" im Gefängnis.
Und heute? Heute ist Di Gregorio 33 Jahre alt, besitzt einen Trainerschein. Das einstige Top-Talent coacht den Frankfurter Verein SpVgg Oberrad 05 in der Verbandsliga Hessen Süd. In der Nähe seiner Wiege, fernab von Palmen und einer imposanten Strandpromenade, allerdings auch weit weg vom FC Barcelona, der ihm einst die Tür zu einem anderen Leben geöffnet hatte.
