Frühjahr und Sommer 2024 waren für Kehl dann aus persönlicher beruflicher Sicht ziemlich schwierig. Dass er gerne nach Hans-Joachim Watzkes Rückzug in den Posten als Geschäftsführer Sport aufgerückt wäre, ist kein Geheimnis. "Es wäre für mich ein logischer Schritt", hatte Kehl im März 2024 im Sport1-Doppelpass zu seinen Ambitionen gesagt. Doch statt Kehl wurde im Mai 2024 schließlich dessen ehemaliger Mitspieler Lars Ricken vom Nachwuchsleiter zum neuen Sportchef befördert.
Und dann wurde Kehl auch noch Sven Mislintat, heute Sportvorstand bei Fortuna Düsseldorf, als neuer Kompagnon in der sportlichen Verantwortung zur Seite gestellt. Eine Konstellation, die wohl von Beginn an zum Scheitern verurteilt war, schnell Unstimmigkeiten hervor rief und im vorzeitigen Abschied Mislintats im Februar 2025 mündete.
Zu jenem Zeitpunkt war auch Nuri Sahin schon wieder weg, den der BVB Anfang 2024 als Co-Trainer von Terzic zurück in den Verein geholt und ein halbes Jahr später zum Chefcoach befördert hatte. Eine Entscheidung, an der Kehl natürlich maßgeblich beteiligt war, der Sahin aus gemeinsamen Spielerzeiten bei der Borussia bestens kennt. "Nuri hat sehr leidenschaftlich und sehr intensiv gearbeitet und sich total bemüht, aber die Dinge haben in einer gewissen Zeit nicht zusammengepasst", sollte Kehl im Mai 2025 im Sport1-Doppelpass zugeben müssen.
Schon nach rund einem halben Jahr wurde Sahin entlassen, da der BVB konstant nicht überzeugte und die Champions League zu verpassen drohte. Dabei war Dortmunds Sommertransferfenster 2024 noch so gelobt worden.
Mit Serhou Guirassy kam mit zwei Jahren Verspätung endlich der Mittelstürmer, der Haaland zumindest ansatzweise vergessen machen konnte. Zudem holte Kehl mit Waldemar Anton, Maximilian Beier und Pascal Groß drei deutsche Nationalspieler nach Dortmund. Wenngleich Groß Anfang 2026 schon wieder nach Brighton zurückkehrte, waren es allesamt auch im Rückblick gute Verpflichtungen, schließlich zählen Anton, Beier und Guirassy derzeit zu den wichtigsten Spielern der Borussia. Beier machte es möglich, Donyell Malen Anfang 2025 für 25 Millionen Euro an Aston Villa zu verkaufen. Anton trat das schwere Erbe von Vereinsikone Mats Hummels, der 2024 keinen neuen Vertrag mehr bekam, mindestens zufriedenstellend an. Und Guirassy liefert trotz einiger Störgeräusche und der einen oder anderen Schwächephase zumeist zuverlässig Tore.
Zudem ist es Kehl gelungen, den Fehler mit Sahin mit der Installation von Kovac auszubügeln. Der Kroate sorgte dafür, dass Dortmund vergangene Saison doch noch die Champions League erreichte, stabilisierte die Mannschaft merklich und in dieser Spielzeit tütet der BVB die Qualifikation für die Königsklasse aller Voraussicht nach ziemlich sorgenfrei ein.
Dennoch hatten die jüngsten Transferperioden auch ihre Missgeschicke. Bei Yan Couto ließ sich Dortmund beispielsweise bei der Leihe von Manchester City im Sommer 2024 auf eine ziemlich schnell erreichte Kaufpflicht ein. So musste der BVB für den Rechtsverteidiger, der in seinen bisher gut eineinhalb Jahren in Westfalen nie konstant überzeugen konnte und meist nur Rotationsspieler ist, insgesamt 25 Millionen Euro Ablöse zahlen.
Für die bessere Breite auf der Innenverteidigerposition kam vergangenen Sommer Aaron Anselmino per Leihe vom FC Chelsea, nach nur wenigen Einsätzen musste der Argentinier im Winter aber schon wieder zurück zu den Blues und wurde nach Straßburg weiter verliehen. Sehr lobenswert war derweil das Schnäppchen mit Daniel Svensson, für den Dortmund insgesamt nur acht Millionen Euro zahlte und der auf der linken Seite Mr. Zuverlässig ist.
Und dann wären da noch ein paar ziemlich teure Transfers, für die der BVB Kehl in Zukunft noch sehr dankbar sein könnte. Jobe Bellingham war beispielsweise im vergangenen Sommer einer der absoluten Wunschspieler des 46-Jährigen, die Borussia setzte sich im Werben um das Mittelfeldtalent gegen namhafte Konkurrenz durch und erhielt letztlich für 30,5 Millionen Euro Ablöse den Zuschlag. Die ersten Monate von Bellingham beim BVB waren dann geprägt von Problemen und meist unbefriedigenden Leistungen, doch das Potenzial des 20-Jährigen ist enorm - und war zuletzt immer häufiger deutlich sichtbar. Bellinghams Einsatzzeit ist gestiegen, ebenso wie seine Stabilität und sein Mehrwert für die Mannschaft. An diesem Jungen könnte Dortmund in den kommenden Jahren noch ganz viel Freude haben.
Das gilt potenziell auch für Fabio Silva, der als Backup und mittelfristig möglicher Nachfolger von Guirassy aus Wolverhampton kam. Und auch für Carney Chukwuemeka, der seine herausragenden Anlagen in Ansätzen immer wieder zeigt. Sollte er dauerhaft verletzungsfrei bleiben, könnte es sich gelohnt haben, dass Kehl den Mittelfeldmann nach hartnäckigen Bemühungen fest vom FC Chelsea zum BVB lotsen konnte.
Wer auch immer auf Kehl folgen sollte: Falls nach Nmecha auch noch Schlotterbeck verlängert, findet er beim BVB einen Kader mit viel Qualität und mit der nötigen Substanz wieder, der mit der einen oder anderen hochwertigen Ergänzung große Ziele verfolgen kann. Mit den Entscheidungen, die Verträge von Julian Brandt, Salih Özcan und Süle nicht zu verlängern, ist in der Struktur ein kleiner Umbruch nötig. Worauf sich Dortmund in Sachen Neuzugänge vorerst fokussieren sollte: Ein Unterschiedsspieler als Ersatz für Brandt und ein weiterer Innenverteidiger, der die Breite im Abwehrzentrum gewährleistet und möglichst mehr die Spitze bereichern kann als Süle zuletzt. Alles Weitere hängt auch von den noch offenen Zukunftsentscheidungen bei Topstars wie Karim Adeyemi oder Guirassy ab.