HINTERGRUND
Der Transfermarkt ähnelt manchmal einem mittelalterlichen Basar. Aufgeregt wird gefeilscht, hektisch werden Deals unter Dach und Fach gebracht und alle beteiligten Versuchen manchmal am Rande des Legalen das Beste für sich herauszuschlagen: In der Fußballbranche sind das Berater, Vereine und Spieler. Es fließen Millionen, oft viel zu viele, wenn man die Klasse der Protagonisten genauer unter die Lupe nimmt. Fernab vom bunten Treiben aber widersetzt sich ein Verein den Gesetzen des Marktes und bastelt in aller Seelenruhe im stillen Kämmerlein an Upgrades des Kaders. Die Rede ist von der AS Monaco.
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Denn während alle Welt dem französischen Meister nach bereits begonnenem Ausverkauf einen tiefen Fall prophezeit, machen die Fädenzieher in aller Ruhe ihre Arbeit, fädeln geschickt kluge Transfers ein und kommen unter der Ägide des grimmig wirkenden Feldherrn und Meistertrainers Leonardo Jardim so gar nicht aufgeregt daher.
"Jeder Spieler ist ersetzbar. Wir haben genug Zeit, um auch seinen Abgang zu kompensieren", sagte der Portugiese, nachdem sein Landsmann Bernardo Silva zu Manchester City gewechselt war. Saftige 50 Millionen Euro haben die Verhandlungsmeister der Monegassen dafür aus dem Konto der Citizens gepresst. Eine Wahnsinnssumme, die man zu Teilen bereits klug reinvestiert hat.
Tielemans als Königstransfer
Da wäre zum Beispiel der Transfer von Youri Tielemans, der erst 20 Jahre alt ist und dennoch in Anderlecht längst Führungsspieler und Anführer war. Ein Akteur, der von halb Europa gejagt wurde und bei dessen Berater in den vergangenen Jahren Offerten von allen Premium-Klubs auf dem Schreibtisch landeten. Für nur 25 Millionen Euro hat man sich die Dienste eines Strategen und Führungsspielers gesichert, weil man ihm Perspektive aufzeigte.
Denn Jardim und Co. sind nach dem kopflosen Verprassen von Millionen von Euro unter der Führung von Eigentümer Rybolowlew, der schnellen Erfolg erkaufen wollte, zu einer gänzlich differenten Strategie übergegangen, die man sauber und bedacht durchsetzt. Es wurde in den Nachwuchs investiert, Neuzugänge sollen jung und entwicklungsfähig sein.
Mit rasantem Offensivfußball – man stellte die beste Offensive der vier Top-Ligen – eroberte die AS die Herzen von Fans in ganz Europa. Und der Plan ist noch lange nicht am Ende angelangt. Zwar ist Silva schon weg, bei Juwel Kylian Mbappe, Benjamin Mendy, Fabinho, Tiemoue Bakayoko und Thomas Lemar reißen die Gerüchte über den Abgang aus dem Fürstentum nicht ab. Und dennoch ist man ganz ruhig. Denn es kam ja nicht erst ein Spieler mit Zukunft.
Getty ImagesKluge und umsichtige Transfers
Terence Kongolo, für 15 Millionen von Feyenoord Rotterdam losgeeist, ist ein weiteres Beispiel für eine herausragende Transferpolitik. Der 23-Jährige ist taktisch hervorragend geschult, wird kaum Eingewöhnungszeit brauchen und passt zur Jardim'schen Horizontal-Taktik perfekt. Für 40 Millionen, weniger als man für Silva bekam, installierte man also bereits zwei komplexe Defensiv-Experten.
Soualiho komplettiert die Philosophie der bedachten Transfers. Der Franzose, der aus Belgien von Zulte Waregrem kommt und acht Millionen Euro kostet, wurde monatelang intensiv beobachtet und passt ebenfalls sehr gut zum Fußball, den Jardim sehen will, und ebenso zu Rotations-Maschinerie, die perfekt geölt im Süden der Grande Nation und sicherlich ein Grund für die bärenstarke Saison war.
Jordi Mboula und Jordy Gaspar sind zwei weitere Neue. Beide riesige Talente, die das Potenzial haben, schon in naher Zukunft Stars zu sein und dann für riesige Beträge weiterverkauft werden könnten. Mboula kommt vom FC Barcelona, er sorgte durch ein fulminantes Solotor in der Youth League gegen Borussia Dortmund für Furore. Dass er sich, mit 18 Jahren an der Schwelle zum Profi, für Monaco entschied, ist ein weiteres Zeichen dafür, dass sich längst herumgesprochen hat, dass Jardim ein Großmeister im Formen und Schleifen von Rohdiamanten ist – und dass er den Mut hat, blutjungen Talenten das Vertrauen zu schenken.
Ähnlich verhält es sich mit Gaspar. Bei Lyon galt der Rechtsverteidiger als Mann der Zukunft, in Monaco sieht er für sich aber die bessere Perspektive. Und so wechselt er von Olympique, berühmt für seine Jugendarbeit, zu Monaco, bis vor kurzem vor allem bekannt für irrwitzige Transfers. Diego Benaglio komplettiert die Aktivitäten, für null Euro kommt ein gestandener Bundesliga-Torwart. Ebenfalls ein Transfer mit Sinn.
Top-Manager und Vertrauen
Nimmt man die Neuen und das absolute Geschick bei Verhandlungen um Abgänge zusammen, ergibt sich ein Bild von absoluten Top-Managern, die betriebswirtschaftlich denken und vor allem: langfristig. Denn gehen weitere Leistungsträger wird Aktionismus dem Luxus-Stadtstaat weiter fernbleiben. Denn man weiß: Manchmal muss man sich kurz von der Spitze verabschieden, um dann, irgendwann später, zurückzukehren. Mit einem neuen Team voll von jungen Stars.
Die Taktik, mit der man im Fürstentum fährt ist sinnvoll wie genial. Alleine ein Mbappe-Transfer, ob jetzt oder in einem Jahr wird Unsummen an Geld auf die Konten spülen. Mit dem man sich dann wieder zuvor sorgfältig gescoutete Hoffnungsträger sichert, die man wie Edelmetalle im Boden aufspürt.
Und so lassen Jardim und Co. die Medien schreiben, die Klubs und Berater schreien, die Gelder quer und laut durch Europa schießen und lehnen sich in ihrem Hinterzimmer entspannt zurück. Weil sie wissen, dass sie das mittelalterliche und hektische Gebaren gar nicht nötig haben. Weil sie eine Plan haben. Und weil sie ein wie einen Schatz gehütetes Netzwerk in einer verschlossenen Schublade liegen haben, dem, das ist sicher, weitere Top-Talente entspringen werden, die dann in Monaco reifen sollen. Und werden.
Denn wie sagte Jardim vor einigen Monaten: "Nur mit Vertrauen werden gute Spieler zu großen Spielern." Und Vertrauen haben sie alle. In die eigene Arbeit. Und darin, dass der Plan der Umsichtigkeit aufgehen wird. So wie bisher, seit dem das große Umdenken stattfand.
