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GFX-Bayern-Feature-Ancelott.jpgGoal / Getty Images

FC Bayern München: Der Beginn des großen Umbruchs


HINTERGRUND

Aus dem Gästeblock fiel das Megafon in seine Hände hinab. Philipp Lahm packte es nach dem 6:0-Sieg des FC Bayern im Bundesligaspiel beim VfL Wolfsburg und läutete am Samstagabend die Meistersause auf dem Rasen der Volkswagen Arena ein. Er, der Kapitän, der schon im April betont hatte, dass eine Saison mit einem gewonnenen Titel nie eine schlechte sei, feierte und ließ sich feiern. "Deutscher Meister zu werden, ist bestimmt nicht selbstverständlich", sagte Lahm später im Stadioninneren.

Kommentar zum FC Bayern: Vorerst letzter Titel dieser Art?

Karl-Heinz Rummenigge verwies ein paar Meter weiter erneut darauf, dass die Schale der ehrlichste Titel und der aufgrund seines Ausmaßes historische Erfolg "etwas Außergewöhnliches" sei. "Bei Bayern München wird seit 2013 jedes Jahr das Triple verlangt. Wir sind jetzt 117 Jahre alt und in den 117 Jahren ist uns das genau einmal gelungen, nämlich 2013. Wir haben nicht diesen arroganten Anspruch, jedes Jahr das Triple zu gewinnen", meinte der Vorstandsboss.

Die Bayern vermittelten Zufriedenheit, nachdem sie zum fünften Mal in Folge Deutschlands Fußballthron erklommen hatten. Und zumindest für einen Moment schienen die ernüchternden Pleiten gegen Real Madrid und Borussia Dortmund vergessen.

Miralem Pjanic: "Saß bei Hoeneß auf der Couch"

Natürlich verdient der erneute Triumph Wertschätzung, gleichzeitig sind die Ansprüche im Umfeld des Rekordmeisters aber eben auch so hoch, dass es einen zweiten großen Erfolg braucht, um von einer sehr guten Saison zu sprechen. Diese Ansprüche haben sich die Bayern in der Vergangenheit verdient, durch harte Arbeit, Erfolg und wirtschaftliches Geschick haben sie ihren Status als Branchenführer gefestigt, sind der nationalen Konkurrenz mit Blick auf den Kader und die Finanzkraft weit enteilt.

Bayern blickt auf Madrid und Barcelona

An der Säbener Straße richtet sich der Blick spätestens seit dem Triple-Gewinn auf Barcelona und Madrid, nicht auf Dortmund oder Schalke. Die Entwicklung vom besten Team des Landes zum Big Player mit internationaler Strahlkraft ist längst geglückt. Drei Halbfinal-, jeweils eine Final- und Viertelfinalteilnahme sowie der Titelgewinn in den vergangenen sechs Jahren untermauern, wie beharrlich sich die Münchner an Europas Spitze festgesetzt haben.

"Auf Dauer", sagte Präsident Uli Hoeneß auch deshalb kürzlich gegenüber der Abendzeitung , "ist ein Titel schon ein bisschen wenig für uns." Beim FC Bayern wollen sie lieber kurz- als langfristig wieder dorthin, wo es sich Real Madrid und der FC Barcelona in den vergangenen drei Jahren gemütlich gemacht haben: auf den Königssessel. Eine ohnehin ambitionierte Mission, die in Zukunft sogar noch komplizierter ausfallen könnte als in der jüngeren Vergangenheit.

Viele offene Fragen beim FC Bayern

Seit Jahren steht der Stamm um erfahrene Spitzenspieler wie Lahm, Manuel Neuer, Jerome Boateng, David Alaba, Franck Ribery, Arjen Robben, Thomas Müller oder Robert Lewandowski. Nun aber werden mit Lahm und Xabi Alonso zwei Säulen wegbrechen, gleichzeitig neigt sich die Zeit von Ribery und Robben dem Ende zu. Der FC Bayern steht kurz vor dem Ende einer Ära und damit auch vor dem Beginn des großen Umbruchs. Es ist nicht vermessen, zu behaupten, dass der kommende Transfersommer ein Schlüsselereignis auf dem Weg in die Zukunft darstellen könnte.

Trainer Carlo Ancelotti hat bereits angekündigt, dass es "keine Revolution" geben werde. Rummenigge indes sprach am Wochenende erstmals von jenem "Umbruch", den man "sehr sorgfältig miteinander gehen" wolle. Und tatsächlich ist Sorgfalt das höchste Gebot bei all den offenen Fragen, die zeitnah geklärt werden müssen.

Wie etwa geht es weiter mit dem Posten des Sportdirektors, der seit dem Abgang von Matthias Sammer im vergangenen Sommer nicht mehr besetzt ist und den die Wunschkandidaten Lahm und Max Eberl nicht besetzen werden? Wie reagieren die Münchner auf die Rücktritte und nahenden Abgänge von vier Top-Spielern? Wie gehen sie mit dem wechselwilligen Douglas Costa um? Wie mit Thomas Müller, der in den wichtigen Partien kaum mehr als ein Edeljoker war? Und wie mit der Problematik der stagnierenden Entwicklung von vielversprechenden Talenten wie Joshua Kimmich und Kingsley Coman oder mit der des fehlenden Backups für Robert Lewandowski?

Reschke im Fokus - Costa-Zukunft ungewiss

Noch ist nicht abzusehen, ob die Bayernbosse im Sommer einen ordentlichen Batzen vom Festgeldkonto locker machen werden, um einen oder gleich mehrere Top-Spieler an die Isar zu locken. In ähnliche finanzielle Sphären wie die internationalen Granden um Real, Barca oder Juve, die allesamt schon bereit waren, als bloße Ablösesumme für einen Spieler 90 Millionen Euro oder mehr aufzuwenden, wird man aber offenbar nicht vordringen. Supertransfers wie die von Gareth Bale oder Paul Pogba würden nicht zur Philosophie des Vereins passen, stellte Kaderplaner Michael Reschke kürzlich fest.

Umso mehr ist nun sein außergewöhnliches Auge gefragt. Reschke, 59 Jahre alt, 2014 von Bayer Leverkusen gekommen, war neben dem Transfer seines Ex-Schützlings Arturo Vidal auch an den Verpflichtungen von Kimmich, Coman, Costa und Renato Sanches maßgeblich beteiligt. Besagte Spieler haben ihr Potenzial bereits allesamt punktuell abgerufen, Coman und Costa etwa wirbelten die gegnerischen Abwehrreihen kurz nach ihrer Ankunft gehörig durcheinander, Sanches wurde zum besten Nachwuchsspieler der Europameisterschaft gewählt. Beim FC Bayern, muss man Mitte 2017 aber sagen, ist auf Dauer bislang nur Kimmich den hohen Erwartungen gerecht geworden.

Costa dagegen fiel zuletzt mehr durch zweifelhafte Interviews als durch Leistung auf. Ein Verkauf des Brasilianers scheint keineswegs mehr ausgeschlossen. Und sollte man im Sommer die Gelegenheit bekommen, Julian Brandt aus Leverkusen loszueisen, wäre das wohl kein schlechter Tausch.

Reschke lotste Brandt einst aus Wolfsburg unters Bayer-Kreuz, ihm werden gute Kontakte zu Brandts Vater und Berater nachgesagt. Als deutscher Nationalspieler ist Brandt naturgemäß spannend für die Bayern. Dass er mit 21 Jahren noch jung und entwicklungsfähig, aber auch schon erfahren (96 Bundesligaspiele) und dazu flexibel einsetzbar ist, rückt den gebürtigen Bremer weit in den Fokus des deutschen Rekordmeisters.

Probleme bei der Nachfolge-Suche für Robben und Ribery

Es bliebe allerdings die Frage, ob Coman und Brandt respektive Costa genügen würden angesichts der eigenen Ansprüche sowie der Verletzungsanfälligkeit von Robben und Ribery. Andererseits, und das ist die Tücke, ist es vermutlich nicht allzu sinnvoll und kaum realisierbar, einen Weltklassespieler für die Flügel zu verpflichten, der sich hinter den noch immer arrivierten Kräften anstellen müsste.

Eine ähnliche Problematik begleitet die Bayern in der Personalie Lewandowski seit Jahren. Dass der Stammplatz des Polen indiskutabel und Lewandowski fast immer fit ist, macht die Suche nach einem potenziellen Backup so schwer. Mister X müsste schließlich deutlich besser sein, als es Müller in vorderster Front ist, gleichzeitig aber so perspektivlos, Lewandowski gar nicht ernsthaft herausfordern zu wollen.

In den vergangenen Jahren haben sich die FCB-Chefs auch mangels Optionen gegen einen zweiten Stürmer entschieden, das Halbfinal-Hinspiel der Champions League gegen Real Madrid (1:2) könnte aber zu einem Umdenken geführt haben. Mit Blick nach Madrid und Barcelona wird aufgefallen sein, dass dort eine größere Bereitschaft gezeigt wurde, um sich mit kostspieligen, aber im Zweifel womöglich rentablen Investitionen gegen einen Ausfall des Top-Stürmers abzusichern. Den Königlichen ist das mit Alvaro Morata gelungen, die Katalanen haben es mit Paco Alcacer zumindest versucht.

Alexis Sanchez, Müller und der Kimmich-Plan

Eine spannende Option, mit der die Münchner zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen könnten, wäre die Verpflichtung eines variablen Offensivspielers. Diese Spezies ist rar, mit Alexis Sanchez, dessen Vertrag beim FC Arsenal 2018 ausläuft, ist im Sommer aller Voraussicht nach aber ein passender Spieler auf dem Markt. Der Chilene kann sowohl im Zentrum als auch auf den Außen agieren, ist aber den Umständen entsprechend begehrt. Nach Goal -Informationen müsste der FC Bayern deutlich mehr investieren als die zuletzt kolportierten 25 bis 30 Millionen Euro.

In München haben sie zuletzt jedoch ohnehin betont, mit Müller bereits einen Mann in der Hinterhand zu haben. Bloß wirkte der Weltmeister unter Ancelotti sowohl auf dem rechten Flügel als auch im Sturmzentrum oft verschenkt. Müller ist Aushängeschild und Fanliebling. Unter Pep Guardiola hatte es noch einem Staatsverbrechen geglichen, wenn Müller mal auf der Bank saß, unter Ancelotti war dieser Umstand in den wichtigen Spielen nahezu Usus. Hier braucht es dringend einen besseren Plan, um Müllers seltene Fähigkeiten optimal einzusetzen. 

Vakant ist zur kommenden Saison derweil eine Position im zentralen Mittelfeld. Die Besetzung wiederum ist eng mit Kimmichs Zukunft verwurzelt. Plant man mit dem Nationalspieler tatsächlich, wie zuletzt von Rummenigge und Ancelotti kommuniziert, als Rechtsverteidiger, muss er dort spielen. Und zwar bei jeder Gelegenheit. Zweifel werfen diesbezüglich Ancelottis Entscheidungen in der laufenden Saison auf. Saß Lahm auf der Bank, bekam stets Rafinha den Vorzug. Zudem gibt es berechtigte Sorgen, die Passmaschine Kimmich könne als Rechtsverteidiger ein Stück weit verschenkt sein.

Martinez fürs Mittelfeld?

Sollte man mit Kimmich also doch in der Schaltzentrale planen, so wäre die Verpflichtung eines Rechtsverteidigers unumgänglich. Hier halten sich die Gerüchte um ein Interesse an Leverkusens Benjamins Henrichs weiter hartnäckig. Sieht der Plan Kimmich wiederum als Lahm-Nachfolger vor, wäre die Besetzung des Mittelfelds zu dünn. Thiago und Vidal verkörpern zwar Weltklasse, es wäre aber fahrlässig zu meinen, Sanches und Sebastian Rudy würden als weitere Akteure genügen, um den verbindenden Mannschaftsteil zu komplettieren.

Womöglich bastelt der FCB ja auch an einer internen Lösung: So könnte Javi Martinez nach der Verpflichtung von Niklas Süle wieder als defensiver Mittefeldspieler zum Einsatz kommen. Als solcher wurde er schließlich geholt und dort spielte er auch in der erfolgreichsten Saison der Vereinsgeschichte.

In der Findungsphase nach der gewonnenen Deutschen Meisterschaft und vor der neuen Spielzeit gibt es jedenfalls etliche offene Fragen, bislang aber kaum Antworten. Ein Sportdirektor könnte womöglich bei der ein oder anderen Problemlösung helfen. Auf "Neuzugänge" aus dem eigenen Nachwuchs sollte indes kaum jemand hoffen, aktuell scheint sich kein Spieler auf dem Sprung zu befinden, sich bei den Profis zu etablieren.

Der FC Bayern steht vor einem wichtigen, wahrscheinlich sogar wegweisenden Sommer. Die bereits fixen Transfers von Rudy und Süle können da nur der Anfang gewesen sein. Der Anfang des großen Umbruchs.

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