EXKLUSIV
Kirchheim bei München. Einige Kilometer außerhalb der Isar-Metropole, nordöstlich vom großstädtischen Trubel gelegen, befindet sich die Sportanlage des SV Heimstetten. 2800 Zuschauer finden auf den Rängen des Stadions Platz, eine Mischung aus Steintreppen und dunkelroten Sitzschalen versprühen einen sympathischen Hauch von Amateurfußball.
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Hier krönte sich der hiesige Klub SV Heimstetten vor wenigen Wochen zum Meister der Bayernliga, wird somit in der kommenden Saison in der Regionalliga antreten, nachdem man zum Dominator in der fünfthöchsten deutschen Spielklasse avanciert war. An diesem Tag hat sich hoher Besuch in der beschaulichen Gemeinde angekündigt. Robert Lewandowski erscheint gut gelaunt zum Interview, das an besagtem Sportplatz stattfindet. Champions-League-Flair im oberbayrischen Idyll.
Ungewohntes Terrain für den polnischen Superstar, der normalerweise in den berühmtesten Arenen der Welt aufläuft: "Als ich jung war, habe ich immer davon geträumt, Fußballprofi zu werden. Ich wollte unbedingt in den größten Stadien spielen, vor 80.000 Zuschauern", sagt er im Gespräch mit DAZN und Goal. "Wenn man dann ein Tor vor so vielen Menschen schießt, sie alle Deinen Namen rufen, dann fühlt man sich wirklich geil. Dann bekommt man Gänsehaut, ein tolles Gefühl."
Getty ImagesLewandowski kennt diese Gänsehaut-Momente zur Genüge, gilt seit Jahren als einer der besten Angreifer überhaupt, sicherte sich am Ende der abgelaufenen Spielzeit zum dritten Mal die Torjägerkanone in Deutschlands Beletage - und wirkt im Interview doch alles andere als abgehoben. Bescheiden, beinahe demütig, wählt er seine Antworten mit Bedacht, nimmt sich Zeit.
"Torschützenkönig zu werden, ist etwas ganz Besonderes. Das bedeutet, dass Du einfach über die komplette Saison gut gespielt hast. Ich habe 30 Bundesliga-Spiele gemacht und 29 Tore geschossen. Ich bin einige Male auch von der Bank gekommen. Rechnet man also dementsprechend die Minuten, die ich pro Tor gebraucht habe, dann war diese Spielzeit wohl die beste meines Lebens", erklärt der 29-Jährige mit Blick auf die vergangene Runde, die er mit dem FC Bayern zum sechsten Mal in Serie als deutscher Meister beendete.
Der Gewinn der nationalen Meisterschaft sei ohnehin "das wichtigste Ziel", führt Lewandowski aus, weiß aber auch um die Erwartungshaltung der FCB-Anhänger und -Verantwortlichen. "Im Champions-League-Halbfinale wäre sicherlich mehr drin gewesen. Wenn das nötige Glück fehlt, kann so etwas aber auch passieren. Wir haben gegen Real Madrid ein Tor zu wenig geschossen."
Dass die Saison sich nach dem holprigen Start unter Carlo Ancelotti – aus sportlicher Sicht – überhaupt noch einigermaßen zum Positiven wendete, machten viele Experten an der Münchner Rückholaktion des sich bereits in der wohlverdienten Rente befindenden Jupp Heynckes fest, der den Rekordmeister im Oktober letztes Jahres übernommen hatte.
Lewandowski über Jupp Heynckes: "Als er kam, passierte etwas mit dieser Mannschaft, etwas Neues"
"Damals hatten wir fünf Punkte Rückstand auf Borussia Dortmund. Ich weiß nicht genau, was es war, aber als er kam, passierte etwas mit dieser Mannschaft, etwas Neues. Die Spieler wussten, dass er der richtige Mann am richtigen Ort ist", verrät Lewandowski und schiebt nach: "Jupp hat früher selber Fußball gespielt, er kennt das alles. Ich habe oft mit ihm gesprochen, er hat immer gute Tipps gegeben, seine Erfahrung ist einfach riesig."
Den Grundstein für Lewandowskis Sprung in die Elite der globalen Stürmer-Zunft legten aber neben Heynckes, der aufgrund der kurzen Zeit diesbezüglich wohl eher als Feinschleifer fungierte, hauptsächlich andere Übungsleiter. "Ich habe von Jürgen Klopp und Pep Guardiola sehr viel gelernt, aber auch von Ancelotti. Ich versuche immer, von jedem Coach das Beste mitzunehmen."
Bevor er allerdings in den Genuss kam, unter ebenjenen hochdekorierten Trainern zu spielen, musste sich "Bobek" (polnisch für "kleiner Biber"), wie Lewandowski in seiner Heimat genannt wird, immer wieder durchbeißen, stets auch kleinere und größere Rückschläge verkraften. Seine ersten fußballerischen Gehversuche machte Robert 1995 beim Warschauer Vorort-Klub Partyzant Lezno, zwei Jahre später meldete ihn sein Vater Krzysztof beim Schülersportverein Varsovia Warschau an, was für die gesamte Familie verhältnismäßig großen Aufwand bedeutete.
"Ich habe mich häufig bei meinen Eltern bedankt"
"Ich habe mich häufig bei meinen Eltern bedankt, für das, was sie für mich gemacht haben. Sie sind mit mir ins Training gefahren, eine Stunde hin, eine Stunde zurück. Sie haben auf mich gewartet, bis ich fertig war. In der Zeit hätten sie theoretisch auch andere Dinge erledigen können. Aber sie wussten immer, dass es mein Traum ist", erinnert sich Lewy.
Trotz seines außergewöhnlichen Talentes, gestaltete sich die Verwirklichung seines Ziels schwierig. Ständig stand ihm seine physische Entwicklung im Weg. "Seine Beine waren wie Stelzen, ich hatte immer Angst, dass sie ihm irgendjemand bricht", sagte sein damaliger Trainer Krzysztof Sygorski einst im Interview mit uefa.com . "Ich wollte, dass er robuster wird und habe immer gemeint, er müsse mehr Speck essen."
GettySieben Jahre lang schnürte Lewandowski die Schuhe für Varsovia, ehe er beschloss, es bei einem größeren Verein zu probieren. Obwohl er Tore am Fließband erzielt hatte, wurde er vom Erstligisten Polonia Warschau abgelehnt, weil er für zu schmächtig befunden wurde.
Die Sportart zu wechseln, um in die Fußstapfen seiner Eltern (seine Mutter war Profi-Volleyballerin, der Vater erfolgreicher Judoka) zu treten, kam aber nie in Frage, wie Lewandowski schildert: "Auch das habe ich zwar trainiert. Aber ich wusste, dass ich kein Volleyballprofi werde, dafür war ich zu klein. Mein Vater wollte auch nicht, dass ich Judo mache, weil er selbst aufgrund dessen Probleme mit den Halswirbeln hatte. Er wusste, dass das kein Sport für mich ist."
Somit hielt er an seiner großen Leidenschaft fest – und erntete in der Folge endlich die Belohnung für seine akribische Arbeit. Delta Warschau, ein Klub aus Polens dritter Liga, erkannte das überdurchschnittliche Potenzial des Goalgetters und bot ihm den ersten Profi-Vertrag an.
Lewandowskis größter Schicksalsschlag
Dort entwickelte sich der Youngster prächtig, wurde schnell der mit Abstand beste Akteur der ambitionierten Mannschaft und spielte sich mit seiner Treffsicherheit auf die Zettel renommierter Teams, bevor der größte Schicksalsschlag im noch jungen Leben des Robert Lewandowski folgte. Vater Krzysztof verstarb in jener Zeit an einem Hirnschlag, würde die herausragende Karriere seines Sohnes nicht mehr miterleben können.
Die Tatsache, seinen geliebten Vater so früh verloren zu haben, beschäftigt Lewandowski noch heute. Im Interview mit 11Freunde sagte er Anfang dieses Jahres: "Mein Vater hat mich nie als Profi spielen sehen. Ich würde mir nichts sehnlicher wünschen, als dass er heute manchmal mit meiner Mutter ins Stadion käme. Keine Ahnung, ob ich durch seinen Tod mehr Durchsetzungskraft entwickelt habe. Denn mit seiner Unterstützung wäre ich doch auch stark gewesen. Wie oft denke ich, dass ich ihn jetzt gerne um Rat fragen würde."
Lewandowskis Wille, es ganz nach oben zu schaffen, wird durch die Tragödie allerdings nicht geschwächt. Im Gegenteil: Legia Warschau, seit jeher sein Lieblingsverein, klopfte an und sicherte sich 2005 die Dienste des Rohdiamanten, nur, um ihn kurz darauf aufgrund körperlicher Defizite in die zweite Mannschaft abzuschieben. Nur ein Jahr darauf zog es "Bobek" erneut in die dritte Liga, zu Znicz Pruszkow.
GettyEin Schritt zurück, der sich als Glücksfall erweisen sollte, schoss Lewandowski die Konkurrenz doch quasi im Alleingang kurz und klein und hatte somit erheblichen Anteil daran, dass sein neuer Verein souverän Meister wurde. Der endgültige Durchbruch erfolgte aber im Jahre 2008, als Lech Posen umgerechnet 380.000 Euro an Pruszkow überwies.
Gleich in seiner ersten Ekstraklasa-Saison schnappte sich der mittlerweile gereifte Mittelstürmer die Torjägerkrone und verzigfachte gleichzeitig seinen Marktwert, sodass Borussia Dortmund 2010 fast viereinhalb Millionen Euro auf den Tisch legte. Der restliche Werdegang ist Geschichte.
Seit vier Jahren verdient Lewandowski sein Geld nunmehr in München, wo er gerne mit seiner Frau Anna und Töchterchen Klara im Englischen Garten spazieren geht. "Wir wohnen ganz in der Nähe, dort gibt es viele gute Restaurants, in denen man lecker essen kann", schwärmt er und stellt heraus, wie wichtig ihm seine kleine Familie ist: "Seit meine Tochter da ist, hat sich einiges verändert. Früher, wenn ich gehört habe, dass Leute in meinem Umfeld Kinder bekommen haben, konnte ich nie nachvollziehen, was das wirklich bedeutet. Das versteht man erst, wenn man selbst ein Kind hat."
Über die Zeit nach seiner Laufbahn macht er sich indes noch keine Gedanken: "Ich habe ein paar Sachen im Kopf. Was ich genau mache, weiß ich aber noch nicht. Dafür ist es zu früh. Solange ich Profi bin, muss ich mich darauf fokussieren. Mal schauen, was danach kommt." Ebenso ungewiss scheint weiterhin die sportliche Zukunft des 55-fachen Nationalspielers, der Polen als Kapitän bei der Weltmeisterschaft in Russland anführen wird. "Man kann nie sagen, welche Ziele man hat, weil man nicht weiß, was die Zukunft bringt. Ich habe noch nicht über die neue Saison nachgedacht, weil erstmal die WM vor der Türe steht. Darauf bin ich aktuell fokussiert."
Lewandowski ist längst angekommen in der Weltspitze, hat es aufgrund von unbändigem Willen gepackt, sich einen ähnlichen Status wie seine Vorbilder aus Kindheitstagen, namentlich "Alessandro del Piero und Thierry Henry" zu erarbeiten. Ein Traum, der in einem Warschauer Vorort entstand und später fliegen lernte, ist Realität geworden.
"Das wünsche ich jedem kleinen Jungen, der den gleichen Traum hat"
Auch, dank seiner Eltern, die er im Gespräch immer wieder erwähnt, denen er eine gewichtige Rolle in seinem Werdegang beimisst. "Was sie für mich gemacht haben, ist Wahnsinn. Das wünsche ich jedem kleinen Jungen, der den gleichen Traum hat", sagt er und gibt zum Abschluss zu verstehen: "Egal, was passiert oder wie schlecht die Situation gerade ist. Du musst immer positiv bleiben und kämpfen. Du musst zeigen, dass Du Dein Ziel nie aus den Augen verlierst, es unbedingt schaffen willst."
Worte, die vor den leeren, rotbestuhlten Rängen im Stadion am Kirchheimer Sportpark pathetisch klingen – und doch glaubhaft vermittelt werden. Denn: Wenn einer weiß, was Fallen und wieder Aufstehen bedeutet, dann wohl Robert Lewandowski.
