"Frage niemanden, was du mit deinem Leben anfangen sollst: Frage dich selbst", sagte der baskische Schriftsteller Fernando Savater. Geboren ist der 69-Jährige in Donostia-San Sebastian, und sein Zitat drückt das Lebensgefühlt hier, im hohen Norden Spaniens, gut aus. Sie wollen hier Macher sein, die ihr Schicksal selbst in die Hand nehmen. Anpacken und etwas aus seinen Möglichkeiten machen. An der Atlantikküste wächst man mit dieser Einstellung auf und gibt sie seit Generationen weiter.
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Dass auch der örtliche Fußballverein nach ihr operiert, passt da perfekt ins Bild. Real Sociedad ist ein stolzer Klub. Einer mit Prinzipien. 1981 und 1982 wurde man spanischer Meister. Noch heute erinnern sie sich an die Festtage der frühen Achtziger. Helle Tage einer Stadt, die auch viele dunkle erlebte: Casinobesuche von Leo Trotzki, Sommerresidenz von Diktator Franco, Anschläge baskischer Unabhängigkeitskämpfer.
Heute, im Jahr 2017, ist das Leben gut. San Sebastian ist mehrfach mit kulturellen Preisen ausgezeichnet worden und der Fußballklub ist seit Jahren stabil. Nach dem Wiederaufstieg 2010 gelang es den Machern, die klubeigene Identität und Modernität zu einer Mixtur zu verbinden, die 2013 zur Qualifikation für die Champions League führte und auch in der aktuellen Spielzeit wieder hervorragende Resultate hervorbringt.
Der Trainer lernte bei Barca
Denn obwohl im Laufe der Zeit immer wieder Stars wie Xabi Alonso, Antoine Griezmann oder Claudio Bravo den Klub verließen, schaffen es "Los Txuri-Urdin", wie der Spitzname lautet, immer wieder, Qualitätsverlust durch das starke Kollektiv aufzufangen. Aktuell rangiert man auf Platz fünf in LaLiga, das erneute Erreichen Europas wäre ein weiterer Husarenritt.
Sucht man nach Gründen für den aktuellen Erfolg, der so sicherlich nicht abzusehen war, landet man relativ schnell bei Trainer Eusebio. Der 52-Jährige, der wie der portugiesische Star aus den Sechzigern heißt, ist ein versierter Taktiker, der von den Besten gelernt hat und genau weiß, wie ein Top-Klub im Inneren aussehen muss.
Er war beim FC Barcelona jahrelang Co-Trainer von Frank Rijkaard und Pep Guardiola, gewann 2006 so die Champions League. Er war Teil der Entwicklung einer ästhetisch agierenden Mannschaft zum besten Team der Welt. Von 2011 bis 2015 trainierte er dann die zweite Mannschaft der Blaugrana, formte Spieler wie Rafinha, Sergi Roberto oder Gerard Deulofeu.
Bereits jetzt eigene DNA
2015 heuerte er schließlich im Baskenland an, erst seine zweite Station als Cheftrainer einer Erstligamannschaft. In relativ kurzer Zeit gab er dem Team ein Gesicht, schüttelte die vielen, nie komplett zu Ende entwickelten Ansätze von David Moyes ab. Er lässt sein Team schnellen Fußball spielen, hat schon jetzt sowohl Konter- als auch Ballbesitzfußball eingeimpft.
Auch wenn von den letzten sieben Spielen nur zwei gewonnen wurden, bleibt man ruhig. Eusebio weiß, was sein Team kann – und dass er auf seine Säulen zählen kann. Eine davon ist Innenverteidiger Inigo Martinez, seit Jahren von Top-Klubs umworben und doch stets standhaft.
Im Tor zählt Geronimo Rulli zu den Besten seins Fachs. Der Argentinier, der im Januar nach einem langen Hin und Her fest von Manchester City verpflichtet wurde, ist stark am Ball und hat herausragende Reflexe. Sein Nationalmannschaftsdebüt ist nur eine Frage der Zeit.
Getty ImagesDas Mittelfeld liegt fest in den Händen von Rückkehrer Asier Illaramendi, der es bei Real Madrid zwar nicht packte, dennoch zweifelsohne ein starker Stratege ist. Der Zehnerraum gehört Kapitän und Publikumsliebling Xabi Prieto. Der 33-Jährige, der nie für einen anderen Verein spielte, ist seit Jahren unterschätzt. In 342 LaLiga-Spielen kommt er auf 84 Scorerpunkte. Er agiert als Hybrid aus klassischem Zehner, Außenstürmer und Achter. Im Laufe der Zeit hat er zwar an Geschwindigkeit eingebüßt, sein Spielverständnis aber kontinuierlich weiterentwickelt. Inzwischen kann er punktgenaue Sechzig-Meter-Pässe spielen.
Assistiert kann ihm je nach Gegner und Bedarf von zwei weiteren ehemaligen Real-Spielern werden. Sergio Canales galt als Jahrhunderttalent und wurde 2010 für sechs Millionen Euro von den Königlichen verpflichtet. Nachdem er sich auch bei Valencia schwer tat, wechselte er 2014 ins Baskenland. Dort blüht er auf, spielt befreit von Druck auf. Nur seine Defensivschwäche verhindert, dass er absolut gesetzt ist.
Esteban Granero, Eigengewächs Reals, kam 2013 aus England. Der frühere spanische U-Nationalspieler hat einen feinen rechten Fuß, schießt gute Standards und ist eine perfekte Ergänzung für die Zentrale, die die Offensive beliefern soll.
Star des Angriffs ist der Mexikaner Carlos Vela. Einst bei Arsenal gehypt, von Trainer Arsene Wenger gelobt und zum "Top-Stürmer der Zukunft“ gemacht, schlug er einen anderen Weg ein, spielt seit 2012 für Sociedad und ist dort wahlweise Rechtsaußen oder Mittelstürmer. Andere erwähnenswerte Figuren aus dem offensiven Bereich des Eusebio’schen Schachbretts sind Mikel Oyarzabal, der als eines der größten Talente des Landes gilt und bereits für A-Nationalelf debütierte, und Juanmi, ebenfalls mit einem Einsatz in der Seleccion.
Ebenso leidenschaftlich wie der große Nachbar
Viel wichtiger als die Namen sind jedoch die baskischen Tugenden. "Wir sind ein Verein aus dem Baskenland. Jeder weiß, was das bedeutet“, meint Eusebio vielsagend. Und er hat recht. Der Verein war immer größer als seine Spieler. Es ging immer um die Fans, um die Begeisterung, die Leidenschaft.
Und die ist kaum irgendwo größer in Spanien. Zwar gilt der größere Nachbar aus Bilbao als Aushängeschild des baskischen Fußballs und setzt, anders als Real Sociedad, ausschließlich auf Basken, der Stolz in Donostia-San Sebastian selbst steht dem in Bilbao aber in nichts nach.
An Spieltagen sind am Strand nur die Touristen, die kleinen Gassen zwischen hellen Häuserfassaden, auf deren Balkonen frische Wäsche im Wind weht, sind leergefegt. Denn dann geht es darum, das Spiel zu verfolgen, alles für den Sieg zu geben. Und sei es nur die eigene Stimme.
Und für sie alle, Spieler, Trainer, Fans, gilt eine Maxime. Früher, heute, morgen. "Frage niemanden, was du mit deinem Leben anfangen sollst: Frage dich selbst.“


