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Zinedine Zidane Real Madrid 0719Getty Images

Pulverfass Real Madrid: Es kracht in der Galaxie


HINTERGRUND

Sie erbarmten sich auf dem Weg zum Bus gerade noch, ein paar Foto- und AutogrammwĂŒnsche zu erfĂŒllen. Das war dann aber auch alles, was die Superstars der Königlichen nach ihrer nĂ€chsten fußballerischen Magerkost so zu bieten hatten. FĂŒr ErklĂ€rungen waren sie sich zu schade, die meisten von ihnen schotteten sich mit großen Kopfhörern von ihrer Umgebung ab und ignorierten die Fragen der zum Teil aus Spanien angereisten Journalisten mit Mienen, wie sie finsterer kaum sein könnten.

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Nacho Fernandez, einer der wenigen Normalos in der Galaxie namens Real Madrid, entschuldigte sich nach zweimaliger Nachfrage von Goal und SPOX immerhin noch und fĂŒgte mit einem flĂŒchtigen LĂ€cheln an, er sei heute "nicht an der Reihe". Bei Real, das ist kein Geheimnis, erlauben sie nur zwei bis drei Mitgliedern ihres Starensembles, sich nach einem Spiel mit der schreibenden Presse zu unterhalten. Das gilt auch fĂŒr Testspiele, in denen es ja eigentlich um nichts geht, in denen Ergebnisse ja eigentlich keine Rolle spielen.

Drei Niederlagen nach vier Partien, garniert mit 13 Gegentoren, von denen sieben der verhasste Stadtrivale erzielte, sind fĂŒr einen Klub, der sich fĂŒr den grĂ¶ĂŸten und besten ĂŒberhaupt hĂ€lt, jedoch auch allmĂ€hlich des Guten zu viel. Und so schickte Carlos Carbajosa, der kontrollsĂŒchtige Pressechef der Königlichen, nach dem trostlosen 0:1 beim Audi Cup gegen Tottenham Hotspur am Dienstag nur einen Spieler ans Mikrofon.

Real-Trainer Zidane: "Sind noch nicht so weit"

Es war Raphael Varane, der gleichermaßen besonnen wie gebildet daherkommende Weltmeister aus Frankreich. Und er sagte innerhalb der von Carbajosa zugelassenen vier Minuten das, was er sagen musste. Es bestehe "kein Grund zur Beunruhigung", man brauche in dieser Phase "Geduld". Und: Trainer Zinedine Zidane wisse ja, was zu tun sei.

Dass sich Zidane selbst aber ebenfalls in Durchhalteparolen flĂŒchtete, war Varane zu diesem Zeitpunkt nicht bewusst. Sein Landsmann sprach parallel auf der Pressekonferenz und konstatierte dabei, dass seine Mannschaft gegen den Champions-League-Finalisten der Vorsaison eine bessere Leistung abgeliefert habe als noch im vorherigen Spiel gegen Atletico.

"Wir sind noch nicht so weit", urteilte Zidane. LösungsansĂ€tze zeigte er in diesem Zusammenhang nicht auf, viele Fragen blieben wie so oft seit seiner ĂŒberraschenden RĂŒckkehr auf die Trainerbank im vergangenen MĂ€rz unbeantwortet. Vor allem personelle Fragen, die mittlerweile offensichtlich auch seiner Mannschaft gehörig aufs GemĂŒt drĂŒcken und sie zu einem Pulverfass mutieren lĂ€sst.

Keylor Navas Real Madrid Tottenham Audi Cup

Fragen wie: Was passiert mit Keylor Navas, dem verlĂ€sslichen und intern beliebten, durch Thibaut Courtois aber bereits im Vorjahr weggemobbten Schlussmann? Kommt der als Zidane-Wunschspieler auserkorene Exzentriker Paul Pogba noch und wĂŒrfelt das spĂ€testens in der vergangenen Saison entzauberte Dreier-Mittelfeld um Casemiro, Luka Modric und Toni Kroos krĂ€ftig durcheinander? MĂŒssen die seit Jahren an Leistungsschwankungen krankenden Isco und Lucas Vazquez noch gehen? Bekommen verheißungsvolle Talente wie Rodrygo Goes oder Takefuso Kubo einen Platz im Profikader? Und: Was passiert eigentlich mit den lĂ€ngst abgeschriebenen, aber immer noch in Madrid weilenden Gareth Bale und James Rodriguez?

Letzterer, das berichtet die Madrider Sportzeitung AS, soll aufgrund der schweren Knieverletzung von Marco Asensio inzwischen einem Verbleib nĂ€her sein als einem Wechsel. Die VereinsfĂŒhrung sehe den Kolumbianer als mögliche Lösung fĂŒr die fehlende KreativitĂ€t im Mittelfeld, außerdem habe man kein Interesse daran, den interessierten Stadtrivalen Atletico noch weiter zu verstĂ€rken. Zidane wollte diese Meldung am Dienstag nicht bestĂ€tigen, "das ist nicht mein Thema", sagte er achselzuckend und ließ mit diesen Worten wieder einmal großen Interpretationsraum.

Übereinstimmenden Medienberichten zufolge kann Zidane James ebenso wenig ausstehen wie Bale, eine seiner Forderungen vor seinem Comeback soll gewesen sein, die beiden Offensivakteure in der neuen Saison nicht mehr trainieren zu mĂŒssen. Florentino Perez, der PrĂ€sident der Madrilenen, widersetzt sich seinem Trainer aber allem Anschein nach. Perez gilt nicht nur als James-FĂŒrsprecher, er soll auch Bales Abgang zum China-Klub Jiangsu Suning blockiert haben – wenn auch in erster Linie wegen des zu schlechten Angebots der Asiaten.

CR7-Abgang aktuell auch fĂŒr Zidane ein Problem

"Es ist, wie es ist. Ich arbeite mit den Spielern, die hier sind", meinte Zidane schon zu Beginn der Vorbereitung mĂŒrrisch, als er auf die schleppend vorangehende "Operacion Salida", die Aussortierung nicht mehr benötigter Stars, angesprochen wurde. Es kracht in der Galaxie. Auch weil der von Zidane explizit geforderte Pogba-Transfer Perez offenbar zu teuer ist. Real hat ja bereits mehr als 200 Millionen Euro fĂŒr NeuzugĂ€nge ausgegeben und muss eher noch Spieler verkaufen, um sich wegen des Financial Fair Plays keine Probleme mit der UEFA einzuhandeln.

Und so ist die Kaderplanung aktuell genauso undurchsichtig wie der von Zidane praktizierte Fußball. Eine auf den ersten Blick steile These, wenn man bedenkt, dass der 47-JĂ€hrige einer der begnadetsten Fußballer der Welt war und er in seinen ersten drei Jahren als Profitrainer dreimal die Champions League gewann. Allerdings wird gerade erschreckend ersichtlich, wie sehr die Tore von Cristiano Ronaldo ihm in seiner ersten Amtszeit dabei halfen, die schon damals spielerische Planlosigkeit seines Teams zu kaschieren.

Ohne die personifizierte Tormaschine aus Portugal gleicht Reals Offensivspiel einem Sammelsurium an ZufĂ€llen. Meist sind es verzweifelte Flanken der aufgerĂŒckten Außenverteidiger, die den Ball in SechzehnernĂ€he bringen, wo dann der seit jeher spielfreudige, aber nicht immer treffsichere Karim Benzema lauert, um entweder selbst abzuschließen oder einen Mitspieler zu bedienen.

Real-Neuzugang Hazard "noch wie ein Anonymer"

Eden Hazard wurde fĂŒr 120 Millionen Euro verpflichtet, um dieser Ideenarmut ein Ende zu bereiten, ist allerdings anscheinend noch zu sehr mit sich selbst beschĂ€ftigt. Die sieben Kilo Übergewicht, mit denen der Belgier laut der Madrider Zeitung El Pais aus dem Urlaub zurĂŒckgekehrt sein soll, waren ihm am Dienstag jedenfalls deutlich anzusehen. "Hazard hat ordentliche AnsĂ€tze, wirkt im Spiel Reals aber noch wie ein Anonymer", urteilt das Sportblatt Marca.

Es ist aber nicht nur der neue Superstar, der noch weit von seiner Idealform entfernt ist. Der gesamte Defensivverbund steht neben sich. Allen voran Sergio Ramos und Marcelo, die beiden KapitÀne, erwecken mit ihren lustlosen Leistungen den Eindruck, als wÀren sie mit den Gedanken woanders. Das waren sie vor nicht allzu langer Zeit tatsÀchlich auch. Ramos hatte Anfang Juni noch mit einem Transfer nach China geliebÀugelt, Marcelo war monatelang der Wunsch nach einer Wiedervereinigung mit seinem Kumpel Ronaldo in Turin nachgesagt worden.

"Tengo un equipazo", ich habe eine Topmannschaft, vergaß Zidane am Dienstag nicht, noch versöhnlich zu betonen. Von einer solchen ist sie in Wirklichkeit aktuell aber Lichtjahre entfernt.

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