HINTERGRUND
"Ich erzähle immer die Geschichte von DEM Zug", schreibt Patrice Evra, ehemaliger Weltklasse-Linksverteidiger und französischer Ex-Nationalspieler, in einem Beitrag für The Players' Tribune. "Ich war 17, war zuvor noch nie alleine gereist und konnte kein Wort italienisch."
Italien war das Ziel des jungen Evra. Er träumte von einer Profi-Karriere, die ihm in Frankreich aber offenbar keiner zutraute. Aufgewachsen in einem Vorort von Paris kickte er als Jugendlicher die meiste Zeit für CS Bretigny, einen kleinen Klub am südlichen Rand des Großraums Paris.
Evra wollte aber höher hinaus, absolvierte mehrere Probetrainings bei großen Vereinen. Er versuchte es bei Stade Rennes, RC Lens, sogar im Süden beim FC Toulouse. Keiner hatte Verwendung für ihn. Paris Saint-Germain stand natürlich auch auf seiner Liste und dort wurde er auch tatsächlich genommen. Doch nur wenige Monate später schickte PSG den späteren ManUnited-Star schon wieder weg.
Die Begründung war die gleiche, die er auch schon in Rennes, Lens oder Toulouse gehört hatte: Zu klein, zu schmächtig, um es zum Profi zu schaffen. Evra ging also wieder zurück zu Bretigny, wurde bei einem Hallenturnier zufällig von einem italienischen Scout entdeckt.
GettyBild: Getty Images"Von da an hat sich mein Leben verändert", betont der heute 39-Jährige. Der Scout vermittelte ihm ein Probetraining bei SC Marsala. Ein kleiner Klub aus Sizilien, ganz im Süden Italiens, der damals, Ende der 1990er Jahre, in der dritten Liga spielte.
Patrice Evra: "Ich hatte kein Handy, es waren nur ich und ein Zettel"
Mit dem Zug sollte er dorthin reisen. "Ich hatte damals kein Handy. Es waren nur ich und ein Zettel, auf dem ich die Festnetznummer von zuhause notiert hatte", erzählt Evra. Ein Zwischenhalt in Mailand war auf seiner Route vorgesehen, doch schon am Bahnhof in Paris fand er sich nicht zurecht.
"Ich wusste nicht, wo ich hin musste. Ein Mann, der mir später erzählte, dass er auch aus dem Senegal kommt (Evra wurde in Senegals Hauptstadt Dakar geboren, d. Red.), kam zu mir und fragte: 'Wer bist du, Bruder? Du siehst traurig aus.' Ich zeigte ihm mein Ticket und er sagte mir, dass mein Zug schon vor einer Stunde abgefahren sei", erinnert sich Evra.
Der Mann nahm ihn unter seine Fittiche, rief bei Evra zuhause an. "Er gab mir den Hörer und meine Mutter schrie mich an, ich solle zurückgehen und den Zug suchen", sagt er. Doch der Fremde hatte einen besseren Vorschlag, nahm Evra mit zu sich nach Hause, gab ihm zu essen und einen Schlafplatz. "Er sagte zu meiner Mutter: 'Ich passe auf Ihren Sohn auf und werde ihn morgen in den nächsten Zug setzen.' Er war wie ein Engel."
Patrice Evra und die drei Nonnen im Zug
Am nächsten Morgen wurde der Plan in die Tat umgesetzt. "Er weckte mich um sechs Uhr morgens, brachte mich zum Bahnhof und zeigte mir den Zug. Er schrieb mir sogar auf, wo ich aussteigen musste, um an mein Ziel zu kommen."
Dennoch war sich Evra später nicht mehr sicher, wo genau er den Zug verlassen muss. "Irgendwann waren fast alle ausgestiegen und im Wagon waren außer mir nur noch drei Nonnen", blickt er zurück. "Immer wieder fragte ich sie, ob ich schon da sei und sie antworteten immer: 'No Signore, No Signore'. Irgendwann zeigten sie mir dann endlich, dass ich aussteigen solle."
In Marsala angekommen war Evra erst einmal erschlagen von der Einsamkeit. Im Trubel von Paris hatte er seine Reise begonnen, nun war er irgendwo im Nirgendwo. "Ich stieg aus und da war nichts. Nicht einmal eine Bank. Einfach nur der Wind. Ich sagte zu mir: 'Jetzt bin ich komplett verloren. Kein Engel, keine Nonnen, kein Handy. Was soll ich jetzt machen?'"
Imago Images / UlmerBild: Imago Images / UlmerEr wartete mehrere Stunden an dem kleinen Bahnhof. Es wurde schon dunkel, als plötzlich ein Auto um die Ecke kam. "Es war der Manager des Klubs", sagt Evra. "Er entschuldigte sich: 'Sie sagten, Du hast den Zug verpasst, aber dann habe ich Deine Mutter angerufen und die sagte, dass Du doch im Zug bist. Also bin ich jetzt gekommen'."
Patrice Evra: "... und du isst am Abend alleine eine Scheibe Putenbrust"
Er brachte Evra zum Hotel, schließlich hatte er sein Ziel also doch noch erreicht. Ein Jahr sollte er in Marsala bleiben. Irgendwo in der italienischen Provinz, ganz alleine. "Es war hart", sagte Evra mal bei Le Parisien. "Du bist weit weg von deiner Familie und isst am Abend ganz alleine eine Scheibe Putenbrust."
Doch er kämpfte sich durch, machte in Italiens Serie C auf sich aufmerksam, in 26 Einsätzen gelangen Evra sogar drei Tore. Ein Jahr später, mit 18, holte ihn Monza Calcio in die zweite Liga. Und wiederum ein Jahr später, im Sommer 2000, ging es zurück nach Frankreich, zum damaligen Zweitligisten OGC Nizza.
Der Rest ist mehr oder weniger bekannt. 2002, vier Jahre nach seiner Irrfahrt durch die italienische Provinz, heuerte Evra für vier Millionen Euro bei der AS Monaco an, wurde von 2006 bis 2014 zur Institution bei Manchester United, kickte dann noch zweieinhalb Jahre für Juventus Turin, absolvierte 81 Länderspiele für Frankreich. Und alles begann mit DEM Zug.


