Über zu wenig Spielzeit kann sich Ethan Nwaneri derzeit nicht beschweren. Mit hoher Wahrscheinlichkeit wird der Engländer am Dienstagabend beim Champions-League-Auftritt von Borussia Dortmund gegen FK Sabah bereits die Anzahl an Minuten knacken, die er auf seiner vorherigen Leihstation bei Olympique Marseille absolvierte. 17 Zählerumdrehungen braucht es in Aserbaidschan, dann steht Nwaneri auch beim BVB bei 412 Einsatzminuten - in dann nur acht statt elf Spielen.
Dass der 19-Jährige zuletzt beim 0:0 bei Union Berlin 62 weitere Minuten sammelte, wäre indes beinahe anders gekommen. Nach lediglich 14 Sekunden hatte Nwaneri ein seitliches Tackling gegen Ex-Dortmunder Tom Rothe ausgepackt. Nur vier Sekunden später stand Daniel Schlager vor ihm und hielt Nwaneri die Rote Karte unter die Nase. Doch der Schiedsrichter hatte sich vertan und korrigierte zurecht auf Gelb.
Das war im Grunde bereits die beste Nachricht, die der offensive Flügelspieler am Samstag in der Hauptstadt für den BVB produzierte. Denn eine Rotsperre in der Liga wäre angesichts des späteren verletzungsbedingten Ausfalls von Konstantinos Karetsas, der der Borussia längere Zeit fehlen wird, ein weiterer Rückschlag gewesen.
Nwaneri zeigte in Köpenick eine Leistung, die er ähnlich bereits mehrfach für die Dortmunder bot: Viel am Spiel beteiligt, mit ausreichend Ballkontakten, dabei in Ansätzen auch gefährlich, aber meist unglücklich in seinen (Abschluss-)Aktionen. So steht bisher lediglich die vor dem Eigentor von Albian Hajdari als Vorlage gewertete Aktion zum 3:2-Sieg in Hoffenheim bei Nwaneris Debüt in seiner Statistik.
Wie wird Nwaneri beim BVB intern gesehen?
Das ist natürlich zu wenig für einen Offensivspieler, wie auch 14 Treffer in acht Bundesliga- und Champions-League-Spielen zu wenig für den BVB sind. "Ihm fehlt gerade so ein bisschen der Brustlöser, um den Knoten dann mal mit einem Tor zu lösen", sagte Lars Ricken am Wochenende.
Dortmunds Geschäftsführer Sport sah dennoch "bisher gute" Leistungen von Nwaneri und hoffte darauf, dass der entscheidende Schritt zu mehr Konsequenz in seinen Aktionen schnellstmöglich folgt: "Wir werden ihn brauchen und ihm deshalb die volle Unterstützung geben - gerade jetzt, wenn Karetsas nochmal ausfallen wird."
Ricken könnte mit seiner Brustlöser-These ein gutes Argument haben. Denn bei Nwaneri, der von den Neueinkäufen bisher die drittmeiste Einsatzzeit erhielt, hätte es einige Male auch bereits anders laufen können. In Stuttgart traf er etwa aus knapper Abseitsposition, seiner Fallrückzieher-Bude gegen Bremen ging nach einem vermeintlichen Foulspiel von Waldemar Anton an Niclas Füllkrug ein zu früher Pfiff für eine VAR-Prüfung voraus. In derselben Partie war es Nwaneri, der in Halbzeit eins eine Großchance von Maximilian Beier mit einem sehenswerten Zuspiel vorbereitete.
Warum läuft es für Nwaneri beim BVB noch nicht?
Auch zuletzt bei der enttäuschenden Darbietung gegen Bodö/Glimt (0:1) gehörte Nwaneri zu den vier Einwechselspielern, die für die Dortmunder Leistungssteigerung in der letzten halben Stunde sorgten. Aus seinem Kopfball frei vor dem Kasten sowie kurz vor Schluss bei einer Abschlussaktion nach einem Eckball hätte aber mehr herausspringen müssen.
Als "fußballerisch sehr gut" stufte Trainer Niko Kovac die Leihgabe des FC Arsenal ein, als er vor rund fünf Wochen über Nwaneri sprach. Das ist zweifelsfrei richtig, den 18-maligen U21-Nationalspieler zeichnen eine hervorragende Technik und Ballbehandlung aus. Dies bringt allerdings alles nichts, wenn der BVB weiterhin ein solch biederes und vorhersehbares Offensivspiel zeigt, wie er es allzu häufig unter Kovac zur Schau stellt.
Die Borussia ist im vorderen Drittel immer noch meist auf individuelle Klasse und Einzelaktionen angewiesen, um tiefe Blöcke und dicht gestaffelte Abwehrreihen zu knacken. Strukturierte und abgestimmte Angriffsmuster, in die mehrere Mitspieler integriert sind, sind kaum zu sehen. Bleibt also ein Spieler wie Nwaneri in seinem Duell hängen, ist in der Offensive schnell der Ofen aus.
Fliegt Nwaneri demnächst beim BVB aus der Startelf?
Diese Gemengelage bürdet den Offensivakteuren nicht nur eine (zu) große Verantwortung für den Erfolg eines Angriffs auf, sie legt aufgrund des Fifty-fifty-Charakters der meisten Aktionen auch Schwächen offen. Nwaneri beispielsweise blieb zu oft blass in Eins-gegen-eins-Situationen, ihm fehlte das Tempo oder er ließ die nötige Präzision im Passspiel vermissen.
Ohnehin war zu beobachten, ähnlich wie bei Karetsas, dass sich Nwaneri im rechten Halbraum und vor allen Dingen im Zentrum wohler fühlt als in der Rolle als Breitengeber nah an der Außenbahn. Situativ tummelt er sich dort hin und wieder, was seine Zielstrebigkeit ein wenig erhöhte. Dem entgegen steht jedoch Dortmunds Angriffsstruktur, die besonders über rechts das (Flanken-)Spiel über den Flügel vorsieht.
Ob Nwaneri in der Lage ist, sich innerhalb dieses Szenarios durchzusetzen und die Phase der Torlosigkeit zu beenden, darauf wird es bis zur nächsten Länderspielpause Mitte November weitere Antworten geben. Macht er so weiter, müssten die Argumente für ihn gerade mit Blick auf die Dortmunder Zukunft und Talentförderung eigentlich schwinden.
Wird Mathis Albert zur Gefahr für Ethan Nwaneri?
In Berlin brachte Kovac erstmals in dieser Bundesligasaison den 17-jährigen Mathis Albert für 20 Minuten ins Spiel. Das lässt sich der Erfahrung mit dem Coach nach zwar nicht als Fingerzeig an Spieler wie Nwaneri interpretieren, doch Albert deutete in seinen bislang 112 Profiminuten bereits an, dass sein Mut, Dribbling und Tempo für jene Momente sorgen können, die der Borussia oft abgehen.
"Ich bin sehr, sehr zufrieden mit ihm. Er wird in den nächsten Wochen und Monaten sehr wichtig für uns sein", sagte Kovac im September über Nwaneri. Der Kroate wird ihm in naher Zukunft die nächsten Bewährungschancen geben, das steht außer Frage. Offen bleibt, wann Kovacs Prognose eintritt.
Getty Images
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