Mesut Özil im Fokus der Kritik: Alle auf die Zehn

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Nach der Niederlage gegen Mexiko schossen sich abermals etliche Experten auf Mesut Özil ein. Ihn ständig als Sündenbock auszumachen, ist vermessen.

HINTERGRUND

Dass Mesut Özil Fußball-Deutschland spaltet wie kaum ein anderer Spieler der Nationalmannschaft, ist nicht neu. Nach dem 0:1 gegen Mexiko zum Auftakt der Weltmeisterschaft in Russland erreichte die Debatte um den Spielmacher allerdings ihren zwischenzeitlichen Höhepunkt, entlud sich in Sozialen Medien, in Zeitungen und am Montagabend sogar in der ARD-Talkshow "hart aber fair", in der normalerweise über tagespolitische Themen gestritten wird. Diesmal wurde nicht – wie so häufig in den letzten drei Jahren – der Umgang mit der Flüchtlingskrise thematisiert, sondern über Fußball, konkret die WM, gesprochen.

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Unter anderem gab sich Mario Basler die Ehre, der vor vielen Jahren selbst 30 Einsätze für die DFB-Elf sammelte und mittlerweile vornehmlich dadurch auffällt, seine Meinung ganz besonders unverblümt in die Welt hinauszuposaunen. An ebenjenem Montag sorgte der ehemalige Bayern- und Bremen-Profi mit seiner Kritik an Özil für deutschlandweites Aufsehen.

Mario Basler: Özil hat "die Körpersprache eines toten Froschs"

Basler attestierte dem Arsenal-Star die Körpersprache eines "toten Froschs" und legte nach: "Das ist jämmerlich." Marcel Reif, Ex-Kommentator bei Sky, der ebenfalls zu den Gästen von Moderator Frank Plasberg gehörte, befand: "Özil ist ein begnadeter Kicker, aber er macht nichts daraus."

Schon zuvor hatte Rekordnationalspieler Lothar Matthäus in seiner Kolumne für die Bild-Zeitung scharf gegen den Weltmeister von 2014 geschossen: "Ich habe bei Özil oft das Gefühl, dass er sich im DFB-Trikot nicht wohlfühlt, nicht frei ist, ja fast: als ob er gar nicht mitspielen möchte. Da ist kein Herz, keine Freude, keine Leidenschaft." Eine Ferndiagnose, die Matthäus im Anschluss dazu veranlasste, Özils Rücktritt aus der Nationalmannschaft nach der WM zu prognostizieren. Aussagen, die die ohnehin schon seit Wochen schwelende Debatte um den gebürtigen Gelsenkirchener neuerlich befeuerten.

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Es ist schon erstaunlich, dass immer wieder Özil als Sündenbock herhalten muss, wenn es aus sportlicher Sicht einmal nicht läuft. Freilich hat auch er gegen El Tri kein gutes Spiel abgeliefert, ließ sich kurz vor dem entscheidenden Treffer schuljungenhaft von Hirving Lozano nassmachen.

Aber: Dass Özil quasi der letzte Mann in Deutschlands Hintermannschaft war, den es vor Manuel Neuer zu überwinden galt, spricht eine deutliche Sprache bezüglich der Leistung seiner Teamkollegen am vergangenen Sonntag. Außerdem brachte er am Ende eine Passquote von 91 Prozent auf die Uhr, versuchte immerhin mal, Lücken in die feinmaschige Abwehrkette des Gegners zu reißen, spielte beispielsweise Mitte der ersten Halbzeit einen traumhaften Außenrist-Pass auf den häufig, womöglich zu häufig mit nach vorne eilenden Joshua Kimmich.

Basler und Matthäus erfahren Unterstützung

Dennoch stießen Basler und Matthäus mit ihrer ausgelutschten Körpersprachen-Erkenntnis bei vielen Fans auf reichlich Gegenliebe. "Basler hat Recht! Das geht mit Özil seit Jahren so, während andere Spieler nicht nominiert wurden", schrieb eine Userin bei Facebook, ein anderer Nutzer meinte: "Basler sagt das, was längst überfällig ist: Özil ist nur ein Mitläufer!" Kaum jemand merkte an, dass gegen Mexiko kein einziger deutscher Spieler - mit Ausnahme von Neuer - auch nur ansatzweise Normalform auf den Platz gebracht hatte, einige noch deutlich mehr abfielen als der Mittelfeldmann.

Özil als Ursprung allen Übels anzuprangern, ist durchaus einfach, bietet der häufig phlegmatisch wirkende Edeltechniker doch für viele selbsternannte Fans und Experten die größte Angriffsfläche. Neben der bereits angesprochenen und immer wieder zu Rate gezogenen Körpersprache brachte der 29-Jährige zuletzt mit seinem – zugegebenermaßen – deplatzierten Erdogan-Foto große Teile der Bundesrepublik gegen sich auf. Und ließ, anders als sein Mitspieler Ilkay Gündogan, der sich ebenfalls mit dem umstrittenen Staatsoberhaupt der Türkei ablichten ließ, eine Erklärung vermissen.

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Zusätzlich echauffieren sich Teile der Bevölkerung nach wie vor darüber, dass Özil bei der Nationalhymne stets schweigt, was vor wenigen Tagen auch von Stefan Effenberg moniert wurde. "Wenn er so zu seinem Land, Deutschland, steht, dann muss er auch die Hymne mitsingen", sagte er im Doppelpass bei Sport1 und erntete dafür reichlich Applaus aus dem Publikum. Leider.

Mesut Özil: "Während die Hymne gespielt wird, bete ich"

Obwohl dieser Umstand keiner Rechtfertigung bedarf, wurde Özil diesbezüglich von Promiflash zitiert: "Während die Hymne gespielt wird, bete ich. Und ich bin mir sicher, dass diese Einkehr mir und meiner Mannschaft Kraft und Zuversicht gibt, um den Sieg nach Hause zu fahren." Hätte man sich einmal die Mühe gemacht, zu recherchieren, warum Özil bei der Hymne schweigt, wäre man in seiner Biografie "Die Magie des Spiels" bereits fündig geworden. "Kurz vor dem Anstoß bete ich. Auch das hat bei mir Tradition. Es ist immer derselbe Text, den ich kurz vor dem Anstoß auf dem Rasen vor mich hinsage. Ich bete auf Türkisch." Diejenigen, die ihm ohnehin fehlende Identifikation vorwerfen, wird das natürlich nicht milder stimmen.

Deshalb wünscht man sich, dass dieser unglaublich talentierte Spieler seine Antwort gegen Schweden auf dem Platz liefert, das macht, was ihn immer ausgezeichnet hat und weiterhin auszeichnet: tödliche Pässe spielen, mit einer einzigen geschickten Bewegung gleich mehrere Kontrahenten außer Gefecht setzen.

Dass er dazu in der Lage ist, hat er in der Vergangenheit hinlänglich bewiesen, avancierte bei der WM 2014, damals, als ganz Deutschland im Ausnahmezustand den Titel feierte, zum Schlüsselspieler. Erfahrene Trainer wie Joachim Löw und Arsene Wenger, die immer und immer wieder auf Özil bauen, irren nämlich nicht in ihrer Annahme, dass ein genialer Moment reicht, um einer Partie die erhoffte Wendung zu bringen.

Irren tun die Leute, die einem verdienten Ausnahmespieler die Qualität absprechen. Insbesondere die, die einst selbst nicht unbedingt jedermanns Liebling waren, als polarisierende Persönlichkeiten galten, sollten wissen, wie es ist, ständig von allen Seiten angegriffen zu werden.

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