Beim EM-Zitterstart der Schweizer hatte Yann Sommer den Durchblick. Im Training sieht der Gladbacher Bundesliga-Torwart dagegen kurzzeitig auch mal gar nichts. Nämlich dann, wenn der 27-Jährige seine "Disco-Brille" trägt. "Sie nimmt uns zum Teil die Sicht, sie flackert ein bisschen", erklärte Sommer im Interview mit dem Sport-Informations-Dienst (SID). Was aussieht wie eine protzige Sonnenbrille, ist der letzte Schrei im Torwarttraining.
Die Stroboskopbrille lässt den Träger weniger sehen: Die Gläser können in Sekundenbruchteilen in unterschiedlicher Stärke abgedunkelt werden. Das hat für den Torwart zur Folge, dass er den Ball erst später erkennt. "Das trainiert die Reaktionsschnelligkeit", erläuterte Sommer, "man hat verschiedene Möglichkeiten, es anders einzustellen. Das fordert einen im Kopf."
Bislang wurden diese Spezialbrillen vor allem in den USA im American Football und im Baseball eingesetzt. Der Schweizer Torwarttrainer Patrick Foletti, der als besonders innovativ gilt, hat sie im Fußball eingeführt. "Ich schaue viele andere Sportarten und versuche, neue Dinge reinzubringen", sagte der ehemalige Luzerner Keeper, "wichtig ist, dass die Konzentration hoch und Abwechslung da ist."
Auch Schalke 04 testete in der Bundesliga-Rückrunde mit Keeper Ralf Fährmann diese Trainingshilfe. Werder Bremens Torwarttrainer Christian Vander orderte das etwa 400 Euro teure Gerät in den USA und ließ es im Wintertrainingslager in Belek ausprobieren. Nach ein wenig Tüfteln warnte er: "Wenn du gleich mit der höchsten Stufe anfängst, dann hast du im Training einen Nasenbeinbruch mehr."
Eine Hightech-Brille allein macht noch keinen guten Torhüter - auch wenn Sommer beim mühsamen 1:0-Sieg der Schweizer gegen den EM-Neuling Albanien vor allem mit seinen blitzschnellen Reflexen eine Blamage verhinderte. Seit er vor zwei Jahren für neun Millionen Euro vom FC Basel als Nachfolger von Marc-Andre ter Stegen zu Borussia Mönchengladbach gewechselt ist, hat er sich in allen Bereichen enorm weiterentwickelt. Nach der WM 2014 stieg er nach dem Rücktritt des Wolfsburgers Diego Benaglio zur Nummer eins im Schweizer Tor auf. "Die Bundesliga hat mich noch stärker gemacht", sagte Sommer, der mit der Schweiz am Mittwoch (18.00 Uhr im LIVE-TICKER) in Paris gegen Rumänien bereits in die K.o.-Runde einziehen kann.
Für seinen Nationaltrainer Vladimir Petkovic war die Leistung zum EM-Start keine Überraschung: "Das ist nichts Neues für uns. Er hat wieder bewiesen, dass er zwar ein junger, aber ein hervorragender Torwart ist. Jeder in Deutschland weiß das." Für Petkovics Vorgänger Ottmar Hitzfeld ist Sommer sogar "auf dem Weg zur Weltklasse. Er hat eine unglaubliche Reaktion."
Ob Gladbach sich noch lange daran erfreuen kann, ist fraglich. Der Schweizer wird mit der englischen Premier League in Verbindung gebracht. Angeblich steht er auf der Wunschliste von Manchester City und Ex-Bayern-Trainer Pep Guardiola. Er habe "das Potenzial, bei einem ganz großen Klub dieser Welt zu spielen", glaubt Hitzfeld. Sommer selbst hält sich bedeckt: "Das ist ein Gerücht und bleibt ein Gerücht, und ich kommentiere kein Gerücht."


