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Marek Hamsik: Der Erbe Nedveds ist erwacht

Dreckig, kriminell und hässlich ist die italienische Stadt Neapel in den Augen vieler Besucher. Kein Ort, wo ein aufstrebender Fußballstar den Großteil seiner Karriere verbringen will, möchte man meinen. Und doch zieht Neapel immer wieder Berühmtheiten in seinen Bann. Einst wurde Diego Maradona hier zum Heiligen erklärt. Heute ist es der slowakische Mittelfeldspieler Marek Hamsik, der sich Hals über Kopf in die chaotische Stadt am Fuße des Vesuv verliebt hat.

Nicht einmal drei Raubüberfalle auf offener Straße konnten ihn und seine Frau daran hindern, aus Neapel wegzuziehen. "Es ist heutzutage schwieriger geworden, aber ich möchte in Neapel wie Totti in Rom oder Del Piero in Turin werden. Ich bin hier zu Hause", verkündet Hamsik, der sich bereits 2007, im Alter von 19 Jahren, den "Azzurri" anschloss und jede Transferperiode zahlreichen lukrativen Angeboten aus allen Himmelsrichtungen widersteht.

Es ist nämlich nicht nur die bedingungslose Treue, sondern seine beeindruckenden Fähigkeiten am Ball, die einen Vergleich mit den beiden italienischen Legenden Totti und Del Piero durchaus angebracht erscheinen lassen. Der offensive Mittelfeldspieler ist ein fußballerisches Gesamtpaket. Er hat die Mentalität eines Kriegers und ist zugleich ein filigraner Techniker. Er bedient seine Mitspieler mit genialen Pässen und strahlt selber Torgefahr aus. "Hamsik kommt mir am nächsten. Er ist mein Erbe", hob ihn der ehemalige tschechische Weltstar Pavel Nedved einst in den Fußball-Adel.

Die Anhänger des SSC Neapel erkennen in ihm sogar Übermenschliches. "Außerirdischer" rufen die Fans ihren Kapitän im Stadio Sao Paolo etwas eigen und verehren ihn leidenschaftlich. Die organisierte Kriminalität mischt dabei ebenso mit. In guter alter Neapel-Tradition ließ sich Hamsik zu seiner Anfangszeit wie einst Fabio Cannavaro, Roberto Carlos und Diego Maradona mit einem hochrangigen Mafiosi ablichten. Dass es sich dabei um den berüchtigten Domenico Pagano vom Camorra-Clan handelte, wusste der Slowake nach Aussage seines Vaters aber nicht.

Der Makel bleibt

Manch einer würde beim Anblick Hamsiks wahrscheinlich selber die Straßenseite wechseln. Mit seinem riesigen Irokosenschnitt, seinen tätowierten Armen und dem berühmten Jubelschrei mit weit aufgerissenem Mund sieht der Slowake nicht gerade aus wie der brave Junge von nebenan. "Ich kann mit 140 km/h durch Neapel fahren, ohne einen Strafzettel zu bekommen", provozierte Hamsik vor einigen Jahren und unterstrich mit seiner Aussage die enormen Ausmaße seiner Popularität.

Doch nicht nur die italienische Stadt liegt dem feinen Techniker zu Füßen. In der 5,4 Millionen Einwohner kleinen Slowakei ist Hamsik ebenfalls Volksheld und Vorbild. Seit dem Zusammenbruch des kommunistischen Ostblocks und der damit verbundenen Trennung von Tschechien hat das osteuropäische Land nicht mehr solch einen talentierten Fußballer in seinen Reihen gehabt.

Lediglich von seinem guten Freund Martin Skrtel bekommt er Konkurrenz. Jahr für Jahr liefert er sich mit dem Innenverteidiger vom FC Liverpool ein spannendes Rennen um die Auszeichnung als bester Fußballer der Slowakei. Im Dezember vergangenen Jahres holte Hamsik seine fünfte Trophäe und ist damit am Innenverteidiger vorbeigezogen. 

Mit der Bewunderung seiner Landsleute steigen allerdings auch die in ihn gesetzten Erwartungen und diese konnte er im Gegensatz zu seinem Arbeitsort in Neapel nicht wirklich erfüllen. Als Aushängeschild des slowakischen Fußballs werden von Hamsik immer Top-Leistungen erwartet, was ihn in seinen neun Nationalmannschaftsjahren oft belastete und hemmte. Bereits bei der WM 2010 in Südafrika wurde er mit 22 Jahren als großer Star gefeiert und musste die Hoffnungen einer ganzen Nation auf seinen jungen Schultern zu tragen. Dass nicht jeder junge Mensch solch einer Last gewachsen ist, offenbarten seine durchwachsenen Leistungen in Südafrika. Hamsik spielte keineswegs schlecht, die entscheidende Führungsrolle übernahmen aber seine Kollegen.

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Der neue Hamsik

Bei der EM in Frankreich soll nun alles anders werden. Hamsik bekommt die zweite Chance, sich mit tollen Leistungen in den Geschichtsbüchern der Slowakei zu verewigen. "Früher wurde kritisiert, dass er nur für Neapel nicht aber für die Slowakei Leistung bringt. Nun spielte er aber eine unglaublich starke Qualifikation", freut sich Nationalmannschaftskollege und Ex-Bochumer Stanislav Sestak und deutet an, dass Hamsik die Rolle des Leaders auch im Nationaltrikot endlich angenommen hat.

"Er war unser Anführer und spielte fantastisch. Er hat sich für die Mannschaft aufgeopfert und ist deutlich gereift", bestätigt Nationaltrainer Jan Kozak Hamsiks Leistungssprung. Dass der slowakische Hoffnungsträger mit dem Druck nun viel besser umgehen kann, bewies vor allem seine deutlich gestiegene Trefferquote. Weil die slowakischen Angreifer Michal Duris (Viktoria Pilsen) und Adam Nemec (Willem II) in der Qualifikation oft nicht den nötigen Killerinstinkt unter Beweis stellten, musste Hamsik für sie in die Bresche springen. Mit fünf Toren war er der erfolgreichste slowakische Torschütze und ebnete seiner Heimat den Weg zur ersten Europameisterschaft.

Symbolisch für sein neu gewonnenes Selbstbewusstsein im Nationaltrikot war sein bärenstarker Auftritt gegen das DFB-Team beim 3:1 Testspielerfolg der Slowakei. Höhepunkt der Partie: sein sehenswerter Treffer aus circa 25 Metern in den Winkel. Nun sollen ähnliche Glanzlichter auch bei der EM folgen.

Mit stabiler Defensive zur Überraschung

Doch wer die Slowakei allein auf Hamsik reduziert, läuft Gefahr, eine unangenehme Überraschung zu erleben. Die Mannschaft zeichnet sich durch ihren starken Kampfgeist aus und ist besonders für spielerisch starke Teams ein unbequemer Gegner. Bei der WM 2010 sorgte die Mannschaft für das überraschende Vorrundenaus des amtierenden Weltmeisters Italien (3:2). In der aktuellen Qualifikation wurde Spanien 2:1 geschlagen.

Die erfahrene Defensive, bestehend aus Martin Skrtel, Peter Pekarik, Tomas Hubocan und Jan Durica, raubt Offensivkünstlern durch ihre Robustheit und Härte jeglichen Spaß am Spiel. Zudem wuchs mit Juraj Kucka vom AC Mailand ein zweiter Leader im zentralen Mittelfeld heran, der Hamsik entlastet und ihm mehr Freiheiten in der Offensive gewährt.

Dank all dieser Faktoren könnte sich die Slowakei zu einer echten EM-Überraschung entwickeln.

Das Team erscheint im Vergleich zur erfolgreichen WM-Premiere 2010, als im Achtelfinale gegen den späteren Finalisten Niederlande Schluss war, noch stabiler und stärker. Das kleine Land ist bereit, den Favoriten wieder ein Schnippchen zu schlagen und darf sich dank Hamsik über viele neue Unterstützer freuen. Die Neapolitaner werden ihren großen Liebling bei der EM nämlich ebenfsio leidenschaftlich anfeuern, als trüge der das Trikot der Klubs. Denn welches Trikot ihre Gottheit trägt, ist ihnen egal, sie lieben ihn - und genau so er sie und seine Heimat Neapel.

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