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Corentin Tolisso FC Bayern Olympique Lyon GFXGoal / Getty Images

Lyons Corentin Tolisso: Ein Junior-Anführer für den FC Bayern?


HINTERGRUND

Es ist ein malerisches Bild, wie sich die dicht bebaute Stadt ans Mittelmeer schmiegt. Neapel liegt an einer 30 Kilometer langen Bucht, gleich im Hintergrund erstreckt sich die gigantische Silhouette des Vesuvs. Italiener sagen, Neapel sei ein Stück des Himmels, das auf die Erde gefallen ist. 

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Durchs Stadtzentrum schlängeln sich enge, gut gefüllte Gassen entlang zahlreicher historischer Bauten und Kulturdenkmäler. Die Altstadt hat einen ganz speziellen Charme, sie wimmelt nur so vor regionalen Märkten, Eiscafes und Restaurants.

Neapel ist für seine Schönheit bekannt, aber nicht nur. Die langjährige Wahlheimat Diego Maradonas gilt auch als Epizentrum organisierter Kriminalität. Der Schriftsteller und Journalist Roberto Saviano tauchte für seine Recherchen zu einer dokumentarischen Studie ein in den Alltag der Camorra, jener gefürchteten Familienclans im süditalienischen Neapel. Die Stadt beschreibt er vor etwas mehr als zehn Jahren als einen Ort, "an dem mehr Menschen ermordet werden als irgendwo sonst in Europa, an dem Geschäftemacherei und Gewalt unauflöslich miteinander verbunden sind und nur das einen Wert besitzt, was Macht verspricht". Es geht um Korruption und Gier, um Drogenhandel und brutale Verbrechen, um Mord und Todschlag inmitten der drittgrößten Stadt Italiens.

Sein Werk Gomorrha ist irgendetwas zwischen Roman und journalistischer Reportage, es wurde in 51 Sprachen übersetzt und diente als Grundlage für die gleichnamige Fernsehserie, die Sendern in etlichen Ländern gute Einschaltquoten bescherte. Savianos Buch schaffte es in sämtliche Bestsellerlisten, die Serie ging um die Welt. Sie kam an, auch bei der jüngeren Generation. Auch in Frankreich, auch bei Corentin Tolisso.

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Tolisso ist Fußballer, ein überaus talentierter noch dazu. Seit seinem 13. Lebensjahr kickt er für Olympique Lyon, in den vergangenen Jahren gelang ihm der Durchbruch. Aktuell scheint Tolisso vor einem millionenschweren Transfer zum FC Bayern München zu stehen, dabei sollte ihn seine Reise im vergangenen Sommer nach Neapel führen. Eigentlich.

Scheiterte Tolissos Wechsel wegen einer Fernsehserie? 

Dem Vernehmen nach waren sich die beiden Vereine schon einig, der SSC Neapel bereit, stattliche 37,5 Millionen Euro für Tolisso zu zahlen. "Er stand schon kurz vor einem Wechsel zu Neapel, aber man hat ihn in dem Glauben gelassen, dass das Leben in der Stadt nicht einfach sei und so hat er seine Meinung geändert", berichtete dessen Berater Frederic Guerra im April gegenüber dem Radiosender  Kiss Kiss Napoli . Er mutmaßte: "Irgendetwas hat in Tolisso Ängste vor der Stadt Neapel hervorgerufen. Hierzulande sieht man Gomorrha und ich gehe davon aus, dass ihn diese Serie beeinflusst hat."

Ob es tatsächlich die düsteren Geschichten Savianos waren, eigentlich viel zu derbe um wahr zu sein, die Tolisso von einem Umzug abgehalten haben, ist nicht übermittelt. Fakt ist: Tolisso entschied sich im vergangenen Sommer für einen Verbleib in Lyon, und er wird diese Wahl nicht bereut haben. Die abgelaufene Saison, seine dritte als Stammspieler, bescherte ihm den endgültigen Durchbruch, dank ihr ist er nun Nationalspieler, steht zudem in den Notizblöcken zahlreicher Top-Klubs. 

47 Pflichtspiele absolvierte Tolisso 2016/17 für OL, er reifte zum Taktgeber und Anführer. Tolisso spielte als Sechser, als Achter, als Zehner und als hängende Spitze. "Es ist ein Luxus, einen Spieler wie ihn zu haben, weil er seine Sache immer gut macht - egal wo er spielt", schwärmt sein Trainer Bruno Genesio. Tolisso habe Qualitäten, "die deutlich über dem Durchschnitt liegen". Qualitäten, die auch den Scouts des FC Bayern nicht verborgen geblieben sind. 

Tolisso bereits mit Bayern einig? 

Medienberichten zufolge ist sich Tolisso mit den Münchnern bereits einig. Laut dem kicker soll auch eine Übereinkunft zwischen den Klubs nicht mehr weit entfernt sein. Demnach würde Tolisso den deutsche Rekordmeister 35 Millionen Euro Ablöse plus mögliche Bonuszahlungen von weiteren 15 Millionen kosten. Viel Geld für einen 22-Jährigen. 

Coco, wie Tolisso von seinen Freunden genannt wird, wurde 2013 durch eine Verletzungswelle in die erste Mannschaft gespült. Er debütierte als Außenverteidiger und wechselte schnell in die Schaltzentrale. Müssten Talentsichter die Stärken des jungen Antreibers in wenigen Worten beschreiben, es würden wohl die Adjektive handlungsschnell, umsichtig, wuchtig, torgefährlich und schussgewaltig fallen. Auch seine Schnittstellenpässe sowie sein Kopfballspiel und der Defensivzweikampf zählen zu seinen Vorzügen. Das Taktikportal Spielverlagerung.de attestiert dem Mittelfeldspieler "herausragende Momente in seinen Bewegungen im zweiten Drittel", eine "Positionierung auf sehr hohem Niveau" und "eine angenehme Passgewichtung". 

Insbesondere aber ist es seine Vielseitigkeit, die Tolisso so außergewöhnlich macht. "Manchmal ist er nah an der Abwehr, und manchmal unterstützt er dann die Angriffe. Er ist schlicht großartig", meint sein ehemaliger Jugendtrainer Stephane Roche. Sollte es tatsächlich zum Transfer kommen, würde Tolisso bei den Bayern nach dem Karriereende Xabi Alonsos wohl eher die defensive Rolle zuteil werden.

Wie der spanische Mittelfeldmaestro ist er in der Lage, ein Spiel zu lenken. 2016/17 kam er auf durchschnittlich 85 Ballaktionen pro Spiel, er war an 177 Torschüssen direkt beteiligt und erzielte beachtliche 14 Treffer, wohlgemerkt allesamt aus dem Spiel heraus. Und dennoch muss die Frage erlaubt sein, ob der Franzose tatsächlich schon bereit ist für einen absoluten Top-Klub wie den FC Bayern.

WM 2018 mit Frankreich als großes Ziel

"Ich denke schon, dass er gut genug ist. Seine Leistungen im letzten Jahr waren bemerkenswert. Er hat bewiesen, dass er auf höchstem Niveau spielen kann und ist deshalb jetzt auch ein Teil der Nationalmannschaft", sagt Naim Beneddra von Goal Frankreich. Tolisso sei zwar noch jung, verfüge aber gleichzeitig über verhältnismäßig viel Erfahrung und eine reife Spielanlage. 

Für Tolisso indes lautet die Gretchenfrage, mit welchen Spielanteilen er kurzfristig rechnen kann. "Mein Hauptziel ist es, mit Frankreich zur Weltmeisterschaft zu fahren", sagt er, und dafür braucht er selbstredend so viele Spielanteile wie möglich. In der Saison vor dem großen Turnier in Russland in eine Reservistenrolle zu verfallen, kann er sich nicht leisten. Das würde seine Nominierung angesichts der immensen Qualitätsdichte im Kader der Equipe Tricolore nahezu unmöglich machen.

"Falls ich bleibe, dann ist es deshalb, weil ich so die besten Chancen sehe, mich für die WM zu qualifizieren", erklärte er zuletzt gegenüber RMC:  "Ich will mich weiter verbessern und werde sehen, was passiert." Ob er in Zukunft bei Lyon oder bei einem anderen Verein spiele, stehe noch nicht fest.

Tolissos Vater gab kürzlich gegenüber der  L'Equipe  Einblicke ins Seelenleben seines Sohnes. "Das Angebot von Napoli hat etwas in ihm verändert. Er sagt seitdem: Wenn so ein Klub an mir interessiert ist, muss ich ein Spieler sein, der schon ein bisschen was kann." Es scheint, als sei Tolissos Selbstbewusstsein gewachsen, als sei er bereit für den nächsten Schritt. An düsteren Geschichten über München dürfte ein Wechsel jedenfalls kaum scheitern, als Mafiahochburg ist die bayrische Landeshauptstadt schließlich nicht bekannt. 

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